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Hacking Team: Italienische Spähsoftware dient offenbar autoritären Staaten

Von Uli Ries

Grafik von Citizen Lab: 21 Staaten unter Spähverdacht, darunter autoritäre Regime Zur Großansicht
Citizen Lab/ CC by-sa 2.0

Grafik von Citizen Lab: 21 Staaten unter Spähverdacht, darunter autoritäre Regime

Schnüffelsoftware des italienischen Unternehmens Hacking Team ist erneut in Staaten mit Demokratiedefiziten aufgetaucht. Offenbar dient sie nicht nur der Terror- oder Verbrechensbekämpfung. Stattdessen dürften auch Dissidenten und unliebsame Journalisten bespitzelt worden sein.

Reporter ohne Grenzen führt Hacking Team, einen italienischen Hersteller von Schnüffelsoftware als "Feind des Internet". Eine aktuelle Analyse von Citizen Lab dürfte den zweifelhaften Ruf des Unternehmens untermauern.

Die Schadsoftware-Experten der Organisation Citizen Lab wiesen Verbindungen der von ihren Schöpfern als "unauffindbar" angepriesenen Schnüffelsoftware in insgesamt 21 Staaten nach (siehe Abbildung oben, Lizenz: CC BY-SA 2.0). Neun von diesen Staaten - Aserbaidschan, Äthiopien, Kasachstan, Nigeria, Oman, Saudi-Arabien, Sudan, die Vereinigten Arabischen Emirate und Usbekistan - rangieren auf dem Demokratie-Index des britischen "Economist" ganz weit unten: Sie werden als autoritäre Regime eingestuft. Eine sich stets aktualisierende Weltkarte zeigt, von welchen Ländern bekannt ist, dass dort derzeit Hacking-Team-Schädlinge aktiv sind.

Der Schädling verschafft seinem Herrn letztendlich die komplette Kontrolle über den infizierten PC des Opfers, er erlaubt es, Daten zu kopieren, zu manipulieren, oder sogar die Webcam unbemerkt einzuschalten. Was die Kunden jedoch tatsächlich damit anstellten und ob tatsächlich Dissidenten damit überwacht wurden, ist schwer nachzuweisen. Citizen Lab geht davon aus, dass neben legitimen Aktionen zur Strafverfolgung auch solche mit menschenrechtsfeindlichem Hintergrund stattgefunden haben. Die Organisation nennt auch einige konkrete Zielpersonen, deren Rechner offenbar mit Hacking-Team-Software infiziert werden sollten: etwa einen Journalisten und zwei Menschenrechtsaktivisten in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Netzwerk weltweit verstreuter Server zur Tarnung

Aufschluss über den Zweck der jeweiligen Attacke geben oft schon die Namen oder Inhalte der mit der Schadsoftware verseuchten E-Mails und Anhänge - oft gehe es augenscheinlich um Politisches. Außerdem habe man kürzlich Hacking-Team-Trojaner auf Rechnern von Journalisten gefunden, die für den staatskritischen äthiopischen Sender Ethiopian Satellite Television Service (ESAT) arbeiten. Einige der attackierten ESAT-Mitarbeiter seien US-Bürger, die in den USA arbeiten. Vor einiger Zeit war mutmaßliche Hacking-Team-Software auch auf den Rechnern einer Bürgerjournalismus-Plattform in Marokko gefunden worden.

Hacking Team verspricht seinen Kunden, dass die Software nicht bis zu ihnen zurückverfolgt werden könne: Die Malware kommuniziert nie direkt mit den Hintermännern, sondern über ein von Citizen Lab aufgedecktes Netzwerk von weltweit verstreuten Proxy-Servern.

Vage beschriebenes Gremium prüft die Rechtmäßigkeit

Hacking Team selbst hat immer wieder betont, dass man seine Software nicht an Staaten mit zweifelhafter Reputation verkaufe. Vor gut einem Jahr deutete ein Berater des Unternehmens sogar an, dass man nachvollziehen könne, was die Kunden mit der Software anstellen. Es ist nicht bekannt, ob Hacking Team beispielsweise im Fall der Journalisten wusste, wer da ins Visier genommen wurde. Citizen Lab jedenfalls bezweifelt, dass das sehr vage beschriebene Gremium, das jeden Spähsoftware-Verkauf absegnen muss, seine Arbeit allzu gewissenhaft erledigt.

