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Soldat Scott Thomas: Glaubenskrieg um Bagdads Brutal-Blogger

Von , New York

Das linke US-Magazin "New Republic" schockierte mit dem Front-Tagebuch eines Soldaten im Irak. Es steckte voller Brutalität, Grausamkeit, Zynismus. Die Armee erklärt die Berichte zur Fälschung, die Redaktion beharrt auf ihnen - eine Geschichte vom Schlachtfeld Wahrheit.

New York - Die Szenen waren herzlos, selbst für einen Bericht von der Front. Eine Irakerin, "ihr halbes Gesicht schwer vernarbt", von einer Bombe verbrannt. "Das törnt mich echt an", prahlte der Chronist. "Geschmolzene Haut, abgetrennte Gliedmaßen." Er beschrieb, wie er und seine Freunde die Frau auslachten. Dann Reue: "Ich war entsetzt und schämte mich zugleich für das, was ich gerade gesagt hatte."

US-Soldaten in Bagdad: "Wir kicherten leise in uns hinein"
REUTERS

US-Soldaten in Bagdad: "Wir kicherten leise in uns hinein"

Auch über die "Zombie-Hunde" schrieb er, die sich auf der Straße über einen Leichnam hermachten. "Sie fraßen anscheinend nur sein Gehirn." Ein Blick auf den Führerschein des Toten offenbarte eine grausige Ironie: "Er war ein Organspender. Wir kicherten leise in uns hinein und guckten aus dem Fenster in die Nacht. Wir sprachen erst, als wir wieder auf dem Stützpunkt waren."

Der Verfasser dieser Zeilen, eine Art Tagebuch aus Bagdad, nannte sich "Scott Thomas". Die Berichte erschienen in der "New Republic", in der Online- und dann auch der Print-Ausgabe dieses einst einflussreichen linksliberalen, neuerdings zusehends mittigen US-Magazins, das alle zwei Wochen erscheint. "Scott Thomas" sei ein Pseudonym "für einen Soldaten, der momentan im Irak dient", schrieb die Redaktion.

Es war ein journalistischer Knüller: ein schonungsloses Front-Blog eines GIs mitten im Geschehen, literarisch angehaucht. Die Sache traf mitten in die hitzig geführte Abzugsdebatte.

Vom alten Skandal nie erholt

"Scott Thomas" porträtierte seine Kameraden und sich selbst als zynisch, grausam, abgebrüht, abgestumpft. An einer Stelle fragte er: "Bin ich ein Monster?"

Die Reaktionen in den Online-Diskussionsforen der "New Republic" waren heftig. Ein Leser schrieb, er sei "entgeistert" - andere geißelten die Berichte als politisch motiviert, um Anti-Kriegs-Stimmung zu schüren. Auf jeden Fall war "New Republic" erstmals seit langem wieder Gesprächsthema.

Leider war alles erfunden. Oder übertrieben. Oder doch wahr? Kommt nun ganz drauf an, wem man glaubt.

Die Armee jedenfalls erklärte die Frontberichte des Soldaten, der sich unter Druck als ein Gefreiter aus Illinois zu erkennen gab, nach förmlichen Ermittlungen für "falsch". "Sieht ganz so aus, als habe es die 'New Republic' mit einem neuen Stephen Glass zu tun", lästerte Blake Wilson im Online-Magazin "Slate". Glass war jener Star-Reporter der "New Republic", der 1998 gefeuert wurde, nachdem sich mindestens 27 von 41 seiner Texte als frei erfunden entpuppt hatten. Das Magazin hat sich nie wirklich erholt von dem Skandal, der auch von Hollywood verfilmt wurde ("Shattered Glass") - doch jetzt hält die Redaktion dagegen: Sie stehe zu dem "freien Mitarbeiter" im Irak.

Die konservative Konkurrenz greift an

Die "New Republic" (Auflage: 60.000), lange im Mitbesitz des linken Publizisten Martin Peretz, gehört seit Februar zu 100 Prozent dem kanadischen Medienkonglomerat CanWest. Losgetreten hat den aktuellen Ärger ein Rivale, das rechte Neocon-Journal "Weekly Standard" (Auflage: 83.000), das von Rupert Murdochs News Corp. verlegt wird.

Von vorne: In einem Bericht Mitte Juli wurden besonders drastische Szenen geschildert. Soldaten fuhren zum Spaß Hunde tot, alberten mit den Schädeln toter Iraker herum. Der "Weekly Standard" begann, die Authentizität des Front-Tagebuchs offen anzuzweifeln. Es rief konservative Blogger auf, die Bulletins gegenzuchecken - und meldete schließlich unter Berufung auf eine anonyme Quelle, "Scott Thomas" habe seine Artikel unter Eid widerrufen. Der konservative "National Review" schlug in die gleiche Kerbe.

Das saß. Die "New Republic" sah sich zum Handeln gezwungen.

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