Sony: "Wir brauchen den PC nicht"

Phil Harrison ist Sonys oberster Spieldesigner. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kommentiert der Konsolen-Stratege Plagiatsvorwürfe von Nintendo-Fans, erklärt, warum Blu-ray gar keinen Kopierschutz braucht, und was die Playstation 3 mit MySpace zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Was antworten Sie Leuten, die Ihnen vorwerfen, Sie hätten Nintendos Idee eines bewegungssensitiven Controllers geklaut?

Harrison: In gewisser Weise verstehe ich sogar, warum die Leute das sagen, aber es ist ein bisschen dumm, wenn Sie mir die Bemerkung verzeihen. Als wir die Playstation 1994 auf den Markt brachten, haben wir zum ersten Mal Echtzeit-Grafik in 3-D eingeführt. Als Nintendo 1996 sein N64 startete und das auch Echtzeit-3-D-Grafik konnte, haben wir da gesagt, "Nintendo, ihr habt unsere Idee geklaut!"? Natürlich nicht. Solche Innovationen werden wegen einer Kombination aus Technologie, Kosten und Herstellungskapazitäten möglich.

SPIEGEL ONLINE: Aber es ist doch auffällig, dass gerade jetzt zwei Konsolen mit bewegungssensitiven Controllern auf den Markt kommen ...

Harrison: Wir arbeiten daran schon lang, und Nintendo hat zweifellos ebenfalls schon lang an ähnlichen, wenn auch nicht identischen Innovationen gearbeitet, das ist ganz natürlich. So ist das mit Technologie. Der Unterschied zwischen unserer Strategie und der aller anderen ist aber, dass unser Controller, der Playstation Dual Analog Controller der De-facto-Industriestandard für Videospiele ist. Ich schätze, wenn man die Controller gleicher Form von Drittherstellern mit einrechnet, sind fast 400 Millionen davon weltweit verkauft worden. Das heißt, wir definieren den Standard für das Mensch-Maschine-Interface fürs Spielen. Jetzt haben wir diesem Controller eine zusätzliche Dynamik gegeben, die Bewegungsfreiheit.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Spiele, die im ersten Jahr für die Playstation 3 auf den Markt kommen, werden denn diese Möglichkeiten ausnutzen?

Harrison: Ich erwarte, dass jedes Spiel diese Funktion irgendwie nutzt. Wir bewegen alle den Controller herum, wenn wir spielen, ob man jetzt ein Renn- oder ein Fußballspiel spielt. Jetzt können wir erstmals sowohl den primären Input erfassen, also etwa durch die Analogsticks, und gleichzeitig erfassen, was der Spieler an sekundären Bewegungen macht, und die zwei dann verknüpfen. Das ist ein bedeutsamer Vorteil, den nur der Playstation3-Controller hat.

SPIEGEL ONLINE: Die PS3 wird Blu-ray-DVDs abspielen können. Die Filmindustrie, einschließlich Sony Pictures, möchte gern, dass mit bestimmten Interfaces und Hardware-Kopierschutzmechanismen (siehe Kasten) verhindert wird, dass hochwertige Inhalte von Piraten kopiert werden. Nun hat die billigere Version der PS3 kein solches HDMI-Interface, genausowenig wie Microsofts Zusatzlaufwerk für HD DVDs. Torpedieren Sie nicht die Bemühungen ihrer eigenen Leute um Kopierschutz? Gab es bei Sony Streit hinter den Kulissen?

Harrison: Überhaupt nicht. Die Blu-Ray-Disc-Association legt die die Spezifikationen fest, nicht Sony oder Sony Pictures. Wir sind ein Mitglied dieses Konsortiums, aber nicht der Vorsitzende oder Chef. Die Vereinbarung ist, dass HDMI ab 2011 in allen Blu-ray-Playern eingebaut werden muss. Wir übernehmen diese Richtlinie für unser Gerät, das 2006 herauskommt. Das ist fünf Jahre früher als verlangt.

