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Skandalanzeigen: Sex statt Miete

Der ungehörige Deal ist so alt wie die Wohnungsnot: Miete fordern sexversessene Vermieter auch schon einmal in Naturalien ein. Worüber sich Amerika allerdings erregt, ist, wie unverblümt solche Offerten heute gemacht werden - vornehmlich über Anzeigenplattformen wie Craigslist.

Die Wohnungssuche kann ein ganz schön mühseliges Unterfangen sein, zumal in Amerikas Großstädten, wo preiswerter Wohnraum in anständigen Wohngegenden knapp ist. Für knappe Ressourcen aber kann man etwas verlangen, und immer öfter sieht man auf Anzeigenplattformen wie Craigslist, dass das auch geschieht: "Sex und leichte Büroarbeiten" zum Beispiel - als "Miete" für ein Zimmer.

Miet-Prostitution: Schuldfrei, wenn der Vermieter kommt
DPA

Miet-Prostitution: Schuldfrei, wenn der Vermieter kommt

Das Phänomen ist nicht neu. Seit Jahrzehnten inserieren selbststilisierte "Mäzene" und "Förderer" vor allem in Uni-Städten in aller Welt in Tageszeitungen Anzeigen, in denen mehr oder weniger gut verklausuliert körperliche Dienstleistungen als Austausch für ein Wohnrecht angeboten werden. Diverse Gesetze und das Bemühen der etablierten Medien um Seriosität verhindern, dass diese Anzeigen zu deutlich ausfallen. In den USA beispielsweise gilt die Bezahlung einer Mietschuld durch sexuelle Dienstleistungen als Prostitution - und die ist verboten. Bei den Tageszeitungen verhindern darum schon die Angestellten, dass sich offensichtlich für Prostitution werbende Anzeigen ins Blatt verirren, obwohl die Veröffentlichung selbst kein Gesetzesbruch wäre: Ungesetzlich ist dort nur all das, was auf die Anzeige folgt - von der Kontaktanbahnung bis zum "Vollzug".

Hemmungsloser Raum

Im Web jedoch ist das anders. Craigslist etwa, mittlerweile die größte kostenlose Anzeigenbörse der Welt, erlaubt das direkte Einstellen eines Inserats auf die Webseite. Die scheinbare Anonymität des Internet tut ihr Übriges und lässt bei vielen Inserenten so manche Hemmung fallen. Eine Kontrolle der Inhalte findet ja per Definition nicht statt: Craigslist vertraut da ganz offiziell auf die Selbstreinigungsmechanismen des Webs.

Im Klartext: Wenn sich bei Craigslist anstößige Inserate finden, sollen Nutzer der Plattform die Betreiber darüber in Kenntnis setzen, die daraufhin dann mit einer Streichung des Inserats reagieren. Craigslist-CEO Jim Buckmeister verkauft die Not als Tugend: "Mehrere zehn Millionen Nutzer sind eine weit größere Macht, wenn es darum geht, die monatlich acht Millionen neuen Anzeigen zu begutachten, als das irgendein Pool von Angestellten je sein könnte." Zumal wenn dieser Pool nur 19 Menschen umfasst: Mehr Angestellte hat Craigslist bis heute nicht und steht daher auf völlig verlorenem Posten, was die inhaltliche Kontrolle des Angebots angeht.

Zum Glück der Betreiber sind sie allerdings durch US-Recht gedeckt: Ein Bundesgesetz aus dem Jahr 1996 spricht Betreiber von Online-Angeboten, die nur uneditierte, von Nutzern bereitgestellte Informationen weiterreichen, von einer inhaltlichen Verantwortung frei - anders könnten auch Angebote wie Ebay, wie Foren, kostenlose Webseiten- oder Blog-Anbieter nicht arbeiten.

Selbstreinigung hinkt immer hinterher

Das schützt Craigslist allerdings nicht vor dem Zorn diverser Mietrechtsgruppen. Sie werfen der Anzeigenplattform vor, die Regeln für faire Mietangebote zu untergraben. Bereits im Februar verklagte eine Gruppe von Anwälten aus Chicago die Anzeigenplattform wegen der Publikation von Wohnungsanzeigen, die angeblich den Tatbestand der Diskriminierung von Bewerbern aus ethnischen, religiösen und sexuellen Gründen erfüllten.

Denn klar ist auch, dass die "Selbstsäuberung" des Angebotes dem Schwung neuer anzüglicher Anzeigen stets ein wenig hinterher hinkt. Die Nachrichtenagentur AP machte die Probe aufs Exempel - und fand Anzeigen, die sich an "talentierte und willige" junge Frauen richteten, an junge Homosexuelle, an Frauen, "die gern nackt sind. Mehr erwarte ich nicht".

Wie viele der als Skandal empfundenen Anzeigen tatsächlich wörtlich zu nehmen sind, ist unklar. Oft, glaubt Paul J. Browne von der New Yorker Polizei, seien die expliziten Inserate nichts anderes als eine schräge Spielart des Voyeurismus, bei der die Inserenten eher darauf abzielten zu sehen, wer da wie darauf reagiere. Mitunter aber, fanden die Reporter der Nachrichtenagentur heraus, meint es der Verfasser der Anzeige durchaus ernst: "Sie müssen schon attraktiv sein", machte ein Inserent auf Rückfrage klar, "ich lasse doch nicht jede in mein Haus."

pat/AP

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