S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Die unerträgliche Nähe des Netzes

Weltverbesserer war lange ein Schimpfwort, doch jetzt handeln die Leute einfach. Dass soziale Medien eine so große gefühlte Nähe zum Leid von Flüchtlingen erlauben, schlägt sich in Hilfsbereitschaft nieder - aber auch in Hass.

Eine Kolumne von


Es kommt mir vor, als sei mir die Welt näher als je zuvor, nämlich unerträglich nah. In den letzten Wochen habe ich in sozialen Medien Bilder betrachtet, Videos gesehen und Texte gelesen, die mir das Flüchtlingsdrama in einem Dokumentationsmosaik intensiver vermittelt haben, als es ein anderes Medium je könnte. Die Diskussion, ob man das Bild eines ertrunkenen Kindes zeigen sollte oder nicht oder gerade doch, empfand ich als Stellvertreterdiskussion. Sie ist nicht falsch, aber unvollständig. Eigentlich geht es darum, dass die Gesellschaft gerade erst lernt, was es wirklich bedeutet, wenn alle senden können und sozial vernetzt sind.

Ich erinnere mich an Diskurse im letzten Jahrtausend, ob und wie die Tagesschau Bilder von Kriegsgräueln zeigen sollte. Eine Diskussion, so alt wie Fotografie und Film. Aber damals ging es um die Wirkung der Medien auf das Publikum. Jetzt geht es um die Wirkung des Publikums auf die Medien. Und von dort wieder zurück auf das Publikum, es fühlt sich an, als schließe sich ein Kreis.

Medienfaust in die Fresse

Die erste Eigenschaft sozialer Medien ist ihre persönliche Nähe, ihr Fundament ist der freundschaftliche Austausch. Kommunikation auf Facebook ist oft mit Partygesprächen verglichen worden. In Krisensituationen crasht die gewaltige, gewalttätige Realität in die Party, eigentlich eine radikale und noch immer neue Vermischung der Sphären. Das Bild eines ertrunkenen Dreijährigen kommt plötzlich auf demselben Kanal daher wie der herzige Geburtstagsglückwunsch der alten Schulfreundin. Beides steht direkt untereinander, ein Kontrast mit eingebautem Verstörungsmaximum.

Vielleicht entsteht die unerträgliche Nähe des Netzes genau so: Eben noch habe ich einen freundschaftlichen, digitalen Händedruck empfangen, und in der nächsten Sekunde schlägt mir die Welt mit der gleichen Hand unvermittelt ihre harte Nachrichtenfaust in die Fresse. Natürlich kann es sein, dass diese Mediengleichzeitigkeit eine Prägungsfrage ist und von einer neuen, Social-Media-sozialisierten Generation nicht mehr als verstörend gesehen wird.

Die heute Erwachsenen aber, Privatleute wie Medienprofis, scheinen sich zu verändern. Auf Facebook und Twitter war eine ungewöhnlich häufige Reaktion auf das Bild des toten Flüchtlingsjungen, seine Tränen zuzugeben, "meine Kehle schnürt sich zu", "ich muss heulen". Das sagt viel über die Macht von Bildern, aber es sagt mindestens ebensoviel über die Nähe sozialer Medien.

Wie lange war "Weltverbesserer" ein Schimpfwort?

Meine Vermutung: Die überwältigende und für mich durchaus überraschende Hilfsbereitschaft der deutschen (und österreichischen) Öffentlichkeit gegenüber den Flüchtlingen beruht auf der herzergreifenden Nähe, mit der sich das menschliche Elend in das persönlichste Medium auf dem intimsten Gerät hineingedrängt hat. Dafür spricht, dass die meisten der Hilfsaktivitäten ebenfalls über soziale Medien motiviert, geplant und organisiert werden. Es könnte auch sein, dass die Allgegenwart des Flüchtlingshasses und der Menschenverachtung in sozialen Medien einfach eine Gegenreaktion provozieren musste. Es wäre jedenfalls eine Genugtuung, wenn die Hate-Speech-Orgien der "Ja, aber"-Nazis letztlich dazu geführt hätten, dass jetzt in Wien, München, Saalfeld, Dortmund jubelnde Menschenmengen Flüchtlinge begrüßen.

Es ist ein trostspendendes, sogar erhebendes Gefühl, wenn die oft beschworene Verantwortung der Zivilgesellschaft plötzlich erst digital sichtbar wird und dann zu tatsächlichen Handlungen führt, zu - man kann es kaum anders bezeichnen - aktiver Weltverbesserung. Wie lange war "Weltverbesserer" ein Schimpfwort, und jetzt tun es die Leute einfach. Ganz normale Leute, die sich für so was einen Urlaubstag nehmen müssen und die 200 Euro im monatlichen Haushalt anders eingeplant hatten als für Drogerieartikel für Flüchtlinge.

