Forschungsprojekt Spionage-App fotografiert Büro-Panoramen

Alle zwei Sekunden ein Foto: US-Wissenschaftler haben eine Smartphone-App entwickelt, die unbemerkt fotografiert. Aus Hunderten solcher Aufnahmen lassen sich dreidimensionale Panoramen errechnen - zum Beispiel von Büros.

PlaceRaider: Das Programm errechnet aus Einzelfotos 3-D-Panoramen zur Auswertung

PlaceRaider: Das Programm errechnet aus Einzelfotos 3-D-Panoramen zur Auswertung


Sobald die Zielperson im Büro oder zu Hause ist, fotografiert die Handykamera alle zwei Sekunden die Umgebung. Das Smartphone erledigt das lautlos, vor jeder Aufnahme stellt as Programm die Lautstärke auf null und hebt sie danach wieder an, die Aufnahmen werden nicht auf dem Display angezeigt. Das Programm analysiert die Daten, verwirft zu dunkle oder einander zu ähnliche Aufnahmen und überträgt nur die besten heimlich an einen Steuerungsserver. Aus Hunderten solcher Zufallsaufnahmen errechnet ein Programm die Komplettansicht der heimlich fotografierten Räume.

Dieses Programm existiert längst, der US-Informatiker Robert Templeman hat es mit Kollegen im Rahmen seiner Forschung an der Indiana University und dem Naval Surface Warfare Center der US-Marine entwickelt. Templeman beschreibt in seinem Paper, dass sich durch die Kombination verschiedener Analyseverfahren die Erkennung von Bilddetails wie zum Beispiel der Bankverbindung auf einem fotografierten Scheck durch Prüfer signifikant verbessern lässt.

Templeman hat seinen Foto-Trojaner PlaceRaider getauft. Das Programm war auf einem Android-Smartphone vorinstalliert, es fotografierte ohne Auslösegeräusch und ohne Anzeige der Aufnahmen alle zwei Sekunden lang in einem Testumfeld. Templeman und seine Kollegen hatten in einem Büro an der Universität verschiedene vermeintlich persönliche Dokumente wie Schecks, Barcodes und Ausweise drapiert. Sie baten 20 Testpersonen, an dem Smartphone in dem Büro einen standardisierten Test durchzuführen, das Browserverhalten und Apps des Smartphones zu bewerten. Die Tester wussten nicht, dass es nur darum geht, während ihrer Nutzung das Büro zu fotografieren.

Die Forscher wählten aus den 20 Datensätzen den mit den meisten Aufnahmen (1520 Fotos) aus. Sie ließen diese Fotos dann von zwei Testgruppen analysieren, sie sollten Details wie Schecks, Dokumente, Zertifikate und Fotos auf den Aufnahmen identifizieren. Die Testpersonen in der einen Gruppe mussten dazu die 1520 Fotos einzeln sichten. Die Teilnehmer der anderen Gruppe erhielten ein aus den Fotos errechnetes 3-D-Panorama, in dem man Details heranzoomen und nach links und rechts schwenken kann ähnlich wie bei Microsofts Fotodienst Photosynth.

Das Ergebnis von Templemans Studie: Die Nutzer der 3-D-Ansicht erkannten signifikant mehr Details als Tester, die zweidimensionale Aufnahmen testeten.

Eine entsprechende Schnüffel-App auf die Smartphones von auszuspähenden Personen zu kriegen, sieht der Informatiker Templeman als nicht allzu große Herausforderung. Er schreibt: "Wir erwarten keine Hindernisse dabei, PlaceRaider zum Beispiel in einer attraktiven Kamera-Anwendung unterzubringen, die von vielen Nutzern heruntergeladen wird."

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lis

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
hingeschaut!? 02.10.2012
1. Bitte Lächeln
Big Brother grüsst. Wieder eine neue App mit der man seine Mitmenschen ausspionieren kann. Es dürfte für Spanner die ideale App sein, sofort auf den Wunschzettel setzen. Aber auch Geheimdienste sowie Ermitlungsbehörden werden sich freuen wenn sie neben dem abhören ferngesteuerter Smartfons nun auch die Bilder dazu bekommen.
spider_j 02.10.2012
2. optional
prust! wie soll das denn in groessenordnungen funktionieren? meins steckt in der tasche, oder liegt aufm tisch. da gibt es keine ungewollten aufnahmen... ;)
Graphite 02.10.2012
3. fehlt nur noch
...das automatisierte Programm um die 3D-Ansich zu analysieren und schon ist das System perfekt! Oh George, du wusstest garnicht wie recht Du haben wirst!
hingeschaut!? 02.10.2012
4.
Zitat von spider_jprust! wie soll das denn in groessenordnungen funktionieren? meins steckt in der tasche, oder liegt aufm tisch. da gibt es keine ungewollten aufnahmen... ;)
Das ist doch ganz eifach, wenn du dein Handy ans Ohr hältst und telefonierst ist die Kamera frei. Das macht sich toll wenn du im Bett bist und deine Freundin n... neben dir liegt.
jerazi 02.10.2012
5. 1984 ist lange her...
Big Brother wäre darüber wohl eher erstaunt, wie weit Überwachungsmechanismen heute gehen könnten. Aber wenn man schon reflexartig mit abgegriffenen Bildern und Redensarten kommentieren muss, so könnte man in diesem Fall auch Sherlock Holmes imaginieren, der statt mit seiner Lupe mit einem Android-Mobiltelefon auf Indiziensuche geht.
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