Im Detail nachvollziehen lässt sich anhand einiger der gefundenen Schädlinge auch, wie diese jeweils auf die Rechner der Opfer wanderten: Ausgenutzt wurden hauptsächlich Schwachstellen in Software wie Adobe Flash. Der hierzu notwendige Schadcode versteckte sich in Word-Dokumenten. Nach dem Öffnen des Dokuments wurde der Rechner unbemerkt mit der Spionagesoftware infiziert. Woher diese Exploits stammen, kann Citizen Lab nicht mehr nachvollziehen. Sie trügen jedoch alle eine ähnliche Handschrift.

Eventuell kaufe Hacking Team die unverzichtbaren Einbruchswerkzeuge bei Händlern auf dem Graumarkt. In diesem Umfeld taucht immer wieder das französische Unternehmen Vupen auf. Bereits im Jahr 2012 fand Citizen Lab Anzeichen dafür, dass Hacking Team bei Vupen einkauft. Vupen bestritt dies - wobei der für seine teils aggressiven Auftritte bekannte Kopf des Unternehmens aus Prinzip nicht über seine Kundschaft spricht.

Erst kürzlich stellten die Virenforscher von Kaspersky bei ihrer Analyse der jahrelang unentdeckt gebliebenen Malware "The Mask" fest, dass diese für die Infektion unter anderem eine von Vupen aufgespürte Schwachstelle missbraucht.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Schmutzige Geschäfte
robert.c.jesse 18.02.2014
Auch diese Art von Verbrechen an der Gesellschaft und der Menschlichkeit gehören bestraft. Nur von wem fragt sich. Spielen doch die "Gesetzgeber" Alle mit.
2. Da muß was nicht stimmen
purzel1950 18.02.2014
Saudi-Arabien,Oman, Vereinigte Arabische Emirate? Die kriegen doch Waffen von uns, wenn ich immer so richtig lese?
3. In welchen Ländern gibt es...
chronos-kronos 18.02.2014
... keine staatliche Internetüberwachung? Tonga, Bhutan, Andorra, San Marino,... oder einem anderen Zergstaat? Aber da kann man sich auch nicht sicher sein, dass sich die dortigen Poliker und Herrscher ab und zu von ihren Bürgern und/oder Untertanen bedroht fühlen. Und sowas wie damals auf der kleinen Karibikinsel Grenada möchten nicht nur Kleinstaatherrscher nicht erleben, sondern wenn möglich auch die Weltpolizei nicht, wenn das deren Interessen engegensteht. Die können dann solchen Zwergstaatherrschen schon mal unter die Arme greifen, wenn es strategische Interessen zu verteidigen gilt, ohne das die extra Soft-und Hardware kaufen und Personal rekrutieren müssen.
4.
VoxRatio 18.02.2014
Zitat von sysopCitizen Lab/ CC by-sa 2.0Schnüffelsoftware des italienischen Unternehmens Hacking Team ist erneut in Staaten mit Demokratiedefiziten aufgetaucht. Offenbar dient sie nicht nur der Terror- oder Verbrechensbekämpfung. Stattdessen dürften auch Dissidenten und unliebsame Journalisten bespitzelt worden sein. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/software-von-hacking-team-dient-der-hatz-auf-dissidenten-a-954027.html
Wer hat da gleich nochmal Schlagstöcke an die weißrussische Miliz geliefert, der Herr Friedrich ... Nein, sowas würde der doch nie machen!!! http://www.welt.de/politik/deutschland/article108809328/Deutsche-Schlagstoecke-fuer-weissrussische-Miliz.html
5. Uff......
tylerdurdenvolland 19.02.2014
Au weia, da haben wir aber Glück gehabt, dass wir Deutsche sind. Deutschland würde sowas nie machen.... Diese Italiener aber auch...ts, ts, ts.....
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Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.


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