Soundcloud: Vom Musiker-Netzwerk zum Musikhörer-Netzwerk

Von Jessica Binsch

Musiker und Produzenten sind schon da, nun sollen noch viel mehr Hörer dazukommen: Das Berliner Unternehmen Soundcloud wird mit neuen Funktionen zum sozialen Netzwerk. Die Nutzer sollen Tracks einfacher entdecken und teilen können.

Neues MySpace: Soundcloud wird sozialer Fotos

Sucht man im Internet Musik von Hannes Fischer, landet man früher oder später bei Soundcloud. Der 31-jährige DJ aus Berlin hat seine House-Tracks auf die Community-Musik-Plattform hochgeladen, damit jeder sie anhören kann. Mehr als 12.000 Fans hat er dort bereits gesammelt, seine Lieder werden 30.000 Mal pro Woche abgespielt. Ein Erfolg, der sich auch auf sein Offline-Leben auswirkt: Inzwischen legt er nicht mehr nur in Berlin, sondern in Clubs in ganz Deutschland und anderen Ländern Europas auf. "Es ist echt krass, dass das jetzt so abgeht", sagt er. "Ich bin ja nur durch Soundcloud bekannt geworden."

Bisher war die Seite vor allem eine Anlaufstelle für Musiker wie Fischer, die ihre Lieder dort einem großen Publikum präsentieren konnten. Nun hat das Berliner Unternehmen seine Website überarbeitet und Funktionen eingebaut, die man von Angeboten wie Spotify oder last.fm kennt. Das sind vor allem Möglichkeiten, Playlisten zu erstellen und mit anderen zu teilen, Lieblingssongs zu markieren und Playlisten anderer Nutzer zu abonnieren. Soundcloud, das nach eigenen Angaben auf 30 Millionen registrierte Nutzer zusteuert, könnte dadurch auch für weniger musikbewanderte Menschen interessant werden.

Soundcloud funktionierte vor allem wie ein Zwiegespräch zwischen Musiker und Musikhörer. Man konnte die Profile von Musikern abonnieren und Herzchen an seine Lieblingssongs verteilen. Zusätzlich gab es eine Kommentarfunktion, um bestimmte Zeitpunkte in einem Song zu markieren, beispielsweise wenn einem der Refrain besonders gut gefiel. Neue Musik zu entdecken war schwierig, jeder war auf seine eigene Spürnase angewiesen.

Anwender finden neue Musik, Musiker finden neue Zuhörer

Das soll sich nach dem jüngsten Soundcloud-Update vom Dezember ändern. Jetzt kann jeder Nutzer seine Lieblingslieder und Playlisten in sein Profil übernehmen und so seinen Kontakten anzeigen lassen. Das Prinzip ist von Tumblr, Facebook und Twitter bekannt, der entsprechende Button bei Soundcloud mit zwei Pfeilen und dem Begriff "Repost" markiert. Was man mag, kennzeichnet man mit einem Herzchen und dem Begriff "Like". "Das wird jetzt noch sozialer gemacht", sagt DJ Fischer.

In einem "Explore" genannten Bereich beispielsweise kann man sich Künstler nach Musikrichtungen geordnet anzeigen lassen. Wer sich bei Soundcloud mit seinem Facebook-Login anmeldet, bekommt Musikvorschläge auf Basis seiner in dem sozialen Netzwerk geäußerten Vorlieben unterbreitet.

Wie schnell sich Musik auf Soundcloud von einem Nutzer zum nächsten verbreiten kann, hat Fischer selbst erlebt. Sein Remix von Lana Del Reys "Summertime Sadness", den es auch auf einer Remix-Platte zu kaufen gibt, wurde innerhalb von zwei Tagen 70.000 Mal abgespielt. Diese blitzschnelle Verbreitung "ist natürlich der Wahnsinn", sagt er.

Profis müssen zahlen

Die Zahl der registrierten Nutzer bewege sich auf die 30 Millionen zu, sagte Soundcloud-Mitgründer und Technologiechef Eric Wahlforss dem Branchen-Blog The Next Web. Entsprechend vielschichtig ist die Nutzerstruktur: "Das sind ja nicht mehr nur irgendwelche Nerds und Produzenten, die davor sitzen", sagt Hannes Fischer. Weil Musikstücke und Radiobeiträge von Soundcloud zudem auf anderen Webseiten eingebunden werden können, kommen dem Unternehmen zufolge 180 Millionen Menschen jeden Monat in Kontakt mit dem Angebot.

Geld verdient das 2008 gegründete Unternehmen mit bezahlten Profilen. Zwischen 30 und 500 Euro pro Jahr kosten die Profi-Accounts, die vor allem mehr Song-Uploads ermöglichen. Zudem bekam das Unternehmen im Januar eine Kapitalspritze der Investoren Kleiner Perkins Caufield & Byers. Laut TechCrunch sollen dabei 50 Millionen Dollar (38,5 Millionen Euro) auf das Soundcloud-Konto geflossen sein. Mit der jetzt überarbeiteten Website und mobilen Apps will Soundcloud nun weitere Neukunden für sich gewinnen.

