Social-Media-Studie Das sind die Web-Champions im Bundestag

Die Piraten stehen vor den Toren, die deutschen Parteien bemühen sich verzweifelt, im Netz endlich Punkte zu machen. Dabei ist noch einiges zu tun, zeigt eine neue Studie: Die politischen Stars des Social Web sind offline vielfach eher mäßig bekannt.

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Hamburg - Es gehört zu den Wesenszügen revolutionärer Perioden, dass historische Fakten schnell veralten. Heute kann schon eine auf zwei Jahre alten Daten basierende Studie eher Geschichtsschreibung denn aktuelle Analyse sein - insbesondere, wenn es um die digitale Welt geht. Vor diesem Hintergrund ist der "Social Media Activity Index", den eine Forschergruppe um Miriam Meckel an der Universität St. Gallen in Zusammenarbeit mit dem Isprat-Institut für alle Bundestagsabgeordneten errechnet hat, schon wieder ein historisches Dokument: Erhoben wurden die Daten im Jahr 2010. Seitdem hat sich sehr viel getan in diesem Bereich - erhellend sind die Daten über die Nutzung von Netzwerkplattformen durch deutsche Politiker dennoch.

Es ist ein klares Bild, das sich da zeigt, und an dem dürfte sich im Grundsatz nicht viel geändert haben: Es sind nur einige wenige Volksvertreter, die wirklich auf hohem quantitativen Niveau online mit dem Wahlvolk kommunizieren, es sind vielfach die jüngeren - und die ganz prominenten. Bei letzteren allerdings ist davon auszugehen, dass viele von ihnen Profileinträge und Status-Updates eher nicht selbst verfassen. Social Media, daran lassen die Ergebnisse keinen Zweifel, ist im Bundestag vor allem eine Altersfrage.

"Angesichts der Tatsache, dass die Bundestagsabgeordneten mehrheitlich ein Alter zwischen 40 und 70 Jahren aufweisen, wird auch deutlich, warum sich die Social Media Activity vor allem auf eine verhältnismäßig kleine Anzahl sehr aktiver Kommunikatoren konzentriert: Tatsächlich sind nur relativ wenige Vertreter der jungen - und online sozialisierten - Generationen im Parlament vorzufinden." Die Generation C64 ist im Parlament in der Minderheit, im Netz aber die Avant-Garde der deutschen Politik.

Das Forscherteam betrachtete die Aktivitäten aller Abgeordneten im Parlament auf einer Vielzahl von Plattformen, darunter Facebook und Twitter, aber auch die Fotoplattform Flickr, YouTube, persönliche Blogs und in Deutschland beheimatete Social Networks wie MeinVZ und Wer-kennt-wen. Ermittelt wurde nicht nur, ob ein Profil vorhanden ist, sondern, je nach Plattform, auch die Anzahl der Kontakte und die Aktivitätshäufigkeit: Wie viele YouTube-Videos wurden hochgeladen, wie viele Tweets oder Status-Updates abgesetzt, wie viele Blogposts geschrieben? 2010 konnten den Autoren zufolge nur acht Prozent aller Abgeordneten als mindestens "aktive" Nutzer sozialer Medien gelten. Der Rest war entweder wenig aktiv oder inaktiv.

Parteien-Auswertung: Nur wer twittert schöner?
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Absoluter Champion der Auswertung ist eine Überraschungskandidatin: Die SPD-Abgeordnete Elke Ferner aus dem Saarland landete auf Platz eins des Index, gefolgt vom Bonner SPD-Mann Ulrich Kelber. Erst auf Platz drei folgte mit Angela Merkel eine echte Polit-Prominente - wobei die Autoren notieren, dass gerade bei Amtsträgern und hohen Parteifunktionären ein "Prominentenbonus" zu berücksichtigen sei. Mit ihnen wollen bei Facebook eben viele befreundet sein, tatsächlich aber kommunizieren viele von ihnen dafür vergleichsweise wenig über diese Plattformen.

Zudem haben viele Parteigrößen eben Teams, die unter Umständen auch mal einen Facebook-Eintrag erstellen oder ein Video bei YouTube hochladen können. Neben Merkel waren 2010 in der Spitzengruppe auch noch Frank-Walter Steinmeier (SPD), Kristina Schröder (CDU), Bayerns SPD-Chef Florian Pronold und Karl-Theodor zu Guttenberg, CSU, damals noch Verteidigungsminister, vertreten.

Überraschungen unter den Top Ten

Ansonsten aber halten die Top Ten Überraschungen bereit: Mechthild Rawert (SPD) zum Beispiel, Abgeordnete aus Berlin, landete auf Platz sechs, Gabriele Hiller-Ohm (SPD) aus Lübeck auf Platz neun, hinter ihr Patrick Kurth, Generalsekretär der FDP Thüringen. Die beiden letzteren seien 2010 gemeinsam mit Familienministerin Schröder die "Twitter-Pioniere unter den Social Media Champions" gewesen, resümieren die Autoren, während beispielsweise Mechthild Rawert vorrangig aber dafür sehr intensiv über Facebook kommunizierte und die Polit-Stars Merkel, zu Guttenberg und Steinmeier sich vor allem bei MeinVZ durch Vernetzung hervortaten.

