Reaktionäre Revolte Sie jammern über "Hexenjagd" - und holen zum Gegenschlag aus

Die Umkehr von Täter und Opfer hat im Netz eine neue Dimension erreicht. Diejenigen, die keine Kritik ertragen, schaffen sich verbogene Schutzbegriffe. Und das ist erst der Anfang.

Hexenverbrennung im Mittelalter (Stich aus dem Jahr 1883)
imago

Hexenverbrennung im Mittelalter (Stich aus dem Jahr 1883)

Eine Kolumne von


Hexenjagd! In Zeiten einer allumfassenden und alle-umfassenden Öffentlichkeit durch soziale und redaktionelle Medien hat der Begriff eine steile Karriere hingelegt. Einen eindrücklichen Beweis liefert der aktuelle US-Präsident, denn "Hexenjagd" gehört zweifellos zu seinen Lieblingsworten. Seit Amtsantritt hat Donald Trump siebzehnmal "Hexenjagd" ("witch hunt") getwittert. Zum Vergleich: Seine berüchtigte Offensivtraurigkeit "Sad!" kommt selbst mit Abwandlungen im gleichen Zeitraum nur auf 13 Tweets.

Der Duden definiert die im übertragenen Sinn verwendete Hexenjagd als "unbarmherzige, meist unrechtmäßige Verfolgung und Verurteilung von Menschen". Aber in der digitalen Öffentlichkeit hat das Wort eine andere Funktion bekommen, sie hat sich beinahe umgekehrt. Wer heute von Hexenjagd spricht und sich selbst damit meint, wehrt sich damit inzwischen eher gegen die öffentliche Besprechung und Bewertung seiner Handlungen.

Hexenjagd funktioniert inzwischen auch als Schutzbegriff für diejenigen, die ihre tatsächlich begangenen Taten nicht in der Öffentlichkeit diskutiert sehen möchten. Siehe Trump. Am häufigsten verwendete er "witch hunt", um die Untersuchungen zum russischen Einfluss gegen ihn und sein Team als unfair und falsch zu brandmarken. Genau dieser Einfluss aber wird nach und nach durch Rücktritte, verschwiegene Verbindungen und aufgedeckte Lügen überdeutlich.

Über die Grenzen des Angemessenen hinaus

Die Klage "Hexenjagd" lässt sich - in einigen Fällen - sogar als eine verbogene Form des Schuldeingeständnis betrachten, nach dem Muster: Ich habe das zwar getan, aber niemand soll deshalb über mich reden.

In der sozial-medialen Öffentlichkeit sind Angriffe aller Art allgegenwärtig, wer jedoch den Begriff "Hexenjagd" bedenkenlos für jede Form der Empörung verwendet, transportiert damit automatisch zweierlei: Das Ziel ist zum einen unschuldig und zum anderen eigentlich nicht Täter oder potenzieller Täter, sondern Opfer. Opfer einer wild gewordenen, sozial-medialen Öffentlichkeit nämlich, die die Unverschämtheit besitzt, Geschehenes anzusprechen, Vermutungen anzustellen und ihrer Empörung Raum zu verschaffen.

Zweifellos schießt ein Teil der sozial-medialen Öffentlichkeit dabei meist über die Grenzen des Angemessenen hinaus. Aber gerade weil das so ist, ließe sich wirklich alles verharmlosen, wenn man prinzipiell emotionale oder überemotionale Reaktionen in sozialen Medien dagegenhielte. Der Ausruf "Hexenjagd" gerinnt so zum Täterschutz-Reflex.

Wundersame Umkehrung von Täter und Opfer

Eine bedenkliche Haltung hat sich durch die - zugegeben intensiv emotional gefärbte - Digitalöffentlichkeit verbreitet: Die bloße, öffentliche Erwähnung einer Tat sei ein Angriff auf den Täter. Genau dafür steht der Begriff "Hexenjagd" inzwischen, er ist zum Fanal der Täter-Opfer-Umkehr geworden, ob er gezielt so verwendet wird oder unabsichtlich.

