Debatte um Smartphones Weglegen ist auch keine Lösung

Smartphones sind das Übersymbol für den Wandel der Welt. Wer sich durch die Technik Entschleunigung versprochen hat, hat etwas grundlegend missverstanden - und debattiert am Kern des Problems vorbei, findet unser Kolumnist Sascha Lobo.


Die aktuelle Titelgeschichte des SPIEGEL ist zwar ziemlich lang, wenn man sie wie ich auf dem Smartphone liest. Dafür sind Inhalt und Haltung des Stücks auf dem Cover meisterhaft verdichtet: "Legt doch mal das Ding weg! Wie man sein Smartphone beherrscht - und Ruhe findet".

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 32/2016
Wie man sein Smartphone beherrscht - und Ruhe findet

In Verbindung mit der Überschrift "Der Feind in meiner Hand" und der Artikelkategorie "Erziehung" ergibt sich ein Bild vom Smartphone als jugendgefährdender Suchtgefahr.

Doch diese Wahrnehmung treibt die wichtige Debatte über mobile, vernetzte Technologie und ihre gesellschaftliche Wirkung letztlich nicht voran, sondern weicht dieser Debatte aus, indem sie "weglegen" als Teil der Lösung propagiert.

Der sinnvolle Umgang mit dem Smartphone ist aber nichts, was man nur durch die Betrachtung des Geräts lernen kann.

Die Frage nach dem "Warum?" ignoriert

"Am Smartphone entlang entscheidet sich die Zukunft des Landes", fühlte ich mich gezwungen, im Herbst 2015 zu schreiben: Smartphones sind das neue Internet, das neue Übersymbol für den Wandel der Welt, für den Fortschritt selbst.

Insofern ist das größte Versäumnis, dass der Artikel die Frage nach dem "Warum?" ignoriert. Warum bestimmt das Smartphone das Leben einer digitalen Generation in dieser den Älteren radikal scheinenden Weise? Das ist der zu debattierende Kern, ohne den alle Daten, Zahlen, Fakten wie phänomenologische Ausweichtänze wirken.

"Es ist das große Paradoxon unserer Zeit: Die fortschreitende Digitalisierung unseres Alltags sollte mehr Zeit schenken, mehr Ruhe bringen, auch mehr Produktivität, stattdessen wird das Leben hektischer, erschöpft uns schneller. Wie ist das möglich? Wieso sorgen Geräte, die den Alltag entschleunigen sollen, dafür, dass sich viele Menschen gestresst fühlen?"

Dieses Zitat zeigt das zentrale Missverständnis auf. Denn da ist gar kein Paradoxon. Die "fortschreitende Digitalisierung" hatte niemals die Aufgabe, "mehr Zeit zu schenken" oder "mehr Ruhe zu bringen". Die Geräte sollen auch nie "den Alltag entschleunigen". Mit dieser Ausgangsperspektive lässt sich der zweifellos mit vielen negativen Aspekten behaftete Technologiekomplex "Smartphone" nicht greifen.

Es ist, als würde man behaupten, dass Autos die Welt sicherer machen sollen und sich dann über die vielen Unfalltoten empören. Die Beschwerde ist legitim, die Begründung nicht. Das oft in der Debatte beschriebene Technologieziel der "Vereinfachung" - in Wahrheit Convenience, Bequemlichkeit. Also das wichtigste Verkaufsargument aller digitalen Zeiten. Dahin führt die Spur, die nebenbei erklärt, warum die Welt immer komplexer wird.

Vom Smartphone lernen, was die Gesellschaft abverlangt

Das Smartphone ist wie alle seine Vorgänger und Nachfolger ein Kristallisationspunkt der technologisch-kapitalistisch geprägten Gesellschaft. Die Intensität des Umgangs mit dem Smartphone durch alle "Schichten" und auch abseits von Kinder- und Erziehungsdiskussionen ist ähnlich. Denn der Umgang mit dem Smartphone ist eine Momentaufnahme dessen, was die Gesellschaft ihren Teilnehmern abverlangt.

Der Psychiater Edward Hallowell, Experte für das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ADS, hat das Buch "Crazy Busy" geschrieben. Darin diagnositiziert er die "ADSisierung der Gesellschaft" und erklärt: "Die früher seltenen Symptome von ADS scheinen inzwischen bei so ziemlich jedem aufzutreten." Heute ginge es in jedem Großraumbüro zu wie in einem Kindergarten voller ADS-Kinder, die ihr Ritalin nicht genommen haben. Das Buch erschien im Jahr 2006, als es noch keine Smartphone in der heutigen Form gab - die ersten Ausläufer eines vernetzten, digitalen Wirtschaftssystems aber schon, und genau die waren für die Hektik verantwortlich.

Das Smartphone als Repräsentanz des Kapitalismus

Smartphone-Kritik ist deshalb ohne zumindest sanft angedeutete Kapitalismus-Kritik kaum zielführend. Und das heißt explizit nicht, dass man gegen beides sein muss (ich bin weder gegen das eine noch gegen das andere). Sondern dass die Essenz des Smartphones nicht sinnvoll diskutierbar ist, wenn man es nicht als Repräsentanz der digital vernetzten, kapitalistischen Gesellschaft betrachtet.

