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Social Networks: Der Fall Kerviel und die ungezügelten Exhibitionisten

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Der Fall Jérôme Kerviel zeigt, wie gläsern der Bürger heute ist, wenn er sich auf das Web 2.0 einlässt: Die Erstellung eines Persönlichkeitsprofils - früher mühselige Detektivarbeit - erledigt der Social Networker quasi selbst. Für Fahnder dürfte die Recherche künftig noch einfacher werden.

Es gehört heute zu den ganz normalen Reflexen eines Journalisten, sofort im Web nachzusehen, wenn ein bis dahin unbekannter Name durch einen Skandal zu Prominenz kommt: Die Chance steigt jeden Monat, dass man binnen weniger Minuten selbst intime Details über den einstigen Niemand herausfindet. Und selbst wenn der Betreffende, wie nun im Fall des Milliarden-Versenkers Jérôme Kerviel, selbst gar keine großen Web-Aktivitäten entfaltet hat, ist Erkenntnisgewinn zu erwarten: Eine Heerschar von Internet-Nutzern stürzt sich mit wachsender Begeisterung auf die Aufgabe, Medien und Polizei bei ihren Recherchen zu unterstützen.

Jérôme Kerviel: Web-Nutzer spüren jedem Aspekt seines Lebens nach
DPA

Jérôme Kerviel: Web-Nutzer spüren jedem Aspekt seines Lebens nach

Kein Zweifel: Besonders in der Bevölkerungsgruppe bis 35 Jahre gibt es eine ausgeprägte Neigung, im Web permanent die Hose herunterzulassen. Social Networks, konstatiert darum der Informatiker Hendrik Speck, Professor an der Fachhochschule Kaiserslautern, verfügten heute schon über "mehr Informationen, als die Stasi je hatte".

Der Mann meint das ernst. Mit einer Studentengruppe durchpflügte er Software-gestützt verschiedene Social Networks nach 120 Persönlichkeitsmerkmalen. Kein großes Problem, denn die Seiten haben einen formalisierten Aufbau, auf den sich sogenannte Crawler ansetzen lassen. Die sammeln - genau wie Suchmaschinen - die Daten einfach von den Seiten und ordnen sie sinnvoll ein.

Was bisher Informatikern und speziell dafür geschriebenen Programmen vorbehalten war, könnte bald schon für jedermann möglich werden: Schon jetzt gibt es Meta-Suchseiten, die verschiedene Social Networks durchsuchen (siehe Kasten). In Zukunft erschließen die Networks solche übergreifenden Möglichkeiten selbst. So kündigte Google Anfang November die OpenSocial-Initiative an, die den Aufbau von Social Networks standardisieren will.

Das gleiche Ziel verfolgt auch das Projekt DataPortability.org, das Anfang Januar mit Facebook und Google mächtigen Zuwachs erhielt. "Eine Maske für alle" - so dürften Social Networks zu noch reichhaltigeren Datenminen werden.

Denn dann soll es möglich sein, sein persönliches Datenpaket nicht händisch und immer wieder neu auf verschiedenen Social Networks eingeben zu müssen, sondern die Daten parallel in verschiedene Networks einfließen zu lassen. Auch die Meta-Suche dürfte das ganz erheblich erleichtern.

Daten müssen nicht wahr sein

Die Recherche-Möglichkeiten, die sich aus dem Exhibitionismus der Networker ergeben, sind allerdings so groß wie trügerisch. Die Frage etwa, wie beispielsweise ein gesuchter Krimineller oder ein zum Amokläufer gewordener Schüler mit wem verbandelt ist, liefert in der sozialen Welt der sozialen Networks nur sehr unscharfe Antworten.

Was etwa bedeutet es, wenn Täter A Person B als "Freund" führt, auch regelmäßig mit ihr kommuniziert, weil man eben Interessen teilt? So gut wie nichts: Der eine mag 12.000 Kilometer vom anderen entfernt leben oder ein virtuelles Profil haben - und zudem ist er mitunter nur einer von 20.000 Freunden.

Dabei zeigt jedoch gerade das Beispiel der jugendlichen Amokläufer, wie tief die freiwillig im Netz hinterlegten Informationen mitunter gehen können. Was über Kimveer Gill, den Amokläufer von Montreal, den Täter von Emsdetten oder von der Virginia Tech bekannt ist, stammt zum größten Teil aus dem Web. Auf ihren Web- und Profilseiten erlaubten die späteren Mörder tiefe Einblicke in ihre gestörten Seelen.

Kriminalbeamte und Politiker erhoffen sich darum auch Erkenntnisse aus dem Web, die zur Prävention eingesetzt werden könnten. Wenn man im Nachhinein so herrlich nachvollziehen kann, wie gestört ein Täter war, ließe sich daraus nicht auch eine Strategie ableiten, sogenannte Gefährder zu erkennen, bevor sie tätig werden?

Ein gefährlicher Trugschluss, wie die Beinahe-dann-aber-doch-nicht-Amokläufer von Köln kürzlich feststellen mussten. Und niemand weiß besser, wie trügerisch diese Hoffnung ist, als Wayne Chiang, 2006 Student an der Virginia Tech. Ihn erkoren Web-Surfer zum Täter, weil er sich auf seiner Webseite als Waffennarr asiatischer Herkunft outete. Weil sein Profil dem des Mörders glich, deckte man ihn mit Morddrohungen ein.

Doch man muss gar nicht in die Extreme gehen, um die Gefährlichkeit der Daten-Nabelschau bei Facebook und Co zu dokumentieren. Meistens geht es um ganz profane Dinge, die Menschen dort leichtsinnig veröffentlichen. Und meistens bringt es ihnen keine Mordanklage ein, sondern unter Umständen eine Kündigung. Der ungezügelte Exhibitionismus scheint jedenfalls prächtig geeignet, sich selbst zu gefährden. Am Freitag wurde bekannt, dass derzeit über BitTorrent eine Datei mit 17 Gigabyte als "privat" gekennzeichnete Fotos kursieren, die ein Unbekannter bei MySpace abgefischt hat - potentiell Peinliches nicht ausgeschlossen.

Bewusst ist all das selbst Web-Profis nur noch selten - wie unsere folgenden Beispiele zeigen. Im letzten Teil haben wir ein paar Tipps zusammengetragen, wie man mit seinen Daten in Social Networks umgehen sollte.

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