Kunstprojekt aus Paris Wenn Smartphones an der Seele saugen

So sehen wohl diese "Smombies" aus: Das Gesicht verschmilzt mit dem Smartphone. Der Künstler Antoine Geiger zeigt Handynutzer im Stadtbild so, wie er sie sieht. Das Ergebnis wirkt verstörend.

Antoine Geiger

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In der Bahn, im Museum, in der Fußgängerzone: Überall starren die Menschen in ihre Smartphones und blenden völlig aus, was um sie herum passiert. Wie ein digitaler Strudel saugt das Smartphone-Display die Aufmerksamkeit der Nutzer ab und schirmt sie vor der Außenwelt ab. So zumindest nimmt der französische Künstler Antoine Geiger die Mobilnutzer in seinem Umfeld wahr. Mit seinem Projekt "Sur-Fake" bildet er die Menschen um sich herum so ab, wie sie auf ihn wirken.

Für seine Sammlung hat Geiger zunächst Menschen in Paris fotografiert, die gebannt auf ihr Display blicken. Sie checken ihre E-Mails auf dem Weg zur Arbeit oder schießen Selfies vor dem Ölgemälde der Mona Lisa im Louvre. Doch die Gesichter der Menschen sind auf Geigers Bildern nicht mehr zu erkennen: Der französische Künstler hat die Fotos am Computer so bearbeitet, dass die Gesichter wie ein Kaugummi zwischen Kopf und Display aufgespannt werden. Manche Menschen halten seine Bilder für gruselig, er selbst findet sie eher witzig.

Die Idee für das Projekt kam Geiger in der Metro. Plötzlich sei ihm aufgefallen, wie alleine man sich mit seinem Smartphone in der Hand fühle, obwohl überall Menschen sind. "Ich nehme immer stärker einen Wandel unseres Verhaltens wahr", sagt der 20-Jährige gegenüber SPIEGEL ONLINE. Man könne von einer "Abhängigkeit oder vielmehr einer Zwangshandlung" sprechen.

Auch der Künstler ist nicht immun gegen digitale Verlockungen

In seinen Fotos weise er daher "auf eine Entfremdung der Menschen von ihrem Umfeld hin". Die Interaktion mit anderen Personen werde durch das Tippen auf einer Benutzeroberfläche ersetzt. Mit mobilen Geräten könne man die Gegenwart von jemandem spüren, obwohl er nicht im selben Raum ist.

Einige Nutzer kritisieren in den Kommentaren zu seiner Arbeit, dass die Pendler früher auch schon isoliert waren, wenn sie Zeitungen und Bücher in der Bahn gelesen haben. Geiger hält dagegen, dass man Smartphones im Gegensatz zu bedruckten Seiten auch interaktiv nutzen kann. "Es ist ein Unterschied, ob man fünf Stunden täglich Schopenhauer auf dem Smartphone liest oder die Zeit mit Tinder verbringt", sagt Geiger.

Doch bei aller Gesellschaftskritik ist auch der Künstler nicht immun gegen die Verlockungen der interaktiven Welt. Auf die Frage, wie er selbst sein Smartphone nutze, sagt Geiger: "Ich verwende es sehr oft. Und ich meine damit, dass ich absolut ein Teil davon bin."

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
xineohp 13.11.2015
1. Smartphone-Sucht ...
... insbesondere in Kindheit und Jugend kann sich ein hartnäckiges und weitgehend löschungsresistentes Suchtgedächtnis entwickeln. Schützt wenigstens Eure Kinder und Jugendlichen durch die Einführung von Medienzeiten UND lasst Minderjährige nicht unbeaufsichtigt ins Internet - das wäre Verletzung der Aufsichtspflicht und Schutzbefohlenheit -> die kommen da an ALLES (i.e. unvorstellbare Darstellungen von realer Gewalt) heran :-/
windpillow 13.11.2015
2. Schöne neue Welt
Vor kurzem habe ich in der U-Bahn eine interessante Erfahrung gemacht. Ich sitze wie immer mit einem Buch (diemal: Reise durch Deutschland von Mark Twain) in der U-Bahn, neben mir eine Mutter mit Kind. Die Mutter war natürlich in ihr Handy/iphon? vertieft. Das kleine Mädchen sah mir eine Weile zu und fragte dann -dabei auf das Buch deutend- was das sei. Ehe ich es ihr genau erklären konnte zerrte die Mutter -natürlich den Bildschirm ihres Gerätes nicht aus den Augen lassend- die Kleine hoch und stieg mit ihr aus.
anton_dudda 13.11.2015
3. Telefone?
Also auf dem einen Bild handelt es sich definitiv um, im Volksmund oft fälschlicherweise als 'GameBoys' bezeichnete Modelle des Nintendo 3DS, mit welchen man so einiges kann, außer telefonieren oder Textnachrichten versenden. Der Herr Fotograf scheint eher mit der Digitalisierung der Welt als solche und nicht konkret mit dem übermäßigen Gebrauch von Smartphones unzufrieden zu sein. Ansonsten wäre ihm der Unterschied gewiss aufgefallen.
Kejo111 13.11.2015
4. Vor ein paar Jahren ...
... habe ich ernsthaft überlegt, ob ich mir ein Smartphone zulegen soll. Inzwischen ist mir sehr klar, dass ich keins brauche und keins haben will, denn ich sehe tagtäglich in Bus und Bahn die zahllosen Smombies, und es läuft mir kalt den Rücken runter. Es ist beängstigend zu sehen, dass rund um mich herum fast ausnahmslos sämtliche Menschen auf ihre Bildschirme starren und/oder auf ihnen herumtappern. Niemand nimmt seine Mitmenschen noch in nennenswerter Weise wahr, jeder schottet sich ab. Ich finde das nur noch bizarr!
monotrom 13.11.2015
5. Jajaja...
Sagte man nicht auch bei Einführung der Eisenbahn, dass die Menschen schwere Gesundheitsschäden davon tragen würden, wenn diese mit geschätzten 30km/h durch die Landschaft rasen? Das der Vergleich hinkt ist mir schon klar, aber mit dieser "Dämonisierung" von Smartphones & Co zieht man einfach keine Rüben mehr aus dem Acker. Das Nachrichtendienste und -Gruppen um soviel mehr fazinieren, als die (fremden) Menschen drum rum, mag vielleicht auch daran liegen, dass diese schon vorher nicht sonderlich interessant waren.
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