Man kann dann immer noch dagegen sein oder dafür oder irgendwas dazwischen, aber man kann nicht die Nässe der Straße beklagen, ohne über den Regen zu reden.

Die Abermillionen Kämpfe, die in den Familien vermeintlich um das Smartphone ausgetragen werden, sind keine Kämpfe zwischen den Generationen, sondern Kämpfe zwischen Welten. In der elterlichen lassen sich Smartphone und Restleben noch trennen, in der Welt der Jugend sind "Smartphone" und "Leben" untrennbar miteinander verschmolzen. Und das in jeder Hinsicht, sozial, von der Bildung her, politisch, kulturell. Ganz besonders aber: beruflich.

Steven Berlin Johnson hat, auch schon 2005, ein Standardwerk dazu geschrieben: "Everything bad is good for you." Dort vertritt er die These, dass die hektische, belastende, technologisch geprägte Jugendkultur schon lange die Art und Weise ist, wie die Jugend für die kommenden Herausforderungen der Welt trainiert. Und dass das schon lange auf Unverständnis der Elterngeneration stößt, weil früher naturgemäß ein technologisch anderes Training benötigt wurde.

Der Kontext der Sucht führt auf sehr falsche Wege

Sternmoment des Buches ist eine Anekdote, die hilft, das Problem einer an der Oberfläche orientierten Smartphone-Kritik zu begreifen. Johnson macht das Gedankenexperiment einer Parallelwelt, die unserer exakt gleicht. Außer dass Videospiele (die Smartphones der Nullerjahre) Jahrhunderte alt sind - und plötzlich wird das Papierbuch erfunden.

Johnson beschreibt dann die Kritik der Eltern an dieser neuen Technologie "Buch": Sie würde bis auf die Augen die Sinne dramatisch unterstimulieren. Das Gehirn sei völlig unterfordert, wenn es nicht die reiche, dreidimensionale, lebendige Welt der Videospiele erfassen müsse, sondern nur das kleine Hirnareal des Buchstabenlesens aktiviert werde. Und wie sehr Bücher die Kinder isolieren!

Vernetzte Videospiele bringen junge Menschen spielerisch in komplexe, aber zielorientierte Beziehungen miteinander, während diese neumodischen Bücher unsere Kinder zwingen, allein an einem stillen Ort in der Antisozialität zu versinken.

Schlimm erscheinen die neuen Abhängigkeiten

Dazu noch die Gefahr, dass Bücher radikal linear funktionieren, ohne jede Entscheidungs- und Interaktionsmöglichkeit für die "Leser", was da für ein passives, konsumorientiertes, sich unterwerfendes "Friss-oder-Stirb"-Weltbild implizit transportiert wird, unfassbar!

Die Botschaft ist klar. Die technologisch geprägte Welt um uns herum, die ganze an kapitalistischen Verwertungslogiken ausgerichtete Gesellschaft kann (mit Max Weber gesprochen) als "stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit" empfunden werden.

Die einengenden Abhängigkeiten, mit denen man aufgewachsen ist, empfindet man nicht als solche, sondern als Normalität. Die neuen Abhängigkeiten aber scheinen schlimmer, denn ein Teil des stahlharten Gehäuses ist dazugekommen, der vorher nicht da war. Ganz real messbar - und doch ist die bloße Feststellung unvollständig, weil sie das Wesen des Fortschritts verkennt. Von außen betrachtet sieht diese Verschiebung der Abhängigkeiten aus wie eine Sucht. So spielt der Begriff, die Metaphorik "Sucht" in der deutschen Debatte um das Smartphone eine große Rolle. Natürlich gibt es - von allen Dingen - ein "Zuviel". Aber schon der Kontext der Sucht führt auf sehr falsche Wege.

"Man sollte niemals vergessen, daß es der Menschheit mit der Technologie geht wie einem Alkoholiker mit einem Faß Wein. … Wenn einmal eine technische Neuheit erfunden ist, entsteht eine Abhängigkeit von ihr, so daß man darauf nicht wieder verzichten kann, außer wenn sie durch eine noch fortschrittlichere Neuheit ersetzt wird. Die Menschen werden nicht nur individuell abhängig von einer neuen technologischen Erfindung, sondern das System als Ganzes ist abhängig davon."

Das ist natürlich kein Zitat aus dem SPIEGEL-Artikel. Sondern aus dem Manifest von Theodore Kaczynski, also des radikal technologiefeindlichen Mörders, bekannt als Unabomber. Geschrieben im Jahr 1995, als das Smartphone kaum denkbar, das Internet noch höhlenmalereihaft war und die Medien- und Jugenddebatten sich um die schädlichen schnellen Schnitte von MTV drehten.

