Terminplanung Online schneller zum Arzttermin

Mit Sicherheit ganz oben auf der Liste der größten Zeitverschwendungen: Im Wartezimmer einer Arztpraxis zu sitzen. Stundenlang, gerne auch mal den ganzen Vormittag. Vor allem, wenn man ohne Termin auftaucht. Was oft der Fall ist, denn so ist das nun mal, wenn man krank wird: Meistens passiert es plötzlich.

Online-Portal ZocDoc: Welcher Arzt hat Zeit für mich?

Online-Portal ZocDoc: Welcher Arzt hat Zeit für mich?

Von Thomas Schulz, San Francisco


"Kommen Sie vorbei, aber es kann dauern" gehört wahrscheinlich zu den am häufigsten verwendeten Sätzen jeder Praxishelferin am Telefon. Gefolgt von: "Wir haben da noch was in sechs Wochen", zu hören meist vom Spezialisten wie Röntgenärzten oder Kardiologen.

Lange war das hier in den USA nicht anders, aber seit einigen Jahren hat sich die Situation in vielen Großstädten grundlegend geändert. Zu verdanken ist das nicht etwa einer besseren Gesundheitsversorgung, sondern ZocDoc: einem Onlinedienst, der direkt mit den Terminkalendern von Arztpraxen verknüpft ist, so dass Patienten jederzeit in Echtzeit sehen können, welcher Arzt wann noch einen Termin frei hat - den sie dann mit einem Klick buchen können. Der Service ist für Patienten kostenlos, Ärzte zahlen 300 Dollar im Monat. Rund 2,5 Millionen Arzttermine werden jeden Monat so in 34 amerikanischen Großstädten gebucht.

Ich weiß nicht, wie viele Stunden mit alten Zeitschriften in muffigen Wartezimmern mir ZocDoc inzwischen erspart hat. Es gibt viele internetbasierte Dienstleistungen und Anwendungen, die einem das Leben erleichtern wollen, aber gegenüber den wenigsten empfinde ich echte Dankbarkeit für ihre Existenz. In der vergangenen Woche etwa musste ich wegen Nachwirkungen eines Sehnenanrisses im Handgelenk kurzfristig zum Orthopäden.

Von zahllosen Sportverletzungen als Jugendlicher weiß ich: Kurzfristig beim Sportarzt dran zu kommen, wenn einem nicht gerade das Bein abfällt, ist höchst unwahrscheinlich. Doch überhaupt kein Problem: ZocDoc zeigte mir alle freien Termine bei Orthopäden in der Umgebung von San Francisco an, sortiert nach Entfernung zu meinem Standort und Bewertung durch andere Patienten. Noch am gleichen Tag war ich beim Arzt - ohne Wartezeit. Ein anderer Patient hatte abgesagt, der frei gewordene Termin war sofort online und dann von mir gebucht worden.

Auch in Deutschland wird versucht, einen ähnlichen Service zu etablieren. Die Berliner Charité hat ein Start-up-Unternehmen mit dem gleichen Konzept gegründet. Unter doxter.de können bislang vor allem Zahnarzttermine in mehreren deutschen Großstädten gebucht werden.

Das Problem ist jedoch, eine kritische Masse von Ärzten zum Mitmachen zu bewegen. Für ZocDoc-Gründer Cyrus Massoumi war das viel Laufarbeit, fast zwei Jahre zog er mit einer Powerpoint-Präsentation seiner Idee durch New Yorks Arztpraxen - und wurde anfangs von vielen Medizinern abgewiesen.

Inzwischen haben sich die Vorteile aber so weit herumgesprochen, dass die meisten Praxen der Metropole bei ZocDoc vertreten sind. "Meine Arzthelferinnen müssen nicht ihre ganze Zeit am Telefon verbringen und Patienten Termine vorschlagen", sagte etwa Kamal Ramani, ein Allgemeinmediziner aus Manhattan, der "New York Times". "Unsere Praxis läuft für beide Seiten viel effizienter."

Das hat unter anderem auch Goldman Sachs überzeugt: ZocDoc erhielt von der Investmentbank 25 Millionen Dollar Anschubfinanzierung und wurde zuletzt mit rund 700 Millionen Dollar bewertet.

Health Information Technology, kurz HIT, ist auf jeden Fall ein schnell wachsendes Geschäftsfeld mit großen Chancen - für Unternehmen und Patienten. Aber es ist auch heikel. Meine sensiblen medizinischen Daten etwa will ich nicht, in welcher Form auch immer, als Gegenleistung für eine scheinbar kostenlose Dienstleistung vermarktet sehen.

Ich war erstaunt, als mein Hausarzt mir in der vergangenen Woche per E-Mail mitteilte, dass er jetzt auch mit einem gerade gestarteten neuen Webdienst namens Patient Fusion zusammenarbeitet. Auf den ersten Blick bietet Patient Fusion den gleichen Service wie ZocDoc. Nur: Das Unternehmen ist eine Tochterfirma von Practice Fusion, einem Unternehmen das nach eigenen Angaben medizinische Daten von 56 Millionen Patienten verwaltet und an Ärzte und Unternehmen im Gesundheitswesen vermarktet. Geld verdient Practice Fusion mit Werbung: Ärzte können kostenlos auf die Patientendaten zugreifen, bekommen dafür aber Anzeigen zu sehen - möglichst auch auf Grundlage der Patientendaten.

Finanziert wird Practice Fusion unter anderem von Peter Thiel, der auch Facebook aus den Startlöchern geholfen hat und jetzt hofft, die "medizinische Gemeinde genauso zu revolutionieren wie einst mit Facebook die sozialen Netzwerke". Ryan Howard, Chef von Practice Fusion, betont, dass Werbetreibende keinen Zugriff auf Namen von Patienten oder andere persönliche Informationen bekommen.

