Wahlkampf auf Snapchat Gespenstisch still

Wer Jungwähler erreichen will, findet sie zuhauf bei Snapchat. Trotzdem machen sich Politiker hier rar. Warum?

Snapchat-Nutzer Peter Tauber

Snapchat-Nutzer Peter Tauber

Ein Beitrag aus der Themenwoche "Debattenkultur" von Lea Utz


Wo steht Deutschland: bei der Integration von Flüchtlingen, dem Umweltschutz, der sozialen Gerechtigkeit? Wir wollen es herausfinden - und berichten in sieben Themenwochen über Deutschland im Wahljahr 2017.
Einen Überblick finden Sie hier.

Peter Taubers Snapchat-Account ist ein Spiegel wiederkehrender Routinen: Peter Tauber im Sitzungssaal, Peter Tauber beim Haustürwahlkampf, Peter Tauber beim Joggen. Dazwischen: Kuchenpausen, Angela Merkel auf einem Podium, ein kurzer Schwenk durch das Europaparlament beim Trauerakt für Helmut Kohl. So sieht er also aus, der Alltag eines CDU-Generalsekretärs, heruntergebrochen auf Fotos und ein paar Fünf-Sekunden-Videos.

Tauber ist der aktivste deutsche Politiker auf Snapchat, jener Chat- und Video-App, die längst in einer Reihe mit Diensten wie Facebook, WhatsApp und Instagram genannt wird. Markenzeichen der App mit dem kleinen Gespenst sind vergängliche Inhalte, bunte Filter und ein vergleichsweise junges Publikum.

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Anleitung für Einsteiger: So funktioniert Snapchat

In der Politik angekommen ist Snapchat während des US-Wahlkampfs 2016, auf dem Höhepunkt des Hypes: Vor allem die Kandidaten der Demokraten, Bernie Sanders und Hillary Clinton, investierten in Snapchat-Kanäle und gesponserte Geofilter, um junge Wähler zu mobilisieren. Von der ersten "Snapchat-Wahl" der Geschichte war die Rede - und es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis der neue Trend aus den USA nach Deutschland rüberschwappt.

Screenshot ZITAT! Snapchat/ Wahlkampf

Screenshot ZITAT! Snapchat/ Wahlkampf

Mischt Snapchat nun also auch den Bundestagswahlkampf auf? Für Wahlkämpfer ist die App ein Nischenmedium mit einer interessanten Zielgruppe: Laut der ARD/ZDF-Onlinestudie aus dem Jahr 2016 wird Snapchat in erster Linie von 14- bis 29-Jährigen genutzt - und damit auch von vielen Erst- und Jungwählern. Fünf Millionen Deutsche nutzen Snapchat nach Angaben des Konzerns täglich, immerhin 60 Prozent dieser Nutzer sind über 18 Jahre alt und damit wahlberechtigt.

"Auf Snapchat wirken Personen viel authentischer"

Verlockend dürfte für die Kampagnenleiter der Parteien auch sein, dass sich Kandidaten auf Snapchat sehr persönlich präsentieren können. "Dadurch, dass es bei Snapchat kaum möglich ist, vorproduzierte Inhalte auszuspielen, wirken Personen viel authentischer", sagt der Politikberater Julius van de Laar.

Und: Snapchat-Nutzer schauen sich eine Story, also eine chronologische Sequenz aus Videos und Bildern, fast immer bis zum Ende an. Auf anderen Plattformen wie auf Facebook ist die Verweildauer deutlich kürzer.

Dennoch ist schon jetzt klar: Der Online-Wahlkampf der Parteien wird sich auch in diesem Jahr größtenteils anderswo abspielen. Denn snappende Wahlkämpfer haben einen entscheidenden Nachteil: Junge Menschen gehen weniger zuverlässig zur Wahl als alte.

"Als Wahlkampfstratege muss ich mir überlegen: Gebe ich Zeit, Geld und Ressourcen für einen Kanal aus, mit dem ich die breite Masse eher nicht erreiche?", sagt van de Laar. Noch dazu sei das "Community Building" extrem schwierig, denn bei Snapchat ist es nicht möglich, mit Anzeigen gezielt Follower anzuwerben. Bislang fehlt auch ein Analysetool, mit dem Kanalbetreiber die eigene Reichweite messen und auswerten können.

Andere Netzwerke haben inzwischen viele Funktionen der App kopiert

Schuld daran, dass für viele Politiker andere Apps spannender erscheinen, ist auch deren Weiterentwicklung: Andere Social-Media-Dienste haben inzwischen viele Snapchat-Funktionen kopiert. Vor allem Instagram läuft Snapchat mit seiner Story-Funktion den Rang ab, die ganz ähnlich funktioniert wie die des Originals.

Doch so schnell will Snapchat das Feld nicht räumen. Das Unternehmen setzt verstärkt auf eigene Inhalte. Schon im US-Wahlkampf hatte die App mit dem Format "Good Luck America" über die "Discover"-Funktion ausführlich über die Wahl berichtet. Und auch bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich gelang es Snapchat, eine offizielle Interviewserie mit vier der fünf Spitzenkandidaten auf die Beine zu stellen.