Auf verstörende Weise wird das in einem Beitrag der "Welt" klar, der der "Hexenjagd" hinterherspürt. In dem Videokommentar, der explizit zur "sexuellen Belästigung" durch Männer Stellung nimmt, wird munter durch die Kulturgeschichte dieses Worts geführt. Der Schlusssatz bezieht sich auf ein Theaterstück, in dem ein unschuldiger Mann gehängt wird und lautet: "Das wird den Opfern heutiger Hexenjagden ganz gewiss nicht passieren."

Zu Beginn des Kommentars geht es um die mutmaßlichen und tatsächlichen Täter der jüngsten Zeit, die sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen begangen haben oder begangen haben sollen. Eineinhalb Minuten später sind diese Männer, die mutmaßlichen Täter, dank einer wundersamen Umkehrung die "Opfer heutiger Hexenjagden".

Selbstverteidigung ist Gewalt, die sich einfach rechtfertigen lässt

Der Mechanismus der Täter-Opfer-Umkehr ist uralt, aber er hat durch die vernetzten Öffentlichkeiten eine neue Dimension erreicht. Opfer der sozialen Medien kann man nämlich immer sein, wenn das Publikum auf irgendetwas ungehalten reagiert. Fast, als würde man in einen See springen und dann die heftige Attacke des Wassers beklagen.

Deshalb erscheint mir die Renaissance des Begriffs "Hexenjagd" als Puzzlestück, das auf eine größere Entwicklung verweist. Nämlich die Beschwörung eines großen Kampfes gegen gesellschaftlichen Fortschritt und Veränderung: eine beginnende reaktionäre Revolte.

Wesentliches Element dieses Kampfes wiederum ist die klassische Opfer-Pose, die eine so beabsichtigte wie hochproblematische Wirkung entfaltet. Denn Selbstverteidigung ist diejenige Form von Gewalt, die politisch und menschlich am einfachsten zu rechtfertigen ist. Jemandem, der sich als Opfer bloß gegen Angriffe verteidigt, ist doch kein Vorwurf zu machen. Deshalb können Opfer-Pose und Täter-Opfer-Umkehr Instrumente sein, um Gewalt bei der reaktionären Revolte akzeptabel erscheinen zu lassen.

Dieses Muster konnte man jüngst bei Diskussionen über den Angriff auf den flüchtlingsfreundlichen Altenaer Bürgermeister erkennen. Die Reaktionen in den sozialen Medien passen auffallend häufig in das große Muster der reaktionären Revolte, in dem auch die "Hexenjagd" stattfindet.

Zur Abwehr der Schuld dient auch die Beschwörung "Bürgerkrieg"

Ein meiner Einschätzung nach typisches Kommentarmuster wurde (in Form eines Screenshots) auf Twitter herumgereicht. Auf einer AfD-nahen Facebook-Seite stand zur Altenaer Gewalttat: "Ja, die Flüchtlingspolitik rächt sich, immer mehr unzufriedene Menschen wehren sich, und sei es mit Gewalt. Es werden immer mehr Stimmen laut in Deutschland und wie man sieht, greifen auch die ersten Deutschen zur Waffe. So fängt Bürgerkrieg an."

Eine Messerattacke auf eine unbewaffnete, unschuldige Person in Selbstverteidigung umzudeuten, zeigt den Kern und die Absurdität der Täter-Opfer-Umkehrung. Zur Abwehr der Schuld dient auch die Beschwörung "Bürgerkrieg", weil in diesem Fall einzelne Taten dramatisch an Bedeutung verlieren und vom Komplex der persönlichen Schuld abgelöst werden.

