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Arbeitsmarkt: Maschinen verdrängen Menschen

Von Thomas Schulz, San Francisco

Es gibt wenige Orte auf der Welt, die so technologiefreundlich und fortschrittsgläubig sind wie das Massachusetts Institute of Technology (MIT). Aber ausgerechnet von hier kommt nun eine eindringliche Warnung.

Montage in GM-Werk in Michigan: "Die Liste der Tätigkeiten, in denen Menschen besser als Maschinen sind, schrumpft rasant" Zur Großansicht
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Montage in GM-Werk in Michigan: "Die Liste der Tätigkeiten, in denen Menschen besser als Maschinen sind, schrumpft rasant"

Die digitale Revolution wird zum globalen Problem für die Arbeitsmärkte, denn sie vernichtet Jobs schneller als sie neue schafft. Die Folge: Dauerhaft höhere Arbeitslosigkeit und sinkende Löhne - wie in den USA bereits jetzt der Fall. Es droht "eine tektonische Verschiebung in der Arbeitswelt", warnt Andrew McAfee, Direktor am Center for Digital Business des MIT.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Erik Brynjolfson forscht er seit Jahren über die Auswirkungen des IT-Fortschritts auf die Wirtschaft. Die Schlussfolgerung der beiden Ökonomen: Im Kampf Mensch gegen Maschine ziehen wir dank immer billigerer und besserer Hardware und Software zunehmend den Kürzeren. Diese Entwicklung ist schon länger spürbar: Kassiererinnen werden durch Selbstbedienungskassen verdrängt, Fluggesellschafts-Mitarbeiter durch Check-in-Kioske, Börsenhändler durch Algorithmen. "Das ist aber bislang alles nur ein Vorgeschmack, in den nächsten fünf bis zehn Jahren werden wir den Wandel weltweit erst richtig zu spüren bekommen", betonte McAfee, als ich ihn unlängst am MIT besuchte.

Die MIT-Ökonomen hatten ihre Forschungsergebnisse vor zwei Jahren erstmals veröffentlicht und damit in Fachkreisen für Aufruhr gesorgt. Inzwischen haben sie weiteres Datenmaterial gesammelt und dabei festgestellt: Die Entwicklung hat sich beschleunigt. "Die Liste der Tätigkeiten, in denen Menschen besser als Maschinen sind, schrumpft rasant", sagt McAfee. Anders als bei vorangegangenen technischen Revolutionen sind nicht nur einzelne Branchen bedroht; etwa Fließbandarbeiter in der Autoproduktion, die durch Roboter ersetzt werden. Zwar wird auch die Fabrikautomatisierung immer besser und billiger. Aber es geht vor allem um die breite Mitte von Dienstleistern und Angestellten: Call-Center-Mitarbeiter werden durch Telefon-Roboter ersetzt, Anwaltsgehilfen durch Computerprogramme, die Dokumente schneller und besser durchkämmen.

Untermauert werden die Beobachtungen der MIT-Forscher durch Wirtschaftsdaten aus den USA, die Ökonomen und Politikern schon seit Jahren Sorgen bereiten: Die Produktivität der größten Volkswirtschaft der Welt nimmt rasant zu, die Zahl der Arbeitsplätze aber stagniert. Die 2000er waren das erste Jahrzehnt seit der Depression, an dessen Ende es netto nicht mehr Jobs gab als zu Anfang - obwohl in den USA die Wirtschaftsleistung je Einwohner um ein Drittel höher liegt als vor 20 Jahren. Auch die aktuelle US-Arbeitslosenstatistik von Anfang April scheint das nur zu bestätigen: Trotz guten Wirtschaftsklimas und steigender Konsumlaune wurden viel weniger Jobs geschaffen als erwartet. Prompt brachen die Börsenkurse ein.

Die beiden MIT-Ökonomen sind deswegen nicht mehr alleine mit ihren Warnungen. Politiker und Wissenschaftler aller ideologischen Lager teilen inzwischen ihre Bedenken - darunter etwa der liberale Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman genauso wie der konservative Wirtschafts-Nobelpreisträger Gary Becker.

Auch den IT-Pionier Jaron Lanier beschäftigt das Thema. Nächste Woche erscheint sein neues Buch "Who Owns the Future?". Darin beklagt er, dass die "narzisstischen" neuen Technologie-Giganten wie Google und Facebook mehr Jobs vernichten als schaffen. Der große Verlierer der neuen digitalen Weltordnung sei die Mittelklasse. Gehe die Entwicklung so weiter, würden zwangsweise "die Märkte schrumpfen und der Kapitalismus kollabieren".

