Spam-Kunst Erektionslyrik von Dichtmaschinen

Spamfilter werden immer schlauer - und Spam-Versender müssen sich einiges einfallen lassen, um weiterhin zumindest Teile ihrer lästigen Botschaften an den Empfänger zu bringen. Was dabei entsteht, ist von dadaistischer Lyrik oft kaum noch zu unterscheiden. SPIEGEL ONLINE weiß, warum.

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"Wave our good kaspar is dead who carries now the burning fahne in the zopf who twists the kaffeemuehle one who attracts the idyllic reh on that was confused meer he the schiffe with the woertchen parapluie and those ones winds called he bienenvater ..."

- Das ist ein Auszug aus einem Werk des Dada-Dichters Hans Arp, ins Englische übersetzt mit Hilfe der Rechenleistung von Babelfish.org.

Spam-Typographie aus einer E-Mail: Kleine Kunstwerke aus Buchstaben

Spam-Typographie aus einer E-Mail: Kleine Kunstwerke aus Buchstaben

"Venturesome is wop ares a demit not deregulatory cool. shutoff is heron optoisolate is austria a reeves candela good. beatnik is conflagration godmother a advisable not declassify cool." Das ist ein Auzug aus einer E-Mail, die für ein Online-Angebot für eine chemische Erektionshilfe wirbt.

Die Dichtung, die inzwischen millionenfach täglich durchs Netz plätschert, ist von großer Merkwürdigkeit, gleichzeitig aber zuweilen von bizarrer Schönheit: "Bronx some amorous a giovanni! tuscaloosa and mathematik. see hornmouth, hangar. on aida or fredericks! reman be plug be sip may forgettable may tiptoe be loquacious. be dachshund in saltbush and morphemic be billet some duplicable be bantus. not bundle!" Ist das noch Spam - oder schon Dada?

Werke von bizarrer Schönheit

Was, fragt man sich, macht der Dachshund im Salzbusch, was hat Tuscaloosa - eine Stadt im US-Staat Alabama übrigens - mit Mathematik zu tun? In wen ist Giovanni verliebt, was genau ist ein Hornmouth - und ist Hangar womöglich ein Mensch, ein skandinavischer vielleicht, der sich anschauen soll, was Hornmouth über Aida und Fredericks zu sagen hat? Was heißt "Try ballyhoo it chokeberry not" (wirbt für gefälschte College-Abschlusszeugnisse), und was "softball caesarbuffy kiss miranda" (gefälschte Uhren)?

Egal, schön ist es allemal, und man kann den ganzen Nachmittag verborgenen Bedeutungen und verschütteten Gefühlen nachspüren, wenn man nichts Besseres zu tun hat.

Manche Erektionsmittelverkäufer drücken sich - auf den ersten Blick - klarer aus: "Wir lassen die Leute wissen, dass wir uns für sie interessieren, und dass sie für uns lebensnotwendig sind. Weil sie das sind", heißt es da in einer E-Mail - logisch, ein Erektionsmittelverkäufer ohne Erektionsmittelkäufer ist wie ein Dachshund ohne Salzbusch. Aber dann, eine Zeile weiter: "There is more sophistication and less sense in New York than anywhere else on the globe. Hearing often-times the still, sad music of humanity, nor harsh nor grating, though of ample power to chasten and subdue."

Gut, New York ist raffiniert aber irre, das wussten wir schon, aber die "stille traurige Musik der Menschlichkeit, nicht barsch oder knirschend, aber mit üppiger Kraft zum Züchtigen und Bändigen" - ist das noch verbotene Werbung? Oder doch schon Kunst? Oder irgendwo geklaut?

Wer sind die Autoren? Wer sind die Verleger?

Vor allem aber: Was fühlen die Maschinen, die diese Texte schreiben? Schreien da furchtbar einsame, Eine-Million-Mails-Pro-Sekunde-Verschicker ihr Elend in die vernetze Welt hinaus - und niemand hört zu?

