Social Networks: Auf ins All mit James T. Kirk

Der Schauspieler William Shatner ist seit 53 Jahren im Filmgeschäft, hat eine Unmenge an Rollen gespielt - und ist für seine Fans doch der ewige Captain Kirk. In dieser Funktion rührt er nun die Werbetrommel für ein bizarres Social Network für Möchtegern-Sci-Fi-Künstler.

Shatner bei Myouterspace: Einmal im All, immer im All Zur Großansicht

Shatner bei Myouterspace: Einmal im All, immer im All

Möglich, dass man sich einst an William Shatner erinnern wird, weil er Shakespeare auf der Bühne spielte, Hauptdarsteller in einem der wenigen in Esperanto gedrehten Filme war oder mittels extrem bizarrer Interpretationen zahlreiche Song-Klassiker öffentlich exekutierte (Beispiel für Hartgesottene: "Lucy in the Sky with Diamonds").

Wahrscheinlich ist das alles aber nicht: Trotz zahlreicher guter und noch zahlreicherer schlechter Rollen, die er in seiner 1957 begonnenen Filmkarriere spielte, wird Shatner für seine Fans wohl auf ewig James Tiberius Kirk bleiben, der Captain der Enterprise NCC-1701.

Shatner selbst hat zeitweilig durchaus damit gehadert, ständig auf den machohaften Testosteron-Recken Kirk reduziert zu werden, der Konflikte stets dadurch löste, dass er entweder rechte Haken verteilte (gegen Aliens) oder die Blonde küsste (alternativ: die Brünette). Spätestens seit dem Erfolg der Star-Trek-Filmreihe aber ernährte ihn sein Alter Ego so erklecklich, dass ihm auch diverse Rollen-Missgriffe den Ruf nicht mehr versauen konnten. Kirk, sorry: Shatner war Star in sieben der bisher elf Filme.

Und mit seiner Dauerrolle offenbar so sehr versöhnt oder verschmolzen, dass er sie mit einem guten Schuss Selbstironie immer wieder aufnahm und für sich zu nutzen wusste. Obwohl er 1994 im Film "Treffen der Generationen" eigentlich in die ewigen stellaren Jagdgründe einging, wagte Shatner als Buchautor gar die Wiederbelebung von James T. Kirk, dem er als Autor seitdem sieben weitere Abenteuer auf den Leib schrieb.

Einmal zu den Sternen, immer ein Star

Es sieht also so aus, als hätte Shatner seine Weltraumkarriere noch lange nicht beendet. Kein Wunder, wie wir jetzt erfahren, denn Shatner ist und bleibt "der Admiral": Unter diesem Titel ist er die Gallionsfigur eines Anfang März an den Start gegangenen Social Networks namens Myouterspace. Das, berichteten einige Web-Seiten, sei so eine Art Facebook für Sci-Fan-Fans.

Leicht gealterte, aber legendäre Crew: Die Offiziere der Kino-Enterprise (Version 1982) Zur Großansicht
AP

Leicht gealterte, aber legendäre Crew: Die Offiziere der Kino-Enterprise (Version 1982)

Doch das trifft es wohl nicht - auch, wenn es nicht ganz leicht zu verstehen ist, was Myouterspace eigentlich sein soll. Die Website will Sci-Fan-Fans, die Ambitionen haben, sich künstlerisch im Genre zu engagieren, eine Plattform bieten, erklärt Shatner in einem hanebüchen schlecht gemachten Intro-Video. Auf Planeten oder in Raumschiffcrews zusammengefasst soll das vom Social Network Gleichgesinnter bis hin zu gemeinsamer Arbeit an konkreten Sci-Fi-Projekten gehen.

Das klingt nach Crowdsourcing: Man kann darunter den Versuch verstehen, Arbeiten ehrenamtlich und kostenneutral vom viel beschworenen "Schwarm" der Internetnutzer erledigen zu lassen. Freundlicher ließe sich Myouterspace als Talentsuche-Plattform interpretieren, und tatsächlich gibt es sogar ein "Career Center", wo man sich schon mal eintragen und detaillierte persönliche Daten übertragen darf. Er und nicht spezifizierte Mitstreiter, sagt Shatner im Video, würden "ein Auge" auf die Myouterspace-Projekte halten.

Unendliche Weiten: Ist da was?

Das Problem daran ist nur, dass man weder weiß, wer die Seite überhaupt betreibt - so gut wie jeder schriftliche Beitrag ist angeblich von Shatner, ein Impressum oder "About us" gibt es nicht -, noch, was man dort eigentlich tun soll. Denn bisher ist Myouterspace nicht viel mehr als eine Hülle, die Shatner selbst übrigens wohl besser vollschreiben als lesen kann: Wer den Webdesignern erzählt hat, eine kleine hellgraue Schrift auf schwarzem Grund sei vorteilhaft, gehört mit Verlaub nach Rura Penthe verbannt.

Seit einigen Tagen sind zumindest einige der Foren (Planeten, Raumschiffe) leicht belebt. Das Chat-Niveau ist oberflächlich, Projektarbeit bisher nicht zu finden. Kein Wunder, soll sich diese doch an Führungsfiguren aus der Branche ("Producer") festmachen. Die sind aber bisher nicht in Sicht: Aktiv scheint bisher nur der Designer John Eaves, der offenbar für die Raumschiff-Grafiken verantwortlich zeichnet und als Gouverneur des Grafik-Design-Planeten Anteros fungiert - was auch immer das heißen mag.

In den Tiefen der Seiten finden sich darüber hinaus aus unerfindlichen Gründen angeblich von Shatner geschriebene Kurzbiografien des Hollywood-Produzenten JJ Abrams ("Lost", "Star Trek") und des Komponisten Richard Friedman. Eine Funktion bei Myouterspace scheinen beide nicht auszuüben. Die Tätigkeiten der anderen, anonymen Kommandeure und Gouverneure beschränken sich bisher auf Beitritte zum Angebot - und Statusmeldungen darüber, dass sie "den Raum verlassen" haben.

...außer Werbung?

Entsprechend ratlos die bisherigen Reaktionen der Neugierigen, die die Anmeldung gewagt haben. Shatner selbst bewirbt das Angebot massiv über seinen Twitter-Kanal, denn der 1931 geborene Kanadier ist tatsächlich hochgradig Web-affin, twittert, bloggt, macht über seinen YouTube-Kanal schon mal Liebeserklärungen an Elisabeth Taylor und unterhält eine Web-Seite, die er vor allem als Shop für den Verkauf aller möglicher Shatner-Produkte (aktuelles Highlight: DVD "Mörderspinnen", 1977) nutzt.

Nur seine werblichen Aktivitäten finden sich dort nicht, weder seine Testimonials für "World of Warcraft", noch sein Engagement für Myouterspace. Denn diesen Verdacht hegt Erick Schonfeld von TechCrunch: Dass Shatner vor allem seine "werblichen Talente" für Myouterspace spielen lasse. Shatner, so Schonfield, gebe sich als Lockvogel für so ziemlich alles her, "und wir lieben ihn dafür". Wetten, dass sich auch daran niemand erinnern wird, wenn er einst an Shatner denkt?

pat

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