HDTV: Hochauflösendes Abkürzungs-Wirrwarr
HDTV steht für High Definition Television. Nach den Vorstellungen der Hersteller von Unterhaltungselektronik soll es die alten TV-Standards wie PAL (576 sichtbare Zeilen) und NTSC (USA, 480 Zeilen) ablösen und mit höherer Auflösung und stabilerem Bild das Heimkino schöner machen. HDTV-Inhalte können mit 720 Zeilen im Progressive-Scan-Verfahren dargestellt werden (720p), das heißt, jedes Bild wird bei jedem Durchgang komplett neu aufgebaut. Die Alternative heißt 1080i, hat zwar mehr Bildzeilen zu bieten (nämlich 1080), von denen aber pro Durchgang abwechselnd nur jede zweite neu gezeichnet wird (interlaced-Verfahren, daher das 'i').
Full-HD-Filme, wie man sie in Online-Videotheken wie dem iTunes Store ausleihen oder über die integrierten Blu-ray-Laufwerke einiger Notebooks anschauen könnte, haben eine Auflösung von 1920 x 1080 Pixeln. Das Label "HD ready 1080p" besagt, dass das Gerät Vollbilder von 1920 × 1080 Pixeln zeigt.
Das Advanced Access Content System ist ein Kopierschutzsystem, das vor allem auf Wunsch der Filmstudios in Hollywood in alle Laufwerke eingebaut werden soll, die HD-Inhalte abspielen können. Ohne AACS soll man keine hochaufgelösten Filme abspielen können. Kopien sollen nur mit expliziter Erlaubnis des Urhebers gemacht werden können, die man sich zum Beispiel online abholen könnte. Nur so könnte man einen Film dann auch über ein Media Center oder an mobile Geräte streamen. Der Urheber kann aber Kopien auch verbieten oder eine Gebühr verlangen. Um AACS gab es langes Gerangel - denn es gibt noch nicht viele Geräte, die das System überhaupt unterstützen. Eine Interims-Lösung wird den Kopierschutz deshalb nun zunächst zahnlos machen - auch über analoge Ausgänge wird man dann noch HD-Filme ansehen können, obwohl die Studios die Ausgabe lieber gleich auf digitale Ausgänge beschränkt hätten, die mit einem weiteren Schutz namens HDCP versehen sind.
High Bandwidth Digital Content Protection ist eine Art Hardware-Kopierschutz. Auch er soll verhindern, dass hochaufgelöstes Material einfach mitgeschnitten werden kann. HDCP muss im sendenden Gerät, also dem Player oder der Grafikkarte, ebenso eingebaut sein wie im Empfänger, also dem Monitor oder TV-Gerät. Während Fernseher, die das "HD Ready"-Logo tragen, HDCP-fähig sein müssen, sind es viele Monitore und Grafikkarten aber noch nicht. Eine HDMI-Schnittstelle kann immer auch HDCP, eine DVI-Schnittstelle nicht notwendigerweise.
Das High Definition Multimedia Interface soll nach dem Wunsch der Hersteller die generelle Schnittstelle der Zukunft sein, für Musik, Filme und auch die Verbindung zwischen Computer und Monitor. Sie ist standardmäßig mit HDCP ausgestattet - ein Ausgabegerät mit HDMI-Schnittstelle und ein Fernseher mit dem "HD Ready"-Logo sollten gemeinsam also in jedem Fall hochauflösende Filme darstellen können.
Digital Video Interface - die erste digitale Schnittstelle für Video-Inhalte, die aber bereits dabei ist, von HDMI abgelöst zu werden. Manche DVI-Ausgänge sind auch mit HDCP ausgestattet, andere nicht. Besonders bei vielen Grafikkarten fehlt der Hardware-Kopierschutz noch - was zu Problemen bei der Wiedergabe von kopiergeschützten hochauflösenden Filmen führen könnte.
SPIEGEL ONLINE: Aber nur in einer von zwei PS3-Versionen. Meinen Sie nicht, dass ihre Kollegen bei Sony Pictures fürchten werden, dass in diesen fünf Jahren viele Leute HD-Inhalte stehlen und als Raubkopien weiterverwenden werden?

Harrison: Nein, weil ich glaube, dass die Inhalte zu viel Speicherplatz verbrauchen, so dass man sie ausschließlich von einer BR-Disc wird genießen können. Das bereitet uns kein Kopfzerbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Das Medium selbst ist also der Kopierschutz?

Harrison: Ja. In zehn Jahren wird die Vorstellung, 50 Gigabyte online zu stellen normal sein, aber heute - auf keinen Fall. Das ist nicht einfach.

SPIEGEL ONLINE: Wo wir gerade von "online" sprechen - Microsoft hat kürzlich "Live Anywhere" angekündigt, einen Dienst, der Windowsrechner, Xbox-360-Konsolen und Mobiltelefone miteinander vernetzen soll. Muss Ihnen das Sorgen machen, weil Sie nicht den gleichen Zugang zum PC-Markt haben wie Microsoft?