Was dabei herauskam, strotzte zwar nicht vor Informationen, war dafür aber unterhaltsamer als jedes TV-Duell: Emmanuel Macron beriet einen Studenten, der sich in seine Professorin verliebt hatte, und Marine Le Pen trällerte ein Lied der französischen Kultsängerin Dalida.

Screenshot ZITAT! Snapchat/ Wahlkampf

Screenshot ZITAT! Snapchat/ Wahlkampf

Ein ähnliches Format könnte es auch vor der Bundestagswahl im Herbst geben, denn der Konzern will seine Präsenz im deutschsprachigen Raum offenbar verstärken. Im April etwa wurde bekannt, dass die Facebook-Chefin für die Märkte Deutschland, Österreich und Schweiz, Marianne Bullwinkel, zu Snap wechselt. Noch in diesem Sommer soll in Hamburg eine deutsche Niederlassung eröffnen. Und im Discover-Bereich von Snapchat starteten zuletzt mehrere Medienunternehmen deutschsprachige Kanäle, darunter auch SPIEGEL ONLINE.

Eine Snapchat-Offensive der deutschen Parteien ist indes nicht in Sicht. Die SPD eröffnete zwar kurz nach der Wahl von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten einen Account, doch passiert ist dort seitdem nur wenig.

Dabei könnte Snapchat für Schulz, der gerade bei jungen Leuten gut ankommt, ein nützliches Tool sein. "Snapchat ist sehr gut geeignet, um Geschichten zu erzählen, und dafür ist Martin Schulz im Grunde der perfekte Kandidat, denn genau das macht er im Wahlkampf", findet der Hamburger Politikerberater Martin Fuchs. Er beobachtet Politiker in den sozialen Netzwerken - und behält auch die Politik auf Snapchat im Auge.

"Kanal einschlafen lassen"

Die CDU ist auf Snapchat zwar etwas aktiver als die SPD, doch von Kanzlerin Angela Merkel fehlt beinahe jede Spur. Stattdessen gibt es Fotos von Kampagnenkonferenzen und einfache Botschaften in Textform. So ließ die Partei ihre Abonnenten in einer Story wissen, dass Deutschland unter einem Kanzler Schulz "viel mehr Geld" zahlen müsse, weil der SPD-Mann nachsichtiger mit Griechenland sei - tiefgründiger wird es nicht.

Dietmar Bartsch von der Linken auf Snapchat

Dietmar Bartsch von der Linken auf Snapchat

Etwas ausgefeilter wirkt das Konzept der Schwesterpartei CSU, die mit kurzen Videos und Fotos durch einzelne Events führt und Wochenrückblicke liefert. Politische Inhalte bleiben aber auch hier meistens auf der Strecke, mehr als einen flüchtigen Blick hinter die Kulissen bekommen die Nutzer nicht. Anders als die Linke nutzen FDP, Grüne und AFD Snapchat übrigens gar nicht und setzen nur auf Instagram, Facebook und Twitter.

Neben Peter Tauber, der kürzlich mit einer Twitter-Nachricht einen Shitstorm auslöste, haben auch einige Politiker aus der zweiten Reihe ein Faible fürs Snappen entwickelt. Die meisten Volksvertreter und Parteien sind jedoch nur sehr unregelmäßig aktiv. "Der Großteil der Politiker auf Snapchat hat irgendwann mal angefangen und den Kanal dann einschlafen lassen, weil der Aufwand extrem groß ist", sagt Berater Fuchs.

Sollte der Messenger-Dienst allerdings die Spitzenkandidaten der Parteien für ein politisches Format gewinnen können, wäre das für das Unternehmen ein echter Coup. "Snapchat könnte damit nur gewinnen", meint Wahlkampf-Experte van de Laar.

Denn was wären schon Instagram, Hochglanzplakate und das TV-Duell gegen eine Kanzlerin mit Hippiebrillen-Filter?



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
mockingbird21171 25.07.2017
1. Snapchat der FDP
Laut Artikel nutzt die FDP kein Snapchat, jedoch ist ihr Account "FDP Bund" regelmäßig aktiv.
santoku03 25.07.2017
2.
"Wer Jungwähler erreichen will, findet sie zuhauf bei Snapchat. Trotzdem machen sich Politiker hier rar. Warum?" Weil es einfach peinlich ist, wenn sich gestandene Politiker bei Kiddies einschleimen.
denkdochmalmit 25.07.2017
3. Firlefanz!
Die Aktivitäten der Parteien in "sozialen" Medien müsste verboten werden. Es gibt genug Wege Ergebnisse der Regierungsarbeit zu verbreiten und zwar so das ALLE Bundesbürger sie mitbekommen. Die Nutzung von FB, Twitter und ähnlichen nervt ...
Rubyconacer 25.07.2017
4. Klinisch tot
Snapchat ist längst tot. Viele habens mal probiert, dann aber schnell deinstalliert, da sich der Sinn nicht erschloss. Dies spiegelte sich auch im missglückten Verkauf wider.
goethestrasse 25.07.2017
5. Bürgerrecht und Bürgerpflicht
..am besten noch 365 Tage im Jahr, 24 Stunden, vor Ort Briefwahl, online voting und von jedem Ort der Welt und dafür noch ein Tag bezahlter Urlaub. So muss Wählen gehen.
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