Was im Alltäglichen mit Begriffen wie "Hexenjagd" beginnt, kann im Großen eine fatale Stimmung stärken: die flächendeckende Verbreitung des Gefühls, es finde an allen Fronten ein unverschuldeter, sogar grundloser Angriff auf die eigene Lebensweise, gar das eigene Leben statt. Und genau dieses, sich selbst verstärkende Gefühl dient der emotionalen Vorbereitung des "Gegenschlages": Die reaktionäre Revolte heizt sich auf.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Die Mensch-Maschine


insgesamt 155 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
HeisseLuft 29.11.2017
1. Wie immer...
... gut getroffen.
blumenstrauss 29.11.2017
2. Sehr gut analysiert...
... und geschrieben. Weiter so.
sikasuu 29.11.2017
3. Eine Messerattacke auf eine unbewaffnete, unschuldige Person ...
... in Selbstverteidigung umzudeuten,... # Und das schlimme ist, viele glauben diesem Humbug auch noch! . Denken, kritisches Denken, unterlegt mit Fakten, Daten & Logik ist keine erstebenswerte Standardqualifikation mit hohem Stellenwert mehr in einer Zeit, in der machen "Shit-stroms" im Netz an wenigstens virtuelle Pogrome im Mittelalter erinnern können:-( . Die Täter/Opfer Umkehr ist aber so alt wie öffentliche Medien überhaupt. Nur der Nutzerkreis, die Zugangshürde hat sich geändert. . Die Gruppe, die sich vor ein paar Jahren noch U...chmmm Fernsehen berieseln lies hat die Tastatur, die Foren& das Netz entdeckt. . Wie war, ging doch mal der TRAUM vor x Jahren: Das Internet ist das DEMOKRATISCHE Medium der Neuzeit. Wir sind frei von der Bevormundung der Medienmogule. usw . Haben wir jetzt. Den ziemlichen 1zu1 Abdruck unserer Gesellschaft & der Mitmenschen im Netz. . Wenn man/Frau sich überhaupt noch darin bewegt die Foren liest & äußert! (Incl eines Qualitätstrends wie zur Einführung des Privat-Fernsehens beim öfftl re. TV!) . Haben wir aber nicht vielleicht das Netz, den Diskurs, das/den wir verdienen? . Nachdenkliche Grüsse Sikasuu
peterpeterweise 29.11.2017
4. Hexen und Opfer Stalins sind also manchmal schuld gewesen?
Zitat: ... Die Klage "Hexenjagd" lässt sich - in einigen Fällen - sogar als eine verbogene Form des Schuld-Eingeständnis betrachten, nach dem Muster: Ich habe das zwar getan, aber niemand soll deshalb über mich reden... Ist das nicht etwas zu einfach? Nach dieser Logik waren in einigen Fällen die Opfer der mittelalterlichen Hexenjagden und der stalinistischen Säuberungen schon irgendwie schuldig. Und was ist mit der "Hexenjagd" auf Kommunisten unter McCharthy? Wenn man über öffentlich geduldetes oder sogar staatlich sanktioniertes Mobbing von Menschen spricht, dann ist Hexenjagd oft der passende Begriff. In der Geschichte hat es meist fortschrittliche Menschen getroffen. Aber gegenwärtig kommen die "HexenjägerInnen" häufig aus dem Lager, welches sich selbst als progressiv bezeichnet. Macht das staatlich geduldetes Mobbing besser?
yast2000 29.11.2017
5. Gut analysiert, aber etwas zu einfach geschlussfolgert...
Psychologisch, (also nicht politisch), betrachtet, sieht es so aus: 1. Hexenjagden finden immer auf Menschen statt, gegen die man sich nicht anders zu wehren weiß. Da spielen moralische Aspekte leider keine Rolle, sonst wäre es ja auch keine Hexenjagd. 2. Politische Angriffe sollten immer den Charakter der Politik wahren, und keine privaten Verfolgungsjadgen unter dem Deckmantel einer politischen Absicht werden. 3. Es sind schwere, persönliche Fehler unter dem Deckmantel einer Politik gemacht worden. Es stünde der Verantwortlichen gerade auch als Christin gut zu Gesicht, die Verantwortung für die Situation in Deutschland zu übernehmen und einfach zurückzutreten. Dann gäbe es auch keine Hexenjadgen mehr. 4. Das Internet an sich ist nicht schuld, sondern es ist nur das Medium, über das Menschen sich austauschen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.