Social Payment: Digitales Trinkgeld für Niedriglohn-Arbeiter

Von Andreas Grieß

Freiwillige Miniabgaben statt Bezahlschranken: Mit diesem Konzept versuchen kleine Anbieter im Internet, die Medienlandschaft zu finanzieren, ohne die Kostenlosigkeit des Internets in Frage zu stellen. Über ein Nischendasein kommen die Dienste bislang aber nicht hinaus.

Freiwillige Belohnung mit Cent-Beträgen: Das Trinkgeld im WWW heißt Social Payment Zur Großansicht
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Freiwillige Belohnung mit Cent-Beträgen: Das Trinkgeld im WWW heißt Social Payment

Die Idee zum Social-Payment-Dienst Kachingle geht auf ein trauriges Schicksal zurück. Eine Argentinierin bekam die Diagnose: Hirntumor. Sie bat mangels Englischkenntnissen ihre Freundin, für sie Informationen im Internet zu sammeln. Nachdem diese auf vielen verschiedenen Seiten Hinweise zusammen getragen hatte, wollte sie sich den Seitenbetreibern erkenntlich zeigen. Das Problem: Sie wusste gar nicht mehr, wem sie dafür alles danken müsste, geschweige den wie.

Die Freundin ist Cynthia Typaldos und die beschriebene Situation nannte sie selbst in einem Interview als den Anstoß, Kachingle zu gründen. Der Nutzer kann sich dort anmelden und zahlt dann monatlich einen bestimmten, von ihm selbst festgelegten Betrag. Diesen kann er dann auf am Dienst teilnehmende Seiten verteilen. Wer wieviel bekommt, bemisst sich bei Kachingle daran, welche Seite der User wie häufig aufruft. Wie bei Spendensammel-Organisationen üblich, behält auch Kachingle einen Teil der Summe ein.

Flattr: Schmeicheln mit Trinkgeldern

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das schwedische Unternehmen Flattr (eine lautsprachliche Umschreibung von engl. "to flatter": jemandem schmeicheln): Hier ist jeder Spender zugleich potentieller Empfänger der Kleinbeträge. Wer geflattrt (so heißt es im Jargon) werden will, baut auf seine Seite kleine Buttons des Dienstes ein, die andere Nutzer dann anklicken können. Am Ende des Monats wird der freiwillig bereitgestellte Betrag auf alle Klicks verteilt.

Mit Diensten wie Flattr und Kachingle können Nutzer also bewusst Inhalte belohnen. Die Macher hoffen, dass viele bereit sein könnten, für gute Beiträge freiwillig etwas zu geben. Social Payments hätten womöglich prinzipiell das Potential, ein großes Ding zu werden. Könnten sie gar Online-Journalismus ohne Zwänge finanzieren und auch den vielen Hobby-Bloggern eine finanzielle Belohnung für ihr Schaffen bieten? Doch da ist ein Problem: Die freiwilligen Bezahlmodelle erreichen weder die breite Masse, noch sind sie in ihrer bisherigen Form überhaupt massentauglich.

So nobel der Grundgedanke auch sein mag, bisher schaffte es keiner der Dienste, über ein Nischendasein hinauszukommen. Dabei läuft es vor allem in Deutschland verhältnismäßig gut. Gerade Flattr, obwohl bisher nicht einmal auf Deutsch verfügbar, wird vorrangig in Deutschland genutzt.

Einige der bekannteren Blogs der deutschen Szene haben den Dienst integriert und konnten bis jetzt mittlere bis hohe dreistellige Beträge einnehmen. Das ist erfreulich, weil besser als nichts, in Wahrheit aber nach wie vor zu wenig, auch nur die technischen Kosten zu decken. Und nach anfänglichem Anstieg stagnieren die Umsätze nun bei den meisten Nutzern wie Nutznießern.

Nur wer auch gibt, bekommt etwas

Dazu kommt, dass man nicht mit Einnahmen kalkulieren oder planen kann: Aus Perspektive der Nutznießer ist der kleine Geldsegen etwas, das überraschend vom Himmel fällt. Das aber ist keine Basis für eine geschäftliche Kalkulation.

Zu allem Überfluss verdienen am Social-Payment-Segen die üblichen Verdächtigen: Die zahlreichen kleinen, privaten Blogs und kleinen Newsseiten stehen im Schatten der großen, meist professionell betriebenen Blogs und Nachrichtenseiten, die auch bisher schon Werbeeinnahmen erwirtschafteten. Die Kleinen bekommen nur wenig vom Kuchen ab. Weil bei Flattr jedoch jeder Spender und Empfänger zugleich ist, bedeutet das: Wer Einnahmen mit Flattr erzielen will, muss selbst wenigstens den Mindestbetrag von zwei Euro im Monat verteilen. Einige machen demnach Verluste.

Selbstverständlich liegt es in der Natur der Sache, dass immer einige der Nutzer draufzahlen. Dienste wie Flattr sind so gedacht, dass mehr Leute etwas geben als bekommen. Es geht schließlich um Social Payment, nicht Social Revenue.

