Neues Technik-Magazin "Smart Woman" Computer sind hässlich, liebe Damen

"Smart Woman" ist eine neue Zeitschrift für Frauen, die sich für Technik interessieren. Leider stammt das Frauenbild der Macher aus der Zeit des Morsecodes.

Cover der "Smart Woman"
Angela Gruber

Cover der "Smart Woman"

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"Weg mit dem Speck": Dieses Ziel müssen Frauen jetzt nicht mehr nur auf dem Cover beliebiger Frauen-Fitness-Beauty-Trallala-Zeitschriften lesen. Nein, auch Frauen, die sich für Technik interessieren und sich deshalb die erste Ausgabe der "Smart Woman" zulegen, können sich darin übers Abspecken informieren. Diesmal selbstverständlich übers Schlankwerden mit Unterstützung von Apps. Wir wollen ja beim Thema bleiben.

Man darf sich nicht davon täuschen lassen, dass die Computerzeitschrift für Frauen sich eigentlich mit zukunftsträchtiger Technik beschäftigt. Das Frauenbild der Macher stammt aus der Zeit des Morsecodes.

Ich würde mich schämen, dieses Magazin meiner Mutter, Oma oder einer beliebigen anderen Frau hinzulegen - selbst wenn darin manche nützliche Tipps für eine Generation enthalten sind, die noch nicht im Internetzeitalter aufgewachsen ist. Frauen werden in "Smart Woman" als Technik-Nutzerinnen verstanden, die sich am besten über Bling-Bling, Putzmittel, Dienstleistungen für die Familie und ihr Interesse an Männern ködern lassen.

Haushaltstipps für die technikaffine Frau

Ein Text über Google Maps wird den Leserinnen mit der Zeile "So bringt Sie Ihr Smartphone schnell und sicher zum Date" verkauft. Eine Kolumnistin gibt in ihrer Kolumne vor, noch nie etwas von WhatsApp ("Wie bitte, wotsäp?") gehört zu haben.

Statt des Kaffeeautomaten könnte Frau sich ja auch ein Glamour-Armband für den Opern-Abend zulegen, rät die "Smart Woman". Ein smartes, versteht sich. Mit der Begründung "Desktop-Computer sind hässlich" will man Leserinnen zur Räson bringen, sich doch einen Laptop anzuschaffen. Zwischendrin gibt es noch ein paar Haushaltstipps für die technikaffine Frau von heute ("Waschmaschinen auslasten"). Und natürlich Putzanleitungen fürs Smartphone. Kein Witz.

Zielgruppe weiblich, 50+

"Smart Woman" wendet sich mit diesen Themen an Smartphone-Neulinge und Frauen jenseits der 50 , die bisher noch nicht viel mit digitaler Technik zu tun hatten. Schon als durchschnittlich begabte Smartphone-Nutzerin ist man zu gut informiert für das Blatt.

Dass eine solche Anfängerzeitschrift sich explizit an Frauen richtet, ist wohl kein Zufall. Aber geschenkt. Dass es keine vergleichbare Computerzeitschrift explizit für Männer gibt, die Anfänger auf diesem Niveau abholt, kann man dem Verlag schlecht vorwerfen.

Zumindest der Anspruch, Technik gut zu erklären, wird über weite Strecken eingelöst. Verständlich werden Vor- und Nachteile eines Smartphones aufgeschlüsselt, und die Inbetriebnahme wird verständlich und übersichtlich erläutert. Auch die Fotoanleitungen im Heft sind hilfreich. Was zum Beispiel "Surfen in LTE-Geschwindigkeit" bedeutet, wird als Vorwissen aber vorausgesetzt und nicht erklärt.

Das Layout der "Smart Woman" ist bieder und wenig einfallsreich. Aber es ist nicht ganz so schlimm, wie es das Cover vermuten lässt. Darauf lächelt einem ein weiblicher Avatar entgegen, passend zum Thema. Nein, Verzeihung. Es ist eine Frau, deren Gesicht so stark gephotoshoppt wurde, dass sie komplett künstlich wirkt, altersmäßig irgendwo zwischen Mitte 30 und Mitte 50.

