Softwareschwachstellen: Das Geschäft mit der Lücke

Von Uli Ries

Zero Days: Was klingt wie ein billiger Science-Fiction-Film, gehört zu den heißesten Handelswaren im Web. Hinter diesen offenen Sicherheitslücken, gegen die es noch kein Gegenmittel gibt, sind Kriminelle her, aber auch Regierungen, Security-Profis - und Händler.

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Digitaler Angriff: Gegen so genannte Zero-Day-Exploits gibt es keine Verteidigung

München - Sie sind unsichtbar, taugen für Spionagegeschichten, Verschwörungstheorien und reichlich Diskussionen - und werden für ungeheure Summen verkauft. Die Rede ist von Schwachstellen in Software, auch Bugs genannt - allerdings von ganz besonderen Schwachstellen. Sogenannte Zero-Day-Lücken können weit mehr Schaden anrichten, als Anwendern nur als Ursache von Programmabstürzen zu nerven.

Zero Days (0days) sind Informationen über Lücken, für die der betroffene Hersteller noch keine Abhilfe in Form eines Updates parat hat. Mit ihrer Hilfe kann man PCs mit Schadsoftware infizieren, Daten klauen oder iranische Atomanlagen außer Gefecht zu setzen, wie der Fall Stuxnet gezeigt hat. Seine Besonderheit: Stuxnet hatte gleich vier - oder drei, abhängig von der Zählweise - Zero Day Exploits für Windows im Gepäck.

Der Exploit ist das eigentliche Stück Software, das die Lücke missbraucht. 0day Exploits in Windows sind die Königsklasse. Zum einen, weil das Betriebssystem immens weit verbreitet ist und es somit reichlich potentielle Opfer gibt. Zum anderen, weil Microsoft die Sicherheitsvorkehrungen im Lauf der vergangenen Jahre verstärkt hat und Windows widerstandsfähiger gemacht hat. Daher konzentrieren sich die Bug-Finder eher auf Anwendungen von Adobe. Adobe Flash und der Reader dürften noch weiter verbreitet sein als Windows. Gleichzeitig ist der Programmcode aber noch lange nicht so ausgereift wie der von Windows - Einbrecher kommen somit schneller ans Ziel.

Der Missbrauch der Lücken hat in der Regel die unbemerkte Installation einer Schadsoftware zur Folge. Sie nistet sich auf dem infizierten Rechner ein und verschickt dort im Auftrag ihres Herrn Spam, protokolliert Tastatureingaben, lauscht beim Online-Banking mit oder manipuliert eben Zentrifugen in Atomanlagen.

Geschäftsmodell Bug-Suche

Rund um Zero Days und deren Exploits ist ein schwunghafter Handel entstanden. Auf der einen Seite ist es der digitale Schwarzmarkt, auf dem sich die Kriminellen mit Exploits eindecken. Über die dort bezahlten Preise kann nur spekuliert werden. Dan Holden, Leiter der zu HP gehörenden Zero Day Initiative (ZDI) vermutet, dass Exploits in weit verbreiteten Anwendungen wie dem Adobe Reader oder Microsofts Internet Explorer bis zu 100.000 US-Dollar wert sind.

Die ZDI zählt zusammen mit dem zu VeriSign gehörenden iDefense zu den Gegenspielern der Exploit-Entwickler und Verkäufer. Die Unternehmen kaufen 0days oder Exploits von unabhängigen Sicherheitsexperten an, um so die von den beiden Firmen hergestellten IT-Sicherheitsprodukte frühzeitig auf eventuelle Attacken vorzubereiten. Anschließend reichen ZDI und iDefense die Informationen gratis an die betroffenen Hersteller weiter.

Einer, der von der Zuarbeit für ZDI lebt, ist der chinesische Hacker Wu Shi. Er hat sich auf Apples Browser Safari spezialisiert und dort allein im letzten Jahr 35 Schwachstellen aufgespürt. Im Schnitt bekomme er 3000 US-Dollar pro gefundenem Bug, sagt Wu Shi. Wobei Hersteller wie Google seiner Aussage nach knausriger sind als beispielsweise die ZDI. Andere Firmen wie Microsoft oder Adobe zahlen den Findern gar nichts für ihre Mithilfe. Microsoft lässt nach eigener Auskunft hin und wieder Hacker ins Hauptquartier kommen, damit diese dort den Quellcode kommender Produkte auf Herz und Nieren prüfen. Für diese Beratungsjobs würde dann Geld bezahlt, heißt es aus Redmond.

