Spammer schlagen zurück Wenn die Werber wütend werden

Spammern, den vielgehassten Werbemüllversendern, geht es weltweit immer härter an den Kragen. Manche beißen und klagen nun zurück, und einer outed vor Gericht keck seine "Partner": die Serviceprovider, die stillschweigend die Hand aufhielten.

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Vor wenigen Monaten noch nahm kaum jemand das Thema ernst: Spam, die quälende Flut von Penisverlängerungs-Werbungen, Porno-Previews und Doktortitel-Sonderverkäufen schien das Resultat persönlichen Fehlverhaltens im Web zu sein. Wer sich viel herumtrieb, der musste halt mit viel Spam leben.

Das war immer Unsinn. Um ein Postfach im Pornomüll versinken zu lassen, reicht es, die dazugehörige E-Mail-Adresse irgendwo zu veröffentlichen. In einem Forum, auf einer Website, unter einem Artikel - egal, ob es darin um Materialkunde in der Hochofentechnik oder Marienerscheinungen im Himalaya geht. Spam verteilt eine für alle, und Millionen von Männern werden Brustvergrößerungen, Millionen von Frauen Penisverlängerungen angeboten. In den letzten Monaten jedoch hat die Dreckflut weltweit solche Ausmaße angenommen, dass die Nutzanwendung E-Mail an sich bedroht scheint. Die Zahl der Prozesse gegen ertappte Spammer steigt - und auch die Zahl der Verurteilungen.

Microsoft ernennt das Blockieren der Schmutzwerbung zur Priorität, AOL setzt demonstrativ ertappte Spammer vor die Tür oder verklagt sie gar, Yahoo! wittert die Werbemöglichkeit im Kampf gegen die Werbung und ruft den "Anti-Spam-Day" aus, und weltweit sprießen die Gesetzesanträge.

Besonders raue Zeiten für Spammer scheinen in den Vereinigten Staaten angebrochen zu sein. Ein Bundesstaat nach dem anderen verabschiedet Gesetze, die es erlauben, Spammer zu langjährigen Haftstrafen zu verurteilen. Wo dies nicht gewährleistet scheint, mühen sich die Gerichte, andere Vergehen zu finden, um angeklagte Spammer symbolträchtig abzustrafen.

USA: Basteln am Bundesgesetz

"Ich bin wohl der meistgehasste Mensch in diesem Saal", analysierte Ronald Scelson die Lage ganz richtig, als er am Donnerstag in einer Senatsanhörung seinen großen Auftritt hatte: Ein garantiert Schuldiger vor einem Panel von garantiert betroffenen und voreingenommenen "Richtern".

Dem Senatsausschuss geht es um nicht mehr und nicht weniger, als über die Notwendigkeit eines Bundesgesetzes gegen Spam zu entscheiden. Dann hätten Leute wie Scelson künftig das FBI im Nacken, denn er ist bekennender Spammer: "So 120 bis 180 Millionen E-Mails", sagte Scelson seinen geschockten und teils offen angeekelten Zuhörern, versende er - "alle 12 Stunden".

Das, befand da der ehrenwerte Senator Conrad Burns, einer der Väter des Gesetzantrages, sei doch "digitaler Dreck".

Scelson hat kein Problem mit der Missachtung seines Berufsstandes: Er, der Spammer, versteht sich als spezialisierter Werber. "Es gibt Leute, die diese Waren kaufen", sagte er aus, und dass die Menschen doch "ein Recht haben müssen, ihre eigene Post zu empfangen".

Alle Seiten werden aggressiver

Spätestens an diesem Punkt platzt so manchem der Kragen, denn die Diskussion über Spam wird nicht heiß, sondern erbittert geführt. 40 Prozent Anteil im Postfach sind heute nichts mehr, Firmen stöhnen über ein Spam-Aufkommen, das in Extremfällen die 90-Prozent-Marge zu überschreiten droht. Über zehn Milliarden Dollar, hat Senator Burns ausrechnen lassen, koste es die amerikanische Wirtschaft jährlich, diesen Mist wieder loszuwerden.

Doch immerhin, gab Scelson zu Protokoll, verdienen ja auch Menschen am Spam. Als da wären:

  • die Spammer selbst als "Dienstleister"
  • die Auftraggeber durch Warenabsatz
  • die Hersteller der Waren
  • die Serviceprovider, die heimlich die Spammer abkassierten und gewähren ließen.

An solchen Punkten muss sich in aller Regel jemand hörbar räuspern - vor allem, wenn er plötzlich selbst beschuldigt wird.

Das galt in diesem Fall höchst öffentlichkeitswirksam für AOL-Vize Ted Leonsis. "AOL", führte Spammer Scelson in seiner Zeugenaussage aus, "bespammt doch seine eigenen Kunden".

"Mr Leonsis", fragte da der Ausschussvorsitzende den AOL-Mann, "sind Sie ein Spammer?".



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