Larnier mag zwar etwas zu klassenkämpferisch klingen. Nicht von der Hand zu weisen ist aber, dass die Technologisierung der Arbeitswelt zu einer gesellschaftlichen Verschiebung beiträgt, die schon länger zu beobachten und durch harte Daten belegt ist: Die Wohlstandsgewinne werden überproportional von den obersten Einkommensgruppen eingesteckt. Der Druck auf die unteren Einkommensgruppen nimmt gleichzeitig zu. Denn mit der Technisierung steigt auch die Komplexität der Jobs - und damit die Konkurrenz um die Arbeitsplätze, die weniger Fähigkeiten und Bildung verlangen.

Im aktuellen SPIEGEL habe ich mich ausführlicher mit dem Thema befasst.

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1.
Dudenquatscher 29.04.2013
Aber das ist doch nun leider alter Wein in neuen Schläuchen. Schon die Maschinenstürmer waren der Meinung, dass die Maschinen ihre Lebensgrundlage bedrohen. Gut finde ich aber, dass sich Ökonomen mit diesem Thema befassen, wenngleich fraglich ist, wie man das Dilemma lösen könnte, denn wie sollte man so etwas regulieren? Da fallen mir zuerst Anreize wie Subventionen ein und das wäre sicherlich eine schlecht Lösung. Wie so oft wird man für sich zu dem Ergebnis kommen, dass die moralischen Grundlagen unserer Gesellschaft am Wanken sind.
2. nichts neues
vajk 29.04.2013
wer denkt die Welt steht still und alles bleibt wie es ist erliegt einem Fehler der so alt ist wie die Fähigkeit zu denken. Veränderungen und dadurch neu entstehende Probleme werden nicht durch Jammern und Zurückdrehversuche gelöst. Es heißt neue Wege suchen und finden und nicht Zeigefinger heben und blöken!
3.
lupo2357 29.04.2013
Unglaublich das sowas erst noch erforscht werden muss, dass Automatisierung in der Tendenz Arbeitsplaetze kostet ist doch klar. Das ist doch gerade die Idee. Niemand macht sich den Aufwand der Autmatisierung wenn er dadurch keine Arbeit einspart. Das Problem ist doch in Wirklichkeit was mit dem erwirtschafteten Gewinnen passiert und nicht das einfache, schwere und gefaehrliche Arbeit immer weniger von Menschen erledigt wird. Die alten Rezepte scheinen nicht mehr zu passen und die Gesellschaft wird sich wohl aendern muessen. Ansonsten war das Ende doch schon lange absehbar.
4.
FloatingTom 29.04.2013
Die digitale Revolution ist zwar noch lange nicht vorbei, aber wenn ich an all jene Schreibkräfte und Bandarbeiter denke, die schon jetzt der "Rationalisierung" zum Opfer gefallen sind - und das noch nicht der Höhepunkt gewesen sein sollte, kommt mir das kalte Grausen. Irgendwann in naher Zukunft werden also ein paar Prozent der Bevölkerung (arbeitend) die Wertschöpfung erledigen und der größte Teil mittels TV, Videospielen und Sozialhilfe ruhig gestellt? (.......) Lesen ist zwar aus der Mode - ich hoffe dennoch auf eine Revolution im Sinne von Marx und Lenin (vielleicht wird das Kapital ja noch von irgendwelchen subversiven Kräften verfilmt und bei YouTube veröffentlicht).
5.
olli08 29.04.2013
Wir werden in Zukunft um drei Maßnahmen zur Entschärfung des "Rationalisierungsproblems" nicht herumkommen: 1. Kopplung der Solzialversicherungsbeiträge an die Unternehmensumsätze statt an die Löhne. 2. Erheblich größere Anstrengungen zur Höherqualifizierung aller Menschen. 3. Flächendeckende Arbeitszeitverkürzungen um die Verteilung der Arbeit zu verbessern. Leider ist die Politik noch immer im Tiefschlaf ...
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Zum Autor
  • Sarah Girner
    Thomas Schulz ist USA-Korrespondent des SPIEGEL, zunächst vier Jahre in New York, jetzt in San Francisco. Studium der Politikwissenschaften in Frankfurt und der Kommunikationswissenschaften in Miami, Fulbright-Stipendiat, Forschungssemester in Harvard. Anschließend mehrjähriges Intermezzo bei einem Frankfurter Internet-Start-up, erlebte dort Aufstieg und Fall der New Economy.

    Seit 2001 beim SPIEGEL im Ressort Wirtschaft. Ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik, Reporter des Jahres.


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