"Simpsons"-Film Das wahre Springfield liegt in Vermont

Springfield kommt bei den "Simpsons" nicht gut weg. Der Heimatort der Fernsehfamilie hat korrupte Politiker, eine unfähige Polizei, dämliche Bürger. Trotzdem bewarben sich 14 US-Städte um die zweifelhafte Ehre, als das wahre Springfield gelten zu dürfen - per Videoclip und Web-Abstimmung.

Von Gregor Wildermann


Los Angeles, Cannes, London, manchmal auch Berlin - für gewöhnlich sind Millionenmetropolen die ersten Adressen für die Filmpremieren von großen Blockbuster-Filmen. Mit rotem Teppich, VIP-Eingang, Stretchlimousinen, frisch geglätteten Botox-Gesichtern und teurer Garderobe. Doch was, wenn all das gegen Kleinstadtidylle und 9300 Einwohner getauscht würde?

Dieses glückliche Schicksal erlebte am Wochenende, fünf Tage vor dem weltweiten Kinostart von "Die Simpsons - Der Film", der amerikanische Ort Springfield im Bundesstaat Vermont. Und das nur, weil die Bewohner einen Fünf-Minuten-Clip ins Netz gestellt hatten.

Homer, Springfield-Bewohner: Zweifelhafte Ehre für Springfield, Vermont
20th Century Fox

Homer, Springfield-Bewohner: Zweifelhafte Ehre für Springfield, Vermont

Seit einigen Wochen konnten Besucher der Netzseite der US-Tageszeitung "USA Today" unter filmischen Bewerbungsclips von 14 verschiedenen Orten mit dem Namen Springfield entscheiden. Ausgelobter Preis für den Gewinner: Austragungsort für die internationale Filmpremiere von "Die Simpsons - Der Film". Seitdem die animierte Serie im Jahre 1989 auf Sendung ging, wurden in mehr als 400 Folgen immer nur versteckte Hinweise auf den genauen Standort der Kleinstadt hinterlassen. Springfield sollte mit seinen typisierten Bewohnern von der Simpsons-Familie bis hin zum Atomkraftbetreiber Montgomery Burns eher wie eine Stellvertreterin für jede mögliche Stadt in Amerika funktionieren.

Abraham Lincoln als Vorbild für Barts Opa?

Die Festlegung auf einen bestimmten Ort und Bundesstaat hätte für die Serienerfinder rund um Matt Groening auch mögliche Überraschungen und kreative Freiheiten schwierig gemacht. Doch für den lang ersehnten Kinofilm gab man dieses kostbare Gut ganz im Stil der YouTube-Generation für einen Tag aus der Hand und rollte am 21. Juli in Springfield, Vermont, den gelben Teppich aus. Der Clip aus dem Staat im Nordosten der USA gewann mit 15.367 Stimmen gegenüber dem Beitrag aus Illinois, der zu Anfang der Aktion noch als Favorit gegolten hatte und 14.634 Stimmen einheimsen konnte.

Vor allem die örtlichen und inhaltlichen Übereinstimmungen sprachen für Springfield, Illinois, wo Bürgermeister Timothy J. Davlin die Filmpremiere zur Chefsache ernannte und in seinem Büro einen großen Bart-Pappaufsteller platzierte. Denn außer einem Nachbarort namens Shelbyville, einer Straße namens Evergreen Terrace und einer echten Marge Simpson sprach vor allem der verkürzte Vorname des berühmtesten Sohnes der Stadt für Illinois. Kein geringerer als Abraham Lincoln sollte wohl in den Augen der Zuschauer aus Illinois die inhaltliche Vorlage für Homers Vater Abe Simpson gewesen sein.

Ein Skater und ein Kennedy als Fürsprecher

Auf solche etwas gewagten Parallelen setzten auch die anderen Mitbewerber, deren teilweise sehr unterschiedlichen Beiträge in ihrer Gesamtheit wie eine Momentaufnahme von Amerika im Jahre 2007 wirken. Da Serienerfinder Matt Groening aus Portland in Oregon stammt und auf der Straße nach Los Angeles eben auch ein Springfield liegt, sah man dort am ehesten den wahren Lebensort der gelben Familie. Auch Skateboarder Tony Hawk, der selbst schon mehrfach in der Serie vorkam, stellte sich für die Nominierung als prominente Werbefigur zur Verfügung.

Auch das Springfield in Massachusetts setzte mit Ted Kennedy auf einen prominenten Fürsprecher und inszenierte den restlichen Clip wie eine sehr unterhaltsame Enthüllungsreportage, die natürlich von einem Herrn Brockman moderiert wurde. Andere Bewerbungen gaben sich da etwas pragmatischer: In Michigan versuchte man es mit guten Stimmenimitatoren, in New Jersey erinnerte der Clip eher an einem Bandcontest, und für das Video aus Louisiana traten alle Beteiligten mit gelber Schminke auf. Die abgeschlagenen Beiträge aus Colorado und Florida fielen wohl eher aus technischen Gründen auf die letzten Plätze, denn in ihren Bewerbungsclips mangelte es schon mal an einem funktionierenden Mikrophon. Oder man hatte schlichtweg den Ton vergessen.

Warum gibt es kein Frühlingsfeld?

Die Gewinnerstadt in Vermont setzte in ihrem Clip weniger auf historische Übereinstimmungen oder große Prominenz. Ganz im Stil der Introsequenz der Serienvorlage beginnt ihr Video mit einem Jungen, der nach dem Klingeln der Schulglocke aus dem Schulgebäude rennt und dort den Weg eines kahlköpfigen Homer-Verschnitts kreuzt. Der macht anschließend bei der Verfolgung eines übergroßen rollenden Donuts die Stadt unsicher. Der Homer-Darsteller ist genau genommen kein Amateur: Tim Kavanagh arbeitet beim Fernsehsender Channel 3 und übernahm die Produktion des Clips, für die nur zehn Tage Zeit war.

Trotz ihres originellen Videos hatte man wohl in der im Jahre 1791 gegründeten Kleinstadt nicht mit dem obersten Platz auf dem Siegerpodest gerechnet. Selbst eine Woche nach Bekanntgabe lief im örtlichen Amt für Wirtschaftsförderung, dem Initiator der örtlichen Bewerbung, noch ein Anrufbeantworter mit der Stimme der hörbar überforderten Leiterin Patricia Chaffee. Judi Martin, die Besitzerin des örtlichen Kopierladens, klebte bei Bekanntgabe der Siegnachricht sofort mit großen gelben Streifen den Schriftzug "We Won" auf das Ladenfenster.

Am vergangenen Samstag war es denn endlich soweit: Der eher bräunliche Teppich mit gelben Rand wurde ausgerollt, Vermonts Senator Bernard Sanders hielt eine Rede, und auch Matt Groening zeigte sich erleichtert, dass nun endlich das wirkliche Springfield gefunden war.

In Deutschland wird es zum Filmstart leider keine ausgesuchte Premierenveranstaltung geben - vielleicht weiß man nun auch, woran das liegen könnte: Es gibt in Deutschland einfach keinen noch so kleinen Ort namens Frühlingsfeld.

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