Deutlich aggressiver als ZDI und iDefense gehen die französischen Bug-Jäger von Vupen ans Werk. Das Geschäftsmodell des Unternehmens basiert ausschließlich auf dem Verkauf von 0days und Exploits, die von den festangestellten Hackern zuvor aufgespürt wurden. Auch der betroffene Hersteller muss zahlen, andernfalls erfährt er nichts über die Schwachstelle. Die in diesem Fall bestens informierte Gerüchteküche sagt, dass Vupen sechsstellige US-Dollar-Summen pro Jahr für seinen Informationsdienst verlangt. Adobe und Microsoft - deren Produkte zweifelsohne am häufigsten von sicherheitskritischen Bugs geplagt sind - gehören nach eigener Auskunft nicht zu den zahlenden Kunden.

Nur wer zahlt, wird informiert

Ob das deutsche Bundeskriminalamt Geld an Vupen überweist, will man in Wiesbaden weder bestätigen noch dementieren. Denn die Franzosen haben einen eigens für Strafverfolger konzipierten Dienst im Angebot. Hierbei geht es längst nicht nur um die Verteidigung der kritischen Infrastrukturen - sondern auch um Gegenangriffe. Zumindest verwendet Vupen im Zusammenhang mit dem Dienst auf seiner Webseite das englische Wort "offensive", also "offensiv". Man braucht nicht viel Phantasie, um sich passende Szenarien auszumalen: Behörden können die von Vupen mundgerecht aufbereiteten Informationen verwenden, um entweder in PCs fremder Regierungen einzudringen oder Maschinen von verdächtigen Bürgern des eigenen Landes zu verwanzen. Der Bundestrojaner, ein Spionageprogramm für deutsche Ermittler zum Ausspähen von Computern und Mobiltelefonen, lässt grüßen.

Vupen-Geschäftsführer Chaouki Bekrar versichert, dass sein Unternehmen nur an "vertrauenswürdige" Organisationen und Regierungen verkauft - mithin die, die Bündnissen wie der Nato oder ASEAN (Verband Südostasiatischer Nationen) angehören. So soll verhindert werden, dass sich Cyber-Kriminelle beliefern lassen.

Auch Microsoft arbeitet mit Regierungen und Behörden zusammen und lässt diesen vor dem monatlichen Patch-Dienstag Informationen über die alsbald zu schließenden Lücken zukommen. Maarten Van Horenbeeck verantwortet den Informationsfluss zwischen Microsoft und den Regierungen. Er sagt: "Wir können kontrollieren, was die von uns vorab in Kenntnis gesetzten Organisationen mit den Informationen anfangen. So stellen wir sicher, dass die Details nicht für Angriffe verwendet werden."

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Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.
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Cyber-Abwehrzentrum: BSI wird Info-Plattform

Viren und Trojaner - Informationen im Netz
Vireninfos von der Behörde
bsi-fuer-buerger.de: Wer sich im Internet über Viren und andere schädliche Programme informieren will, ist auf der Seite des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) richtig. Die Behörde mit Sitz in Bonn untersucht Risiken bei der Anwendung moderner Informationstechnik wie dem Internet und entwickelt Sicherheitsvorkehrungen. Für Bürger wurde die Infoseite eingerichtet, die über Gefahren im Netz informiert. Auch für Laien verständlich ist dort erklärt, wie Cyberkriminelle agieren, was Viren, Würmer und Trojaner sind. Außerdem bekommen Bürger Tipps, wie sie sich vor Gefahren aus dem Netz schützen können.
Mittel gegen Schädlinge auf dem Rechner
trojaner-info.de: Die Seite beschäftigt sich ausführlich mit dem Thema Trojaner. Nutzer können nachlesen, wie diese Computer-Schädlinge generell funktionieren, wie man sich am besten vor ihnen schützt und wie man sie entfernen kann. In der Rubrik Downloads gibt es kostenlos Programme, um Schädlinge von der heimischen Festplatte zu tilgen. Ein zuverlässiges Anti-Viren-Programm ersetzen diese Gratis-Downloads aber nicht.
Welche Würmer durchs Netz kriechen
viren-ticker.de:Sober, Bagle, Mytob - welche Schadprogramme aktuell im Netz kursieren, listet der Viren-Ticker des Bonner Fachverlags für Computerwissen auf. In kurzen Viren-Steckbriefen wird beschrieben, auf welchem Weg der Eindringling auf einen Rechner gelangt, woran er zu erkennen ist und wie er auf der Festplatte wütet, wenn er sich erst mal eingenistet hat.
Echte und unechte Viren
hoax-info.de: Mehr über Viren, die derzeit im Internet die Runde machen, liefert diese im Kooperation mit der Technischen Universität Berlin betriebene Seite. Ein Weblog bietet einen Überblick über Artikel in der Fachpresse, die sich mit der Internet-Sicherheit beschäftigen. Dazu gibt es Informationen über Hoaxes - vermeintliche Virenwarnungen per Mail - die Empfänger oft grundlos verunsichern.
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