Schizophrene Vorstellung der weiblichen Zielgruppe

Holger Lehmann, der Projektleiter der "Smart Woman", äußerte sich auf Anfrage bislang nicht zum Konzept der Zeitschrift. In seinem Editorial schreibt er von einem "Praxisheft für alle Frauen, die mitten im Leben stehen". Dass Frau auch gleichzeitig Technik-Neuling heißt, versteht sich da offenbar von selbst.

Gleichzeitig zeigt sich bei der "Smart Woman" dieselbe Schizophrenie, der auch viele andere Frauenzeitschriften zum Opfer fallen. Geschrieben werden soll für ältere Frauen. Auf Bilder von Dreißigjährigen mit hohen Absätzen, die Laptops balancieren, will man aber offensichtlich nicht verzichten. Und welche Rentnerin will allen Ernstes unter Anleitung der vorgestellten Apps ihren "Beachbody" formen, wie es in der Zeitschrift heißt?

Egal. Putzen, Abnehmen, Männer finden sind nun mal die Themen, die Zeitschriften lesende Frauen in Deutschland vorgesetzt bekommen. Egal in welchem Zusammenhang.


Smart Woman , Weka Media Publishing, 3,90 Euro

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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
cross 18.04.2016
1. Angebot und Nachfrage
es wird das angeboten, was sich am ehesten verkauft. ich muss mir ja auch als mann ständig sixpacktipps in zeitschriften antun, obwohl ich längst eines habe.
Chuck N. 18.04.2016
2.
Ist solch eine Zeitschrift wirklich einen Artikel wert? Wer sich für technik interessiert hat doch genug Alternativen sich zu informieren. Wenn da auf Geschlechterspezifisches wertgelegt wird, dann geht es auch gar nicht um die Thematik an sich.
fiftysomething 18.04.2016
3. Diese Republik
hat die Zeitschriften, die sie verdient. Da können die Bewahrer der Hochkultur noch so aufjaulen... wenn hier einer eine neu Zeitung lanciert, betreibt jeder, der sein Geld nicht zum Fenster raus werfen will, erst mal eine Marktanalyse. Interessant wäre doch ein Satz gewesen zum Thema, wie viele Zeitschriften jedes Jahr neu auf den Markt kommen und nach einer Zeit X sang- und klanglos eingestellt werden.
derdudea 18.04.2016
4. Aha...
"Egal. Putzen, Abnehmen, Männer finden sind nun mal die Themen, die Zeitschriften lesende Frauen in Deutschland vorgesetzt bekommen. Egal in welchem Zusammenhang" Habe ich es doch gewusst. Natürlich sind die Inhalte von Frauenzeitschriften das Ergebnis männlicher Unterdrückung. Das lässt sich die Industrie Milliarden kosten, indem sie auf diesem Sektor mal vollkommen wirtschaftliche Erwägungen außen vor lässt und auf keinen Fall Zeitschriften produziert, die Frauen lesen wollen. Nur einzelne skrupellose nur auf Profit getrimmte Schmierblätter wie die "Emma" erhalten sich eine Nische, indem sie das Schreiben, was Frauen wirklich lesen wollen. Ansonsten nur plumpe Umerziehung zum dümmlichen Heimchen am Herd.
muunoy 18.04.2016
5. Ist doch super auch fuer Maenner
Am Samstag war ich beim Frisoer. Dort warteten mehr Maenner als Frauen. Den Spiegel hatte sich schon ein anderer Mann gegriffen. Und die einzige Autozeitschrift, die dort normalerweise liegt, war nicht zu finden. Somit lagen dort nur Frauenzeitschriften. Und wenn man sich die so ansieht, koennte man zu dem Ergebnis kommen, dass die Macher offensichtlich annehmen, dass Frauen in Deutschland nicht lesen koennen. Ein etwas technik-lastigeres Frauenblaettchen wuerde ich daher beim Frisoer- oder Arztbesuch (o. k. bei meinem Zahnarzt liegt die Yacht aus, womit dort kein Handlungsbedarf besteht) durchaus begruessen.
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