Lieber auf Experten oder auf Freunde hören?

Zu hören gibt es für die genug. Pro Minute werden dem Unternehmen zufolge zehn Stunden Audiomaterial auf die Seite hochgeladen. "Für uns Musiker ist es das neue MySpace, wenn man so will", sagt DJ Boris Brejcha. Er hat schon vier Techno-Alben veröffentlicht und knapp 15.000 Fans auf Soundcloud, die regelmäßig Hörproben seiner Lieder bekommen. Die Änderungen an der Website sind ihm bisher eher unangenehm aufgefallen: Es dauere jetzt länger, die Inhalte zu laden. Doch die Kommunikation mit anderen Musikern und Produzenten auf Soundcloud ist Brejcha wichtig. "Da tun sich schon manchmal geschäftliche Sachen auf", sagt er.

Ganz allein mit der Idee, junge Musiker mit potentiellen Zuhörern zusammenzubringen, ist Soundcloud allerdings nicht. Ein ähnliches Konzept verfolgen auch Seiten wie Mixcloud. Die seien aber deutlich kleiner, sagt Boris Brejcha. Eine weitere Spielart sind Dienste wie Hype Machine, die auf das Entdecken von Musik spezialisiert sind. Der Online-Dienst durchkämmt Musik-Blogs und filtert jene Titel heraus, über die am häufigsten geschrieben wird. Anders als Soundcloud orientiert sich das Angebot von Anthony Volodkin damit an Expertenmeinungen. Mit Blick auf Soundclouds neue Funktionen zum sozialen Netzwerken sagt der Hype-Machine-Betreiber Anthony dann auch: "Ein gewisser Anteil an sozialem Netzwerk macht bei den meisten modernen Webseiten Sinn. Allerdings haben nicht alle deine Freunde einen tollen Musikgeschmack."

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1. Musiker ade...
archon_short 17.12.2012
Soundcloud hat eines verpasst bei der Umstellung: Es wurde nicht auf die kritischen Stimmen der Musiker und DJ´s gehört, die sich eine klare Abgrenzung der Hörer-Profile wünschten. Jetzt findet man über die Suche eventuell auch noch Mal eine der schöneren Perlen, jedoch mehr und mehr Profile, die einfach nur irgendwas mit in ihrer Playliste habe und nicht in ihren eigenen Tracks. Für mich als Musiker hat die Änderung nun bedeutet, daß ich von 8 bezahlten Accounts nur noch einen als "Solo"-Account behalten habe und die anderen sieben Accounts zu "Free"-Accounts umgewandelt habe. Schon MySpace hatte diesen Schritt gemacht und ihn mit dem Verlust der Nutzer bezahlt, und leider hat Soundcloud nicht daraus gelernt.
2. ...
Feindbild_Mensch 18.12.2012
ich bin ja begeisterter Fan von bandcamp.com - da kann man lange stöbern und findet die eine oder andere Neuentdeckung! Für mich definitiv die Zukunft digitaler Musik - ohne lästigte Zwischenwege über Labels und unnötige Promotion.
3. optional
shakan01 18.12.2012
Nachdem schon länger Songs nach urheberrechtsgeschütztem Material durchsucht werden, warte ich nur nich darauf, dass die Gema pauschal für jede abgespieltes Lied Gebühren fordert, da ja potentiell jeder Soundclouduser auch GEMA-Mitglied sein könnte. Außerdem die ganzen potentielle Abmahnungen und Klagen wegen der "Mixtapes"
4. Weder auf Experten noch auf Freunde hören
vosskoetter 18.12.2012
Ich finde den Soundcloud Relaunch sehr gelungen. Als Hörer, der ich bin, finde ich nun schneller Neues. Allerdings haben wir auf musicplayr.com erkannt, dass es weder die Freunde noch die Experten sind, die einem die beste Musik zeigen/vorschlagen können - Es sind die Fremden, Unbekannten, die man im wahren Leben nicht kennt aber z.b. auf Musicplayr finden kann. Diese sind es, die einen ähnlichen Geschmack haben und einem fantastische, neue Musik zeigen können. Musik ist so vielfältig wie wir Menschen, daher wäre es ein Wunder, wenn die musikalischen Seelenverwandten meine Freunde oder Nachbarn wären.
5. Vielleicht kann SoundCloud nachbessern?
henryo 18.12.2012
Die Abgrenzung der Hörer- und Macher-Profile sind absolut wichtig, damit die Platform für Musiker weiterhin als Präsentationsfläche ihrer Arbeit eine Gültigkeit behält. Wenn sich alles verwischt, so wie einst bei MySpace, sollte man sich als Musiker am liebsten sofort auf zu neuen Ufern begeben. Gerade die klare Präsentation auf SoundCloud war ja das Angenehme und Effiziente dieses Portals.
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