Bundestags-Twitterer Nummer eins war 2010 demnach der Grünen-Abgeordnete Volker Beck, der bis heute höchst aktiv über den Kurznachrichtendienst kommuniziert und die Plattform oft für regelrechte Streitgespräche nutzt. Hier hat sich mittlerweile jedoch einiges getan: Abgeordnete wie Lars Klingbeil (SPD), Jimmy Schulz (FDP), Thomas Jarzombeck und Peter Tauber (CDU), die CSU-Abgeordnete Dorothee Bär und auch der Unions-Fraktionschef Peter Altmaier haben sich längst zu Dauertwitterern entwickelt, ebenso wie viele ihrer Kollegen quer durch die Parteien - die Piratenpartei mit ihren Wahl- und Umfrageerfolgen dürften nicht ganz unschuldig daran sein.

Die eifrigsten Social-Media-Nutzer im Bundestag waren 2010 den Ergebnissen zufolge die Grünen, gefolgt von den Liberalen und den Sozialdemokraten. Das Schlusslicht bildeten die Abgeordneten der CDU. Betrachtet man die Daten nach Bundesländern sortiert, zeigt sich, dass das Saarland und Berlin die online aktivsten Abgeordneten ins Parlament entsendet haben, gefolgt von Hamburg und Thüringen. Schlusslichter der Länderreihe sind Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen.



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MKasp 20.04.2012
1.
... aber diese Politiker verleiten Kinder und Jugendliche dazu, anzunehmen, die Nutzung sei gefahrlos und seriös möglich. Das ist unverantwortlich.
Jörg Müller-Lietzkow 20.04.2012
2.
Lieber Christian, die Frage ist ja nicht, wer kommuniziert - vor allem nicht quantitativ, sonder was wird qualitativ kommuniziert? Was bringen mir 10.000 Twitterfeeds, die keinerlei Inhalt bieten. Was bringen hunderte Facebookeinträge, die lediglich eine Ablenkung von den zentralen Aufgaben bedeuten. Ich finde, dass die übertriebene Selbsttransparenz derjenigen, die anscheinend nie 1984 gelesen haben, auch nicht zwingend der Weisheit letzter Schluss sind. Daher finde ich die Untersuchung der Kollegin Meckel zwar erhellend, aber auch erschreckend, denn welche Qualitätsmaßstäbe setzen wir bei so einer Messung an? Ich denke, dass nicht die Permanentfacetwittblog-Philosophie der Piraten die zentralen gesellschaftlichen Probleme lösen helfen, auch wenn ich dann weiß, wo ich diese antreffe (da foresquare mir dies mitteilt), was sie essen (da das schnell geschossene Bild mal eben bei Facebook hochgeladen wurde) und was sie denken (denn eine Twitterzeile birgt die umfassende Wahrheit). Social Media einsetzen bedeutet auch darüber nachdenken, was man kommuniziert. Aber wir können dies gerne hoffentlich nächste Woche "live", "face-ot-face" und eben nicht getwittblogfacesquared in Berlin nachholen. Darauf freue ich mich dann wirklich! Herzliche Grüße und ein sonniges Wochenende!
rundertischdgf 20.04.2012
3.
Besser wäre es, wenn man z.B. bei dem FDP Bundestagsabgeordneten etwas erfahren würde, was er im Ausschuß für äußere Angelegenheiten leistet. http://rundertischdgf.wordpress.com/2012/04/12/fdp-innenpolitiker-kurth-befragt/
simba1 26.06.2012
4. Last oder Pflicht?
Der Umgang mit Social Media ist für vielbeschäftigte Politikerinnen und Politiker sicherlich eher eine zusätzliche Last als Hilfe. Zumal der Umgang mit Social Media erlernt und Wissen über die Möglichkeiten erworben werden muss. "Social Media haben die Kommunikationskultur verändert" und "der direkte Kontakt zu den Zielgruppen bietet auch ganz neue Möglichkeiten" (Zitat aus "Social Media Leitfaden", White Paper, http://www.pr-gateway.de/download/social-media-leitfaden). Es scheint also Sinn zu machen, wenn auch die Politiker oder deren Mitarbeiter sich dem Thema zuwenden. Die Piraten haben dieses anscheinen "im Blut". Die beiden "lokalen" Politiker, Frau Ferner aus dem Saarland und Herr Kelber aus Bonn, scheinen Social Media wohl eher als Chance denn als Pflicht zu sehen.
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