SMS-Werbung Treibjagd per Telefon

Handy-Benutzer empfangen immer häufiger trickreiche Werbebotschaften ­ vor allem von Sexdiensten.


Nach dem Klingeln las Carola S. eine persönlich gehaltene Kurznachricht (SMS) auf ihrem Handy: "Hallo Carola, ich habe bereits versucht, dich zu erreichen, leider ohne Erfolg, bin ab 16 Uhr oder späterwieder unter 0190865904."

Sex-Werbung per SMS: "Eine Frechheit"
[M] DPA / AP

Sex-Werbung per SMS: "Eine Frechheit"

Die Architektin aus Berlin nahm an, dass ein Bekannter siedringend sprechen wollte und wählte arglos die"Rückruf"-Funktion. Doch am anderen Ende der Leitung hörtesie zunächst nur Musik, dann meldete sich eine leiseStimme, die immer wieder rief: "Hallo? Ich kann Sie nichtverstehen. Sie müssen lauter reden." Bei einem zweitenAnruf unter derselben Nummer landete sie dann bei einertelefonischen Kontaktanzeigen-Börse. Für beide Anrufe,stellte sich später heraus, wurde Carola S. mit einemsaftigen Minutenpreis von 3,63 Mark zur Kasse gebeten."Eine Frechheit", ärgert sich die Frau, "mir so Geld undZeit zu stehlen."Intim klingende SMS von Unbekannten empfangenHandy-Benutzer immer häufiger. Eine Welle kommerziellerKurznachrichten schwappt derzeit durch die Handy-Netze, undviele der Werbe-SMS überschreiten die Grenze zurBauernfängerei.Über 200 Milliarden SMS werden pro Jahr versendet. AbSommer erreichen die Kurznachrichten auchFestnetzanschlüsse, sofern ein neues, SMS-fähiges Telefonangeschlossen ist. Mit diesen digitalen Telegrammenschwappt die Datenflut des Internet auch in die Welt derTelefone. Moderne Datenbanken pumpen vollautomatischgigabyteweise SMS-Botschaften ins Telefonnetz ­ imZweifelsfall aus dem benachbarten Ausland, ähnlich wie beiunerwünschter E-Mail-Werbung.Auf dem Vormarsch sind besonders dieTelefonmehrwertdienste: Über ihre teuren Servicenummern wiedie 0190 oder die 01804 laufen zum Beispiel Telefonsex,Kundenberatung und Zuschauerabstimmungen bei TV-Sendungen(Branchenumsatz: über 400 Millionen Mark pro Jahr). MitHilfe trickreich formulierter Werbe-SMS versuchen einigeder Firmen jetzt, neue Kunden auf ihre Nummern zu locken."Seit Januar gibt es einen sprunghaften Anstieg vonVerstößen", bestätigt Hans-Joachim Kruse, Vorsitzender der"Freiwilligen Selbstkontrolle Telefonmehrwertdienste"(FST); er hat daher die Mitarbeiterzahl von zwei auf fünfaufgestockt.Mitglieder, die gegen die Regeln der FST verstoßen, werdengerügt oder können sogar ihre Nummer verlieren. So war diedubiose Partnerbörse, von der Carola S. belästigt wurde,zwischenzeitlich nicht mehr erreichbar.Zumindest nicht unter der bisherigen Nummer. Der Markt istunübersichtlich. Fast jeder kann eine 0190-Nummer vonGroßanbietern wie der Telekom kaufen, die bis zu vierFünftel der anfallenden Sondergebühr kassieren. Wem eineNummer entzogen wird, besorgt sich einfach eine neue. Undwer genau sich hinter einer Servicenummer verbirgt, ist fürGeschädigte und Genervte nur schwer herauszubekommen.Kunden, die nicht belästigt werden wollen, können sich zwarin so genannte Robinsonlisten eintragen (www.robinsonliste.de) . "Allerdings sind diese Verzeichnisse nicht verbindlichund daher oft wirkungslos", klagt Dieter Lang vomVerbraucherschutzverein in Berlin.Auch die FST ist nur für die eigenen Mitgliederverantwortlich, gegen Nichtmitglieder, zum Beispiel aus demAusland, vermag der Verein nichts auszurichten. Und bei derRegulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP)in Bonn heißt es nur lapidar: "Sie müssen eben aufpassen,wen Sie zurückrufen."Wie geschickt einige Anbieter nationale Grenzen für sichausnutzen, zeigt der Fall eines von Deutschland ausoperierenden Telefonsexanbieters, der unlängst fürSchlagzeilen sorgte: Automatisch hatte sein RechnerTausende von Lock-SMS an Mobiltelefone in der Schweizverschickt. Wer zurückrief, lauschte als Ohrenspanner einemGespräch zwischen einem Mann und einer Frau in breitemWienerisch, das allmählich ins Obszöne abglitt ­ zum Preisvon umgerechnet mehr als fünf Mark pro Minute. DerSchweizer Telefonbetreiber Swisscom erklärte, gegen solcheSMS-Angriffe aus dem Ausland sei er machtlos.Die Hilflosigkeit gegenüber dem kommerziellen Telefonterrorwird weiter zunehmen. Noch dieses Jahr will dieinternationale Telefonorganisation ITU in Genf neueServicenummern freischalten, die weltweit gültig sind: sogenannte Universal International Premium Rate Numbers, diemit "00979" beginnen. Das Risiko: Eine falsch verstandeneSMS, ein falscher Knopfdruck ­ schon ist man mit einemteuren Telefonsexanbieter verbunden, zum Beispiel auf denBahamas.Egal ob betrügerisch oder nicht, ungebetene SMS-Werbung seiin jedem Fall ein Angriff auf die Persönlichkeitsrechte,meint der Mannheimer Rechtsanwalt André Haug: "Es gibt einRecht auf Ungestörtheit."Manch ein Politiker sieht das anders. Im Landtagswahlkampfin Rheinland-Pfalz etwa blies die SPD zur Treibjagd perTelefon. 100 000 Handys potenzieller Wähler wurden mit demSlogan zugemüllt: "Wer Kurt Beck will, wählt am SonntagSPD." HILMARSCHMUNDT



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