Die Gesellschaft hält diesen unfassbaren Druck für normal

Sucht nach einer Technologie? Diese Sucht heißt "digitale Gesellschaft" und ist bloß eine weitere der Hunderten Schichten der Abhängigkeit, die die Zivilisation zwingend mit sich bringt, seit die Arbeitsteilung erfunden wurde und man deshalb nicht mehr autark ist, Elektrizität, Zentralheizung, die ununterbrochene Kühlkette der Gemüselogistik, jetzt der Smartphone-Komplex. Jede neue Schicht ist eben das: eine neue Schicht der Abhängigkeit, die sich über die vielen anderen drüberlegt. Für die notwendige, überfällige Kritik an den Details und Rahmenbedingungen muss sich die Debatte von der Oberfläche lösen.

Die Frage, die nach dem Warum kommt, ist dann tatsächlich, wie man sich in Zeiten des allgegenwärtigen, mobilen, sozialen Internet Entscheidungsfreiheiten bewahren kann. Die Antwort hat aber weniger mit dem Smartphone zu tun und sehr viel mehr mit dem unfassbaren, allgegenwärtigen Druck, den die Gesellschaft heute für normal hält. Auch die Smartphone-Feinde, die bloß einen Sündenbock gefunden haben.

Die klügste Twitter-Selbstbeschreibung der Welt weist in die Richtung, die von Tim Siedell. Sie lautet: "Sometimes I just want to give it all up and become a handsome billionaire", manchmal möchte ich einfach bloß alles hinschmeißen und ein gut aussehender Milliardär werden. Dann klappt's auch mit dem Smartphone.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Donnerstagmorgen erhältlich.

Was im neuen SPIEGEL steht, erfahren Sie immer samstags in unserem kostenlosen Newsletter DIE LAGE, der sechsmal in der Woche erscheint - kompakt, analytisch, meinungsstark, geschrieben von der Chefredaktion oder den Leitern unseres Hauptstadtbüros in Berlin.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Die Mensch-Maschine


insgesamt 108 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
_leserin_ 10.08.2016
1. Vergleich hinkt
ich hab noch nie in einem persönlichen Gespräch erlebt, dass jemand das Gespräch unterbricht, weil ein Buch piepst. Es greift auch höchst selten jemand beim Autofahren reflexartig zum Beifahrersitz, um ein paar Seiten zu lesen.
beob_achter 10.08.2016
2. Ganz besonders aber: beruflich
Nun, Generation Y und BYOD kommen langsam in die Jahre, und die Kids beginnen, Positionen zu erklimmen, auf denen sie entscheidungsbefugt sind. Beispielsweise über IT-Sicherheit, Zugriffsrechte & Co. Die gute Nachricht: Altgediente Sysops bekommen beim Frisör Rabatt, weil sie sich schon viele Haare gerauft haben. Die - vielleicht - schlechte ist, daß das Bewahren von Firmengeheimnissen möglicherweise bald der Vergangenheit angehören wird. Somit erfüllt sich Zuckerbergs Prophezeiung nicht nur für FB-Jünger im privaten Bereich, sondern auch im beruflichen. Die Chinesen und andere Völker wird's freuen, wenn sie noch einfacher an Know How herankommen!
joergimausi 10.08.2016
3. Das ist ...
... Ihre ewige Leier von den "Älteren" die nicht verstehen was die heutige Generation bewegt. Das ist und bleibt Quatsch. Ein Buch ist einem Smartphone in vielen Hinsichten überlegen. "Smartphone" ist dabei nur ein Synonym für viele verschiedene Techniken. Jeder, der ein Buch lesen kann, kann auch eines schreiben. Kaum jemand, der ein Smartphone bedienen kann, kann eines bauen. Ich begebe mich also, wenn ich das Smartphone als Teil der künftigen Gesellschaft kritiklos akzeptiere, in Abhängigkeiten, denen ich mich ohne Gefahr für Leib, Leben und Bewusstsein nicht mehr entziehen kann. Deswegen wollen die "Alten" die "Jungen" davor bewahren.
Newspeak 10.08.2016
4. ...
Die klügste Twitter-Selbstbeschreibung der Welt weist in die Richtung, die von Tim Siedell. Sie lautet: "Sometimes I just want to give it all up and become a handsome billionaire" Das Smartphone ist nicht das Problem. Diese Schilderung der Probleme damit ist genauso langweilig, wie das Gegenteil. Es sind alles nur ermüdende Diskussionen über Nebenkriegsschauplätze. Der letzte Satz, obwohl nicht so gemeint, verweist auf die wahren Probleme. Es gibt zuviele reiche, weiße, alte Männer auf dieser Welt (und ein paar Frauen), die jenseits von Smartphones etc. die 99% unterdrücken. Das Smartphone ist für seine Befürworter bereits die Ablenkung. Und die Kritiker am Smartphone kritisieren nichts anderes mehr. So sind alle hübsch gebunden und machen keine hässliche Revolution.
superhoschi 10.08.2016
5. Was ist schon normal
Wie bei jeder Technologie lässt sich vortrefflich darüber streiten ob es gut oder schlecht für uns ist. Natürlich geht es am Ende um wirtschaftliche Interessen das wir den ganzen Kram kaufen und in Abhängigkeit geraten. Leider braucht es immer eine gewisse Zeit bis wir damit vernünftig umgehen lernen und dieser Artikel wird auch dazu beitragen sich weitere Gedanken darüber zu machen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.