South by Southwest Nachrichten für die Generation YouTube

Zeitungen sterben, das Internet übernimmt: The Daily Dot und NowThis News heißen zwei junge Nachrichtenseiten, die in der Printkrise eine Chance für anderen Journalismus sehen - mit Videos, Gifs und harter Recherche.

Aus Austin berichtet

SPIEGEL ONLINE

Während etablierte Medien in den USA Mitarbeiter entlassen, wird hier eingestellt: Die Redakteure von The Daily Dot durchkämmen soziale Netzwerke und Seiten wie Reddit nach Geschichten, das Team von NowThis News stellt jeden Tag 15 bis 30 neue Nachrichtenvideos ins Netz. Statt trüber Zukunftssorgen - in den vergangenen Jahren verloren in den USA rund 25.000 Journalisten ihren Job - herrscht hier Aufbruchstimmung.

"Der Online-Werbemarkt wächst, trotz aller Wirtschaftskrisen", sagt Nicholas White. Vor 18 Monaten hat er The Daily Dot gegründet und seitdem 22 Mitarbeiter eingestellt. Ein Drittel davon sitzt in Austin, danach ist New York die wichtigste Stadt. Die Seite berichtet über das, worüber in sozialen Netzwerken und großen Foren gerade diskutiert wird - von lustigen YouTube-Videos bis hin zu ernsteren Nachrichten.

Viele traditionelle Medien würden zu Museen verkommen, könnten sich nicht schnell genug an die neue Medienwelt anpassen. "Ich störe lieber, als gestört zu werden zu werden", sagt White. Bei all dem arbeite die Redaktion streng journalistisch: Quellen suchen, Fakten verifizieren, Lesern einen Mehrwert bieten und nicht bloß Links kommentieren, das ist der Plan. Damit ist The Daily Dot schon fast wieder konservativ.

Bruch mit einer 150-jährigen Familientradition

Kein Wunder, denn eigentlich ist White ein Zeitungsmann: Seine Familie besitzt zwölf Blätter und zehn Radiosender, angefangen mit dem "Sandusky Register" in Ohio vor 150 Jahren. William Allen White gehört zu seinen Vorfahren, der 1895 die "Emporia Gazette" in Kansas übernahm, einer der berühmtesten Journalisten des Landes wurde und später US-Präsident Theodore Roosevelt half, die Progressive Party aufzubauen.

Wenn er davon erzählt, leuchten seine Augen. Eine schottische Urgroßmutter führte das Unternehmen und stotterte die Schulden aus der Großen Depression ab. "Seitdem haben wir eine Aversion gegen Schulden, eigentlich untypisch für Amerikaner", sagt White und lacht. Die Medienkrise hat sie dann auch vorerst nicht in Existenznot gestürzt. Doch statt sich weiter um die Online-Aktivitäten des Familienbetriebs zu kümmern, gründete Nicholas White lieber The Daily Dot.

In einem Jahr soll die Seite profitabel sein, hofft White. Freunde und Familie haben 3,3 Millionen Dollar in den Aufbau gesteckt, gerade steht eine zweite Finanzierungsrunde an. Zunächst sei es darum gegangen, Reichweite aufzubauen, sagt White. Damit würden sie im Plan liegen: Rund zwei Millionen Besucher kommen jeden Monat vorbei, viele davon über soziale Netzwerke. "Wir sind schneller gewachsen als die Huffington Post oder BuzzFeed", sagt White stolz. Nun muss daraus auch ein Geschäft werden.

"Erst kommt die App, die Website ist nachrangig"

Beim New Yorker Start-up NowThis News ist der Einsatz noch höher: Im November ging die Video-Nachrichtenseite mit 6,5 Millionen Dollar Startkapital ans Netz. Ein Video über die Internet-Berühmtheit Grumpy Cat steht dort neben einem Nachrichtenbeitrag über den Tod von Hugo Chávez und neuer Eskapaden von Teeniestar Justin Bieber. Trotz der bunten Mischung fällt auf: NowThis News macht viel klassisches Nachrichtengeschäft, nur eben in Form kurzer Videos.

"Die eine Hälfte ist Technik, die andere Journalismus", beschreibt Stanford-Absolvent Drake Martinet die Arbeit bei NowThis News. Er ist Social Editor, entwickelt App und Videoplayer weiter, damit die Clips möglichst oft geteilt werden. "Erst kommt die App, die Website ist nachrangig", sagt Martinet. Das Ausgangsmaterial für viele Videobeiträge kaufen sie bei großen Agenturen ein, wie andere Medienunternehmen auch.

"Mit ein bisschen Geld und einer niedlichen Katze kann ich jederzeit einen viralen Hit landen", sagt Martinet. Der Anspruch von NowThis News sei aber ein anderer: Einen jungen Kollegen, Cyrus Moussavi, haben sie gerade in die Türkei geschickt. Moussavi kümmert sich vor allem um Außenpolitik. NowThis News hat früher als viele US-Medien von der Krise in Mali berichtet, betonen die beiden.

Die Macher der jungen Seiten glauben an den Journalismus

32 Mitarbeiter zählt das Start-up, gegründet haben es zwei Veteranen der Huffington Post und ein Medienunternehmer, Chefredakteur Ed O'Keefe hat vorher das Digitalgeschäft von ABC News verantwortet. Als nächstes soll ein Büro in Washington eröffnet werden. So schnell und jung wie "Vice" wollen sie sein, sagt Martinet, dabei aber so seriös wie die "New York Times". Und keinesfalls wie die in den USA allgegenwärtigen Nachrichtensender: "Wir machen dann ein kurzes, prägnantes Video, wenn es etwas zu sagen gibt - wir füllen nicht sinnlos Sendezeit."

Bisher haben The Daily Dot und NowThis News wenig Konkurrenz. Gegründet wurden sie von Medienprofis, die an Journalismus glauben. Werbung wollen sie klar kennzeichnen, ihre Redakteure nicht für bezahlte Artikel oder Videos einspannen - höchstens, wenn diese den Sponsor einer Geschichte, die sie ohnehin machen würden, vorher nicht kennen. Klar ist aber auch: Die Werbung wird unter die übrigen Inhalte gemischt, die Zeit der Banner ist ihrer Meinung nach gekommen.

Die mangelnde Konkurrenz könnte aber auch etwas mit den Aussichten auf hohe Profite zu tun haben, besser gesagt mit der fehlenden Aussicht auf satte Gewinne, wie sie andere Internetfirmen einfahren und wie sie in den Medien über Jahrzehnte üblich waren. Der Journalismus von The Daily Dot und NowThis News kostet vor allem erst mal Geld. Beide Unternehmen suchen weitere Mitarbeiter.

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ralf_si 10.03.2013
1.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEZeitungen sterben, das Internet übernimmt: "The Daily Dot" und "NowThis News" heißen zwei junge Nachrichtenseiten, die in der Printkrise eine Chance für anderen Journalismus sehen - mit Videos, Gifs und harter Recherche. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/south-by-southwest-the-daily-dot-und-nowthis-news-starten-durch-a-887929.html
Wow, ich bin beeindruckt vom Journalismus-Verständnis. Redundanz sollte von den Suchmaschinen endlich komplett eingedämmt werden. Wer als erster veröffentlicht (Ping an die Suchmaschinen). Dann auch nur noch die Diskussion dort. Eine Seite, die erlaubte, aber unliebsame Meinungen entfernt, wird aus den Suchmaschinen für gewisse Zeit entfernt. Endlich Schluss mit den Hobby-Journalisten, die den Brei nur wiedergekaut hervorbringen.
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