Aber es bleibt ein ungutes Gefühl und das Wissen um die Kehrseite all der schönen kostenlosen Onlinedienste: Irgendwie muss damit Geld verdient werden, und das funktioniert im Zweifelsfall am ehesten mit meinen Daten.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
docnase 15.04.2013
1.
So etwas gibt es in Deutschland schon lange: z.B. www.hnopraxis.de. direkt beim Arzt. Ich habe aber kein gutes Gefühl,wenn Patienten und ihre Daten von Firmen an Ärzte vermarktet werden. Das ist nicht die schöne neue Internetwelt, das macht den Menschen gläsern, in USA ja kein Problem, aber wollen wir das ?
areyoushure? 15.04.2013
2.
Bei dem Bericht sollte vielleicht auch die komplett unterschiedliche Gesundheitsdienstleisterstruktur der beiden Länder erwähnt werden? Beispiele: Frauen gehen dort nicht 1x/Jahr zu "Ihrem" Vorsorgetermin, hier schon. Wäre doch schön, wenn dann jedes mal ein anderer schauen darf? Ein nicht unerheblicher Anteil von (meistens Kassen-)Patienten nimmt den Termin weder war, noch wird dieser abgesagt. Somit besteht überhaupt kein Möglichkeit mehr für den Arzt eine adäquate Reaktion zu zeigen. Zu Lasten der potentiell auf einen Termin Wartenden. Ich möchte nicht, dass meine Daten als Austauschgut für Onlineterminkalender genutzt werden! Wen einem der Arzt egal ist, dann kann Man/Frau auch heute schon über Online Terminkalender Termine buchen! Auch dort ist es auffällig, dass einige superschnelle Termine anbieten, andere Monate im Voraus ausgebucht sind. Merkwürdig; oder?
hallosatire 15.04.2013
3.
Ich bin Arzt und biete meinen Patienten schon seit längerem eine Online-Terminvereinbarung an. Die Datenbank verwalte ich selber, sie ist geschützt und liegt auf meinem eigenen Server/ Webspace. Niemals würde ich meine Patientendaten in den Fänge eines nur gewinnorientierten Unternehmens geben. Meinen Terminkalender bzw. mein Praxisnetz für ein externes Untenehmen zu öffnen hieße förmlich um einen Trojaner zu betteln. Das Internet ist neutral, die Cloud bezogen auf sensible Patientendaten jedoch schlecht. Diese werden garantiert verkauft bzw. im Neusprech "für Mehrwertdienste verwendet". Richtig interessant sind die Daten dann wenn sie zentral gespeichert sind und von möglichst vielen Patienten bzw. Ärzten gesammelt werden. Das Ganze ist ein "Honeypot" für arglose Patienten und ahnungslose Ärzte. Im übrigen existiert in Deutschland die ärzliche Schweigepflicht, wenn der Patient sie aber selbst aushöhlt wird diese zur Makulatur. Dies wird in Deutschland z.Zt. im grossen Stile geplant. Die neue milliardenschwere Investition in die elektronische Gesundheitskarte ist der Schlüssel zur Speicherung aller unserer Gesundheitsdaten auf zentralen Servern. Die "Gesundheitswirtschaft" und interessierte Softwarefirmen sprechen offen von einer teilweisen Finanzierung durch "Mehrwertdienste". ... Brave new world ...
hallosatire 15.04.2013
4.
Ich bin Arzt und biete meinen Patienten schon seit längerem eine Online-Terminvereinbarung an. Die Datenbank verwalte ich selber, sie ist geschützt und liegt auf meinem eigenen Server/ Webspace. Niemals würde ich meine Patientendaten in den Fänge eines nur gewinnorientierten Unternehmens geben. Meinen Terminkalender bzw. mein Praxisnetz für ein externes Untenehmen zu öffnen hieße förmlich um einen Trojaner zu betteln. Das Internet ist neutral, die Cloud bezogen auf sensible Patientendaten jedoch schlecht. Diese werden garantiert verkauft bzw. im Neusprech "für Mehrwertdienste verwendet". Richtig interessant sind die Daten dann wenn sie zentral gespeichert sind und von möglichst vielen Patienten bzw. Ärzten gesammelt werden. Das Ganze ist ein "Honeypot" für arglose Patienten und ahnungslose Ärzte. Im übrigen existiert in Deutschland die ärzliche Schweigepflicht, wenn der Patient sie aber selbst aushöhlt wird diese zur Makulatur. Dies wird in Deutschland z.Zt. im grossen Stile geplant. Die neue milliardenschwere Investition in die elektronische Gesundheitskarte ist der Schlüssel zur Speicherung aller unserer Gesundheitsdaten auf zentralen Servern. Die "Gesundheitswirtschaft" und interessierte Softwarefirmen sprechen offen von einer teilweisen Finanzierung durch "Mehrwertdienste". ... Brave new world ...
mike_litoris 15.04.2013
5.
@hallosatire das klingt, als seien Sie von der technischen Dienstleistung schon auf dem richtigen Weg, eigentlich ist es dann kein großer Schritt mehr, sich mit Profis zu einigen. Das Angebot von ZocDoc finanziert sich bestimmt nicht über die Weitergabe von Daten, sondern die Praxen zahlen sicher für die effizientere Terminverwaltung. Wenn ich mir die Webseite von Zocdoc mit Berwertungen, Informationen, Sonderleistungen usw anschaue, dann kann ich verstehen, weshalb das ein Erfolgsmodell ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.