Und die Nähe der sozialen Medien wirkt zurück auf redaktionelle Medien und Journalismus. Schon länger schwelt eine Diskussion, ob Journalisten Aktivisten sein dürften, könnten oder sollten. Sie begann in der gegenwärtigen Form bezeichnenderweise mit einem Netzthema, Wikileaks, und wurde durch die Snowden-Enthüllungen nochmal befeuert. Jetzt gerinnt die Debatte zu einer Frage der Menschlichkeit. Der taz-Autor Martin Kaul hat einen bewegenden Bericht über seine Zeit inmitten ungarischer Flüchtlingsströme geschrieben. Er lässt sich fragen, ob sich seine journalistische Position vereinbaren ließe mit seiner aktiven Hilfe für die Flüchtlinge, zu Spenden aufzurufen und Essen zu kaufen. Er zitiert einen Kollegen: "Jeder normale Journalist hat in dieser Nacht ein paar Tränen vergossen."

Das Ende der vermeintlichen Coolness-Pflicht

Der österreichische Offensivintellektuelle und Journalist Robert Misik beschreibt, wie er selbst zum "Schlepper" wurde, durch den Besuch am Budapester Bahnhof der Flüchtlingskatastrophe: "Wer hier mit freien Plätzen im Auto wegfährt, braucht morgen nicht mehr in den Spiegel zu schauen." Florian Klenk, Chefredakteur der umtriebigen Wiener Zeitschrift "Falter", twittert: "Ein kleiner Wiener Bub übergibt einem syrischen Buben sein Matchboxauto. Sie umarmen einander. Da schießen einem die Tränen in die Augen".

Es scheint, als sei die medienbedingt distanzierte Position des Journalismus im 20. Jahrhundert aufgebrochen, mithilfe der Unmittelbarkeit der sozialen Medien und eben der Nähe der Welt. Das hat der Journalismus mit seinem Publikum gemeinsam: den langsam gewachsenen Mut, sich berühren zu lassen und das auch öffentlich zu machen. Das Ende der vermeintlichen Coolness-Pflicht in der Öffentlichkeit. Die politische Unterscheidung zwischen konservativ und progressiv tritt in den Hintergrund, die wichtige Grenze verläuft zwischen empathisch und unempathisch. Leicht lässt sich diese Haltung als politisch naiv, manipulationsanfällig oder gar gefährlich verspotten. Aber wo ist die Grenze zwischen dem Vorwurf "zu viel Empathie am falschen Ort" und zynischer Unmenschlichkeit? Jeremy Rifkin schrieb 2010, dass eine empathiegetriebene Zivilisation die richtige Antwort auf eine immer komplexere Welt sei.

Natürlich lauert die Überforderung. Natürlich kann der digitale Einbruch der bitteren Realität zu einer Überdosis Weltgeschehen führen. Natürlich kann es Kraft oder zu viel Kraft kosten, überhaupt nur einen Blick aufs Smartphone zu werfen - kurz: die Welt via Netz unerträglich werden. Aber die Frage ist doch eigentlich, ob die Welt je anders war und vor den sozialen Medien bloß weiter weg. Gerade weit genug, um sie zu ignorieren. Mit allen Vorteilen, mit allen Nachteilen. Vielleicht ist mir die zehrende, die unerträgliche, die viel zu nahe Welt lieber, wenn die Alternative eine Gesellschaft ist, in der Alan Kurdis Foto nicht unter Tränen geteilt wird. Sondern er als einer von 2.760 ertrunkenen Flüchtlingen - noch einmal untergeht.

tl;dr

Die unerträgliche Nähe des Netzes verändert offenbar Empfindung und Handeln der Bevölkerung. Im Guten wie im Schlechten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
agua 09.09.2015
1.
Es gibt zwei Extreme zur Zeit.Es gibt auch Stimmen,die behaupten,dass die Medien versuchen würde,die Emphatie der Menschen zu berühren,was die Hasser noch mehr ihrer Abwehr zustreben lässt.Bei aller Hilfsbereitschaft,auch von meiner Seite,denke ich,dass es noch gewaltige Probleme geben wird,wenn ein Alltag einkehren wird.Die Flüchtlingswelle war abzusehen.Es ging keine Planung voraus.Letzteres wäre wichtig gewesen.
elblette 09.09.2015
2. Sehe ich genau anders:
Die Nähe entsteht durch die tatsächliche physische Nähe der Flüchtlinge, nicht durch die Bilder. Deshalb sind die Briten überhaupt nicht im Hilfe-Modus. Für die sind das noch immer wilde Horden, nicht Leute, die nebenan in einer Halle hausen. Die sozialen Medien verstärken beide Trends, zum Guten wie zum Schlechten.
der-schwarze-fleck 09.09.2015
3. Rausch
Irgendwann ist jeder Rausch vorbei und dann kommt der Kater. Die Euphorie wird sich legen und dann kommen die Mühen der Ebene und die, die jetzt jubelnd an den Bahnhöfen standen, überlassen die Mühe dann den anderen. Aber es war doch ein schönes Gefühl.
elblette 09.09.2015
4. Wer sind die anderen?
Dass die Mühen der Ebene kommen, ist sicherlich richtig, aber ich frage mich, wer diese "anderen" sein sollen, denen irgendwas überlassen wird?
fliese1 09.09.2015
5. Jubelnde Massen?
Halte ich für sehr übertrieben. Deutschland hat 80 Millionen Einwohner, wie viele haben denn da gejubelt. In Saalfeld zum Beispiel hat die Linke mobil gemacht und der größte Teil kam von auserhalb.
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