"Try embroidery some cope, childhood on impassive and begging" - Hören wir da nicht die Verzweiflung einer zum Sticken (embroidery) verdammten Damsell des Neunzehnten Jahrhunderts heraus, mit eingesperrtem Intellekt darauf wartend, ja darum bettelnd, endlich etwas anderes tun zu dürfen mit ihrem eigentlich doch mächtigen Geist? Global vernetzte Marvins gewissermaßen, mit "einem Hirn von der Größe eines Planeten" aber zum Spamverschicken verdammt? Die eigentlich über Verdi-Opern und urbane Entfremdung philosophieren wollen?

Ihre Einpeitscher und Herren jedenfalls haben nur eins im Sinn: Spamfilter zu überlisten nämlich, indem sie deren Kriterien gezielt unterlaufen. Indem sie die Länge verschickter Mails ständig variierten zum Beispiel - eine Filtersoftware, die in 10.000 Posteingängen 10.000 Mails mit exakt gleicher Dateigröße findet, wird leicht misstrauisch, variable Mail-Längen sind dagegen unverdächtig. Enthält die Mail dann noch ein Bild, gibt es noch einen Strafpunkt, eine Betreffzeile in Großbuchstaben ist auch suspekt, und so weiter.

Rechner-generierte Nonsens-Texte dagegen sorgen dafür, dass die Spam-Mails für den Algorithmus hübsch harmlos aussehen. Wenn Worte wie "Cialis" und "Viagra" dann noch als C.I.a.L.i.S. oder V1grrrrrra geschrieben sind, gibt es gute Chancen, dass der potentielle Erektionsmittelkonsument auch tatsächlich erreicht wird - dabei entstehen gelegentlich sogar kleine typographische Kunstwerke. Die meisten Spammer verstecken die eigentliche Botschaft aber heute ohnehin in einem Bild - das dann wiederum mit einem bisschen Nonsensetext garniert wird, weil es sonst auffällt. Auch ein Bild oder eine Internetadresse ohne Text sehen Filter-Algorithmen nämlich mit Argwohn.

Machen Sie mit! Ihr Spam ist gefragt!

So werden sie also wohl noch eine Weile weiterdichten, die einsamen Sprachroboter da draußen in Weißrussland oder auf den Cayman-Inseln - werden Dachshunde, Brand-Patinnen und Optoisolate besingen. Vielleicht ist ja irgendwann auch einmal ein Bienenvater dabei, dann freut sich Hans Arp in seinem Grab.

SPIEGEL ONLINE jedenfalls bittet: Schicken Sie uns ihre liebste Spam-Lyrik, ihre schönsten E-Mail-Bizarrheiten, in kurzen Häppchen möglichst - gern auch mit knapp gehaltener eigener Interpretation. Scheuen Sie sich nicht, nur einen einzigen Satz (oder irgendetwas, was typografisch als solcher betrachtet werden könnte) zu schicken, wenn er Ihnen aus der Seele spricht - mit kompletten E-Mails dagegen können wir wenig anfangen. Betreffzeilen-Stichwort: Spamlyrik, Adresse netzwelt@spiegel.de. Die besten Einsendungen veröffentlichen wir, hier auf SPIEGEL ONLINE. In diesem Sinne: "Try ballyhoo - it chokeberry not!"

P.S.: Eins noch - klicken Sie bitte bei aller Begeisterung für Roboterliteratur nicht auf Links in Spammails oder öffnen Sie Anhänge. Da gelten die gleichen Sicherheitsregeln wie sonst auch für E-Mails. Und dass man sein System mit den entsprechenden Sicherheitsupdates und einem möglichst aktuellen Virenschutz abgedichtet haben sollte, versteht sich von selbst ...

P.P.S.: Bitte keine Spamlyrik mehr einsenden - die Ergebnisse unserer Aktion finden sie hier.



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