Online-Musikangebot: Twitter sucht den Massengeschmack

Von Thomas Schulz, San Francisco

Twitter #music ist nun endlich Ende vergangener Woche gestartet: Nach einem langen Vorspiel aus Andeutungen, Teasern und den üblichen Marketing-Tricks, um möglichst viel Vorab-Hype zu fabrizieren - wie etwa exklusiven Test-Zugängen für Stars und Sternchen, die brav vorher berichteten, wie toll das neue Online-Musikangebot sei.

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Twitter Music: Eigene App als Musikempfehlungsdienst - eher Spotify oder eher Ping?

Musik und Twitter werden gerne als natürliche Verbindung gesehen. Viele Musiker nutzen den Dienst, viele twittern über ihre Musikvorlieben, warum also nicht Twitter-Nachrichten nach Erwähnungen von Künstlern und Songtiteln durchforsten und darauf basierend "empfehlen". Genau das bietet Twitter #music nun, und zwar als unabhängige Anwendung.

Allerdings bleiben erstaunlich viele Nutzer noch außen vor. Twitter #music ist in Deutschland und auch den meisten anderen Ländern bislang nicht zugänglich, sondern nur hier in den USA sowie in Kanada, Großbritannien, Irland, Australien und Neuseeland. Außerdem ist der Dienst bislang nur für Web und iOS ausgelegt.

Vielleicht haben all die Einschränkungen trotz der auf Hochtouren laufenden Hype-Maschine den erhofften Sensationsstart verhindert: Twitter #music ist nicht gerade heißer Gesprächsstoff, weder hier in der Tech-Szene im Silicon Valley, noch in der Musikindustrie in New York. Vielleicht ist es aber auch nur Gleichgültigkeit gegenüber einer Anwendung, von der nicht klar ist, was an ihr wirklich neu oder besser sein soll. In den vergangenen Tagen habe ich mich dazu unter anderem bei der Online-Avantgarde auf dem Campus der Stanford University umgehört. Die Studenten an der Uni im Herzen des Silicon Valley, die unter anderem Google und Instagram hervorgebracht hat, sind oft ein gutes Barometer für die Akzeptanz neuer Apps und Onlinedienste. Twitter #music stößt zumindest in den ersten Tagen nach dem Start allenfalls auf mildes Desinteresse. Fast keiner der vielen Studenten mit denen ich gesprochen habe, hat den Dienst ausprobiert. "Ich weiß nicht, was daran so Besonders sein soll", sagt etwa Stanford-Studentin Jeanne Meyer, 19.

Musik durch Empfehlungen aus sozialen Medien zu entdecken ist ganz sicher nicht neu, dazu gibt es unter anderem Last.fm, Spotify und Facebook. Auch Apple hatte versucht, mit Ping ein eigenes soziales Musik-Netzwerk zu etablieren, das Vorhaben dann aber vergangenes Jahr wegen Erfolglosigkeit eingestellt. Grundsätzlich ist Twitter Music also keine Revolution. Die langfristigen Erfolgsaussichten für das neue Angebot liegen wenn dann in der Masse: 200 Millionen Twitter-Nutzer sind eine enorme Basis.

In jedem Fall gelungen ist die elegante und geradlinige Aufmachung sowohl für iOS als auch für die Web-Version: Das gesamte Browser-Fenster ist gefüllt mit einem Mosaik aus Songtiteln. Per Klick öffnen sich allerlei Funktionen: Die Songs lassen sich standardmäßig kurz anspielen als Schnipsel aus dem iTunes-Store - und dort auch direkt kaufen. Wer einen Spotify- oder rdio-Account hat, kann auch ganze Stücke abspielen. Dazu lässt sich auch das Twitter-Profil des Künstlers aufrufen.

Sortiert wird das Angebot über fünf Tabs. "Popular" zeigt die 140 gerade am häufigsten auf Twitter diskutierten Künstler. "Emerging" präsentiert "versteckte Talente" , wobei nicht klar ist, nach welchen Kriterien dabei die Tweets durchsucht werden. Auf jeden Fall spuckt der Dienst in diesem Segment Künstler jenseits des musikalischen Mainstreams aus. "NowPlaying" listet ausschließlich Künstler auf, die von jemanden auf Twitter erwähnt wurden, dem man folgt. Der Original-Tweet ist verlinkt, so lässt sich nachvollziehen, wer den Musiktitel getwittert hat und in welchem Kontext.

Die verbleibenden beiden Tabs sortieren das Musikangebot nach Künstlern, denen man selbst auf Twitter folgt, sowie nach angeblich dazu passenden Empfehlungen - wobei auch hier wieder nicht klar ist, welcher Algorithmus dabei am Werk ist. Ich folge nur einer Handvoll, vor allem aus der elektronischen Richtung stammenden Bands - etwa Hot Chip, Santigold und Thievery Corporation. Twitter #music empfiehlt mir daraufhin Alanis Morissette.

Twitter #music ist sicher technisch sauber umgesetzt, gut designt und die dahinterstehende Idee ist spannend: Aus der immer größeren Zahl an Twitter-Nachrichten nicht nur gesellschaftliche Trends und politische Entwicklungen abzulesen, sondern auch den musikalischen Massengeschmack zu beeinflussen und letztlich besser zu bestimmen als nur über Verkaufszahlen.

Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Genauso könnte alternativ auch eine ganz andere Zukunft drohen: als zweites Ping.

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1.
seduro34 22.04.2013
Nachdem Musikfans jahrelang als "Raub"kopierer gebrandmarkt wurden weil die Musikcontentindustrie keine Lust hatte ein modernes Musikvermarktungskonzept anzubieten und Jahre nach iTunes, versucht nun auch der Letzte, Geld aus der Vermarktung zu schlagen. Und sie merken nicht, das sie Lichtjahre zu spät sind.
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  • Sarah Girner
    Thomas Schulz ist USA-Korrespondent des SPIEGEL, zunächst vier Jahre in New York, jetzt in San Francisco. Studium der Politikwissenschaften in Frankfurt und der Kommunikationswissenschaften in Miami, Fulbright-Stipendiat, Forschungssemester in Harvard. Anschließend mehrjähriges Intermezzo bei einem Frankfurter Internet-Start-up, erlebte dort Aufstieg und Fall der New Economy.

    Seit 2001 beim SPIEGEL im Ressort Wirtschaft. Ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik, Reporter des Jahres.


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