Harrison: Nein, das betrifft mich nicht und ich glaube auch nicht, dass es den Konsumenten betrifft. Wenn man sich eine Spielmaschine zulegt, als primäres Unterhaltungsgerät, dann will man nur das. Wir glauben, dass die PS3 der Ort sein wird, an dem unsere Nutzer spielen, Filme ansehen, im Web browsen und andere Computer-Unterhaltungsfunktionen  nutzen werden. Die Playstation 3 ist ein Computer. Wir brauchen den PC nicht.

SPIEGEL ONLINE: Microsoft hat auch angekündigt, man wolle für den japanischen Markt spezifische Spiele entwickeln und gleichzeitig zugegeben, dass sie dort immer noch große Schwierigkeiten haben. Was machen die dort falsch?

Harrison: Microsoft hat erkannt, dass man in Japan kein "Halo" verkaufen kann, und kein "Project Gotham Racing". Sie brauchen Titel, die speziell auf diesen Markt zugeschnitten sind. Das ist etwas, womit auch wir gelegentlich Probleme haben - der japanische Konsument hat einen sehr speziellen Geschmack, und wir müssen diesen Geschmack respektieren.

SPIEGEL ONLINE: Hat der europäische Markt auch einen bestimmten Geschmack, auf den Sie reagieren müssen?

Harrison: Der europäische und der US-amerikanische Markt sind sich ein bisschen ähnlicher, aber es gibt immer noch Unterschiede. Wenn man sich den Erfolg ansieht, den "Buzz" und "EyeToy" und "SingStar" hier haben zum Beispiel. Das sind soziale Spielkonzepte, die gerade in Deutschland sehr erfolgreich sind. Das hat die Marke Playstation in ganz neue Bereiche gebracht, und unsere Hardware in neue Haushalte, die wir sonst wohl nicht erreicht hätten. Andererseits gibt es natürlich gewisse Herausforderungen in Deutschland, im Bezug auf bestimmte Spiele, aber das respektieren wir.

SPIEGEL ONLINE: Was für Herausforderungen? Sie meinen Altersgrenzen für gewalttätige Spiele?

Harrison: Wir respektieren die Regeln dieses Marktes voll und ganz, aber wegen der Organisation, die die Altersfreigaben festlegt, können manche Spiele dem Konsumenten nicht so deutlich angeboten werden. Sie können die Spiele kaufen, aber sie werden nicht so prominent präsentiert.

SPIEGEL ONLINE: Was für ein Spiel würden Sie selbst denn gern sehen auf der neuen Konsole?

Harrison: Ich mag Rennspiele, die spiele ich persönlich wahrscheinlich am meisten. Für die Zukunft der PS3 interessieren mich aber vor allem Konzepte, die die Menschen verbinden, mehr als ein Multiplayer-Onlinespiel, Dinge, die Kommunikation und Gemeinschaft herstellen beim Spielen. Dieser soziale Aspekt - solche Sachen wie MySpace und "Second Life" und ähnliche Erfahrungen faszinieren mich, und ich glaube, wir können so etwas mit Videospielen verbinden.

SPIEGEL ONLINE: MySpace haben Sie sogar bei ihrer Präsentation auf der Electronic Entertainment Expo erwähnt, sehr ungewöhnlich, für einen Konsolenhersteller ...

Harrison: Wir versuchen nur anzuerkennen, dass die Kraft eines Netzwerks nicht im Betriebssystem liegt, sondern in den Menschen die damit verbunden sind, und in dem, was sie beitragen. Was Dingen wie MySpace solche Kraft verleiht, ist der kombinatorische Effekt der Beiträge von Hunderttausenden oder Millionen von Leuten, die dieses Netzwerk wachsen lassen.

SPIEGEL ONLINE: MySpace funktioniert, weil in vielen Ländern nahezu jeder einen PC hat heute, und jeder ins Internet kann. Aber um in ihr Netzwerk zu kommen, wird man eine PS3 kaufen müssen - glauben Sie, die Leute werden hier und dort Kontakte knüpfen wollen?

Harrison: Die PS3 hat einen Browser, also kommen sie damit auch in MySpace hinein.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt fast, als hätten sie weitere Pläne, da noch mehr Verknüpfungen herzustellen?

Harrison: Ja, die haben wir. Aber darauf kann ich im Moment noch nicht näher eingehen.

Die Fragen stellte Christian Stöcker

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