Soziale Netzwerke MySpace identifiziert 90.000 Sex-Täter

Seit zwei Jahren arbeitet MySpace daran, überführte Sexualstraftäter aus seinen Mitgliederlisten zu entfernen - jetzt hat das Unternehmen auf Druck der Behörden Zahlen genannt. Abschreckende Wirkung hat das Projekt allerdings kaum. Die Täter wandern offenbar zur Konkurrenz ab.


Freiwillig hat MySpace die Zahlen nicht bekanntgegeben. Vielmehr reagierte das Unternehmen auf eine Aufforderung des Generalstaatsanwalts von Connecticut, Richard Blumenthal. Der hatte die Firma aufgefordert, genaue Angaben darüber zu liefern, wie es mit dem Unterfangen, das soziale Netzwerk von Sexualstraftätern zu reinigen, vorangehe. MySpace schickte ihm daraufhin eine Liste mit den Namen von 90.000 identifizierten und aus dem Netzwerk verbannten Tätern. Bis dahin hatte MySpace von 50.000 identifizierten Sex-Tätern gesprochen.

Die Säuberungsaktion selbst führte MySpace mit Unterstützung der Sentinel Safe Holding durch, einer auf Internet-Sicherheit spezialisierten US-Firma. Bereits 2006 beauftragte MySpace Sentinel mit dem Aufbau einer verifizierten Sexualstraftäter-Datenbank. Die Community-Website reagierte damit auf Berichte über Versuche von Männern, via MySpace Kontakte zu Jugendlichen oder gar Kindern zu knüpfen. In der Sentinel-Datenbank sind die Straftäter mit bis zu 120 Merkmalen inklusive körperlicher Auffälligkeiten gespeichert.

Gemeinsam mit seinem Staatsanwaltskollegen Roy Cooper hat es sich Blumenthal zur Aufgabe gemacht, die Netzwerke besser gegen mögliche sexuelle Übergriffe abzusichern. "Diese Seiten wurden geschaffen, um jungen Leuten neue Kommunikationsmöglichkeiten zu geben. Kriminelle werden versuchen, sich dort einzuschleichen, weil sie wissen, dass sie dort Kinder finden können", sagte Blumenthal der Nachrichtenagentur Associated Press.

Die Zahlen von Facebook stehen noch aus

Sowohl MySpace als auch Facebook haben sich Blumenthal gegenüber im vergangenen Jahr dazu verpflichtet, ihre Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern. Zudem wollen die Unternehmen mit den Behörden zusammenarbeiten. "Wir können bestätigen, dass MySpace diese Personen aus seinen Verzeichnissen entfernt und deren Daten an die zuständigen Behörden weitergegeben hat", erklärte der MySpace-Sicherheitsbeauftragte Hemanshu Nigam.

Genaue Angaben seitens Facebook stehen allerdings noch aus. Zwar sei das Unternehmen ebenfalls per Vorladung dazu aufgefordert worden, die entsprechenden Angaben zu übermitteln, ist dieser Aufforderung laut Blumenthal aber bisher noch nicht nachgekommen.

Riesige Dunkelziffer

Bei TechCrunch hat man sich allerdings die Mühe gemacht, Facebook selbst nach Tätern zu durchforsten. Besonders schwer ist das in den USA nicht, da es dort eine öffentlich einsehbare Online-Liste bereits überführter Sexualstraftäter, die Dru Sjodin National Sex Offender Public Website, gibt. Mit Hilfe der dort abgelegten Daten konnte TechCrunch in kurzer Zeit und manuell 100 Täter auf Facebook identifizieren.

Auf weit höhere Zahlen kam allerdings John Cardillo, Chef von Sentinel Safe Holding, als er die 90.000 Einträge starke MySpace-Täter-Datenbank auf Facebook anwandte. Auf Anhieb konnte er mehr als 8000 Übereinstimmungen finden, rund 4500 davon mit einer Facebook-ID verknüpfen. Auf Basis dieser Erkenntnisse schätzt Cardillo, die tatsächliche Zahl ermittelbarer Sexualstraftäter auf Facebook könne 15- bis 20-mal höher liegen. Gegenüber TechCrunch bezeichnet er Facebook sogar als "sicheren Hafen" für Sexualstraftäter.

Der Generalstaatsanwalt wartet

In einer Stellungnahme zeigte sich Facebook allerdings skeptisch gegenüber der Zahl von gefundenen 8000 Tätern. Für einen Außenstehenden sei es schwierig, einen so umfassenden Datenabgleich vorzunehmen. Gleichzeitig bekannte sich das Unternehmen dazu, jede nur mögliche Maßnahe zu unterstützen, um Sexualstraftäter in seinen Datenbanken zu identifizieren, kritisierte Sentinel aber dafür, dass das Unternehmen seine Technologie nicht mit Facebook teile. Nachdem TechCrunch die Liste der 8000 gefunden Täter an Facebook übermittelt hatte, wurden deren Accounts sofort gesperrt.

Generalstaatsanwalt Blumenthal wartet unterdessen weiter auf eine zahlenmäßig klare Meldung von Facebook. Auch er hatte offenbar die Schilderungen von TechCrunch gelesen und eine Pressemitteilung herausgegeben, in der es nun heißt: "Jüngste Berichte deuten darauf hin, dass eine große Zahl überführter Straftäter bei Facebook Profile angelegt hat."

Jetzt ist Facebook am Zug.

mak



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