Gigantische DDoS-Attacke: Spam-Streit bremst das Internet

Im Internet ist der Streit zwischen einer Organisation zur Spam-Bekämpfung und einer niederländischen Firma eskaliert. Eine gigantische DDoS-Attacke auf die Spamhaus-Gruppe bremste offenbar den Verkehr im gesamten Internet.

Server: "Mit einem Maschinengewehr auf eine Menge schießen" Zur Großansicht
Corbis

Server: "Mit einem Maschinengewehr auf eine Menge schießen"

Spamhaus, eine Organisation zur Bekämpfung von Spam, hat sich offenbar den Zorn von Versendern der unerwünschten Massenreklame zugezogen. Der Zoff betraf nicht nur die Kontrahenten - sondern war zeitweise im gesamten Internet zu spüren.

Die in der Schweiz ansässige Spamhaus-Gruppe erstellt unter anderem Echtzeit-Blacklists von Spam-Versendern, um Internetanbietern das Herausfiltern der Urheber zu ermöglichen. Der Web-Auftritt der Gruppe wurde am 19. März zum Ziel des bislang größten DDoS-Massenangriffs. Mit Distributed-Denial-of-Service-Attacken (DDoS) werden Zielseiten mit massenhaften Anfragen gelähmt. Allerdings sprengte die Attacke gegen Spamhaus den bislang bekannten Rahmen und das in mehrfacher Hinsicht.

Wie Ars Technica bereits in der vergangenen Woche berichtete, wurde die Spamhaus-Site in jeder einzelnen Sekunde mit Datenmüll in Höhe von 75 GigaBit bombardiert. Um die Effizienz ihrer Attacke zu verstärken, richteten die Urheber ihre Angriffe auf das Domain Name System (DNS). Das DNS fungiert im Netz quasi wie ein Telefonbuch und übersetzt Domain-Namen in für Computer lesbare IP-Adressen, also zum Beispiel spiegel.de in 195.71.11.67. Die Angreifer machten sich den Umstand zunutze, dass Nameserver in bestimmten Fällen auf kurze Anfragen lange Antworten produzieren. Im Spamhaus-Fall hatte jede einzelne DNS-Anfrage der Angreifer, die nur 36 Bytes groß war, eine 3000-Bytes-Antwort zur Folge.

Hinter der Attacke wird ein Streit mit Cyberbunker vermutet, einem niederländischen Webhoster, der nach eigenen Angaben jede Art von Kundengeschäft akzeptiert, "mit Ausnahme von Kinderpornografie und allem, was mit Terrorismus zu tun hat", und zwar anonym. Nachdem Spamhaus Cyberbunker in seine Blacklist von Spam-Versendern aufgenommen hatte, begannen die Attacken.

Dabei schossen die Angreifer buchstäblich mit Kanonen auf Spatzen. Gegenüber der "New York Times" ("NYT") erklärte Patrick Gilmore vom Infrastruktur-Anbieter Akamai, die für die Angriffe Verantwortlichen seien schlicht verrückt. Sie glaubten, ein Recht auf Spam-Versand zu haben. Sie seien zu weit gegangen. Für Gilmore handelten sie wie jemand, der mit einem Maschinengewehr auf eine Menge schießt, nur um eine einzelne Person zu treffen. Matthew Prince, Chef des IT-Sicherheitsdienstleisters Cloudflare, zog angesichts des angerichteten Schadens sogar den Vergleich mit einer Atombombe.

Was die IT-Experten damit meinten: Von dem Angriff war bei weitem nicht nur Spamhaus betroffen. Millionen Internetnutzer machten die Erfahrung, dass Netzangebote wie Netflix deutlich langsamer arbeiteten oder vorübergehend überhaupt nicht erreichbar waren.

Cyberbunker-Betreiber Sven Olaf Kamphuis erklärte der "NYT", diese Attacke sei der größte DDoS-Angriff gewesen, den die Welt bislang in aller Öffentlichkeit gesehen habe. Spamhaus missbrauche seinen Einfluss im Netz: "Niemand hat Spamhaus dazu ermächtigt zu bestimmen, was im Internet erlaubt ist und was nicht."

Kamphuis stand als Chef des Providers CB3ROB 2010 schon einmal in Deutschland vor Gericht: Das Unternehmen, das damals hinter Cyberbunker stand, wurde vom Landgericht Hamburg wegen seiner Kontakte zum Bittorrent-Verzeichnis The Pirate Bay gemaßregelt.

meu

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insgesamt 185 Beiträge
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1. Aussperren
krulle 27.03.2013
Da hilft wohl nur das Aussperren des Providers, der sich nicht an die Netzetikette hält. Das gab es schon einmal, und ist wohl dringend überfällig. Zieht den Internetzugang für Cyberbunker, und dann mal beobachten wer deer nächste grosse "Bullet Proof ISP" werden will.
2. so gesehen...
straff&locker 27.03.2013
Na was denn nun? "Gigantische DDoS-Attacke" "Spam-Streit bremst das komplette Internet" "bremste offenbar den Verkehr im ganzen Internet" Bremste dit nun oder ja oder nein oder offenbar oder vielleicht auch nicht. Wo ist die Bremsspur?
3. Problem könnte man leicht lösen
fraumarek 27.03.2013
Man könnte das Problem leicht lösen: Jede mail kostet 3 Cents. Das würde das Geschäftsmodell der Spammer sofort zum Einsturz bringen, da sich millionenfach versandte emails nicht mehr lohnen würde. Das Internet würde auch sofrot wesentlich schneller, da nicht mehr durch Spammails verstopft. Aber nach wie vor gilt: "Geiz ist geil" und deshalb wird sich nichts ändern.
4. Die großen Carrier könnten etwas dagegen tun
ncc1701 27.03.2013
Wenn alle Peerings mit denen beendet werden und Decix und Co die Leitungen zu solchen Unternehmen kappen würden, dann wäre der Spuk (aka Geschäft) für Cyberbunker ganz schnell zu Ende. Bei McColo war das 2009 die Lösung.
5. Liebe Richter
huberwin 27.03.2013
dann nehmt euch Herrn Kamphuis doch bitte noch einmal vor!
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  • Richard Meusers schreibt als Autor für SPIEGEL ONLINE über die Digitalisierung.

Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.

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