Trotzdem: Für einige der Nutzer ging es scheinbar eher um Einnahmen, als darum, sich selbst erkenntlich zu zeigen. Manche haben deshalb sogar schon angekündigt, sich wieder aus Flattr zurückzuziehen. Für die Verbreitung solcher Dienste ist das wenig förderlich. Auch deshalb warten die Förderer der Idee des digitalen Trinkgeldes bislang weitestgehend vergebens darauf, dass professionelle Medienangebote sich bei einem der Dienste einklinken. Lediglich "tageszeitung" und "Freitag" setzten als größere Medien hierzulande auf Social Payment.

Bildlich gesprochen: Digitales Trinkgeld gibt es bislang nur bei den Niedriglohn-Arbeitern des Internets.

Sechs Jahre Anlauf

Kachingle schreibt auf der eigenen Seite, dass die Zeit 2004 noch nicht reif für den Dienst war. Damals habe jeder noch an Werbung als Finanzierung für Online-Inhalte geglaubt. Doch auch heute ist Werbung noch das vorrangige Erlösmodel. Daneben arbeiten viele Verlage an anderen Bezahlmodellen, allen voran an Apps für mobile Endgeräte. Auch Bezahlschranken kommen immer wieder ins Gespräch. In Großbritannien und den USA versuchen sich einige Zeitungen erneut daran.

Ohnehin stellt sich die Frage, wie die jetzigen Social Payment-Modelle in der breiten Masse funktionieren sollten. Man stelle sich vor, dass Nutzer auch bei konventionellen Medienprodukten im Netz in vergleichbaren Maßen bereit wären, freiwillig etwas zu zahlen. Dann dürfte allein die schiere Anzahl an journalistischen Beiträgen dazu führen, dass die einzelne Kleinstspende weit unterhalb des Cent-Niveaus läge. Die Einbindung durch den ersehnten "großen Player" könnte Diensten wie Flattr derzeit eher schaden als nutzen.

Die Macher hinter den Diensten versuchen trotzdem, ihre Angebote aus der Nische der Fachkundigen und der Blogger hinaus zu führen. Cynthia Typaldos tourte in diesem Jahr durch Deutschland, um ihr Konzept vorzustellen. Eine merklich stärkere Verbreitung oder Bekanntheit hat das ihrer Plattform jedoch nicht eingebracht.

Die Köpfe hinter Flattr, zu denen auch Peter Sunde gehört, den manche noch durch sein Wirken bei The Pirate Bay kennen, versuchen durch Nähe zum Nutzer zu punkten. Persönliche Antworten auf Feedback und eine starke Einbindung von Hobby-Entwicklern, die Plugins programmieren, sind ihr Rezept. Ob es aufgeht, bleibt abzuwarten. Gerade ist Flattr in eine offene Beta-Phase getreten. Der erhoffte Schub durch die freie Verfügbarkeit ist bislang jedoch nicht spürbar geworden.

Trotz allem: Kachingle und Flattr werden genau beobachtet. Und zumindest in einigen Teilbereichen scheint die Bereitschaft, freiwillig Geld für Inhalte im Internet zu geben, da zu sein. Sollten Flattr, Kachingle und ähnliche Dienste sich nicht durchsetzen, werden deshalb vielleicht andere ihr Glück auf dem Markt versuchen.

Facebook beispielsweise hat mit seinen Like-Buttons und der eigenen Währung "credits" schon einige der Voraussetzungen dafür geschaffen. Ob es für die Medienbranche und den Hobby-Blogger nun gut oder schlecht ist, wenn ein solcher Platzhirsch die Rolle des Spendenverteilers übernimmt, steht selbstverständlich auf einem anderen Blatt.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Kleiner Irrtum
serdna 13.10.2010
"Freiwillige Miniabgaben statt Bezahlschranken: Mit diesem Konzept versuchen kleine Anbieter im Internet, die Medienlandschaft zu finanzieren, ohne die Kostenlosigkeit des Internets in Frage zu stellen. Über ein Nischendasein kommen die Dienste bislang aber nicht hinaus." Der Autor übersieht da eine Kleinigkeit. Die gesamte Infastruktur des Internets ist kostenlos. Diese Forum dürfte als Betriebssystem linux nutzen, kostenlos, die Daten werden ausgeliefert vom Apache Server, kostenlos, dahinter steht höchstwahrscheinlich eine mysql Datenbank (da zahlt aufgrund der Größe der Spiegel vielleicht ein paar Cent, ist aber kostenlos), programmiert ist dieses Forum in php, kostenlos. Die Leute schauen sich das mit einem Browser an, der ist kostenlos. Man kann davon ausgehen, dass der Wert der kostenlosen Software den Wert von SAP, Adobe und Microsoft zusammen übersteigt. Kostenlos ist auch perl, java, e-commerce Systeme etc. etc. Dass die Geschäftsmodelle komplexer werden, mag sein, aber sie sind gigantisch erfolgreich. Ähnliches bei Content. Ich habe den Eindruck, dass eher die Verlage ein Problem haben. Die einen schaffen es, die Inhalte kostenlos anzubieten, die anderen schaffen es nicht, dagegen zu halten. Ein Problem haben die kostenpflichtigen, die kostenlosen weniger.
2. ...
faustjucken_de 13.10.2010
Bevor ich meine energie in amatuerhafte Schreiberei für ein paar cents investiere, werde ich lieber tankstellennachtwächter arbeiten für cents, demnächst nur noch für nüsse oder virtuelle schulterklopfer
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