S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Die Krise der Arbeit

Hinter der Krise der SPD, dieser ehemaligen Arbeiterpartei, steckt in Wahrheit viel mehr als die Krise einer Partei: eine echte Krise der Arbeit.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf der Hannover Messe
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Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf der Hannover Messe

Eine Kolumne von


Zu keinem Zeitpunkt in ihrer jüngeren Geschichte hatte die SPD einen Mangel an externen Beobachtern, die ihr erklärt haben, was sie alles völlig falsch gemacht hat. Diesem Beobachterstrom möchte ich mich anschließen, aber eine andere Erklärung für die Schwäche der Sozialdemokratie anbieten. Und zwar eine parteiexterne, die auf den ersten Blick für die Partei selbst angenehmer scheint - aber auf den zweiten viel besorgniserregender ist.

Die SPD ist schon länger keine Arbeiterpartei mehr, aber sie blieb immer eine Partei der Arbeit. Die Arbeit selbst aber ist in der umfassendsten Krise seit Erfindung des Kapitalismus. Warum sollte das nicht auch direkte Auswirkungen auf die Partei haben, die sich darüber definiert? Die Krise der Partei der Arbeit ist für mich nur ein Symptom für die viel größere Krise der Arbeit.

Arbeit ist in Deutschland eine Ersatzreligion. Das hat zweifellos Vorteile, der Wohlstand des Landes ist darauf aufgebaut. Der Nachteil an quasireligiösen Systemen ist aber, dass sie für rationale Analysen nicht besonders offen sind. Mit der digitalen Transformation, der Automatisierung und einer Vielzahl neuer Einzeltechnologien, von autonomen Roboterschwärmen bis Virtual Reality, verändert sich Arbeit gerade massiv.

In Deutschland findet die dringend notwendige gesellschaftliche Diskussion dazu aber kaum statt, obwohl sich die Bundesregierung mit Webseiten und Veranstaltungsreihen wie arbeitenviernull.de beinahe rührend bemüht. Schon die Begrifflichkeiten weisen auf ein Debattenmanko hin. Arbeiten 4.0 ist angelehnt an den von der Bundesregierung selbst geprägten Begriff Industrie 4.0. Der hat sich zwar in der deutschen Wirtschaft als Schlagwort durchgesetzt, aber das Wort "Industrie" lässt jeden Arbeitnehmer automatisch fragen "Was habe ich damit zu tun?"

Maschinen erobern die Arbeitswelt

Sehr, sehr viel. Arbeit und Technologie sind schon immer eng verbunden, und diese Verbindung hat inzwischen eine digitale Wirkmacht erreicht, die durch ein Zitat von Frank Schirrmacher deutlich wird: "Das Internet ist die Dampfmaschine des Geistes". Klar, vernetzte Maschinen erobern nicht mehr nur mechanische, sondern auch wissensbasierte Arbeitsfelder. Das hört sich etwas intellektueller an, als es in seiner Wirkung ist, es geht heute primär um kognitive Fähigkeiten des Computers, die zuvor nur der Mensch abbilden konnte. Deshalb trifft diese Entwicklung eher diejenigen, die durch ihre Arbeit zur klassischen Klientel der Sozialdemokratie gehören würden (aber nicht nur).

  • Daimler stellte im Mai 2015 in Nevada den "Inspiration Truck" vor, einen selbstfahrenden Lkw. Die ungeheure soziale Auswirkung einer solchen Technologie wird an einer Zahl deutlich: Im Jahr 2004 war in 38 von 50 US-Bundesstaaten Lkw-Fahrer der häufigste Beruf , 2014 waren es noch 29 Staaten.
  • Die in Drohnendingen umtriebige und erfolgreiche Eidgenössische Technische Hochschule Zürich ließ schon Ende 2011 Drohnen selbstständig einen Turm bauen , 2015 dann eine Hängebrücke . Das neue Stadion der Basketballmannschaft Sacramento Kings wird noch nicht auf diese Weise gebaut - aber fast, Drohnen überwachen den Fortschritt der Arbeiten. Der Artikel, in dem die Technologie beschrieben wird, ist treffenderweise überschrieben mit "Der neue Boss auf der Baustelle ist eine Drohne" .
  • Drohnen fungieren in der Landwirtschaft als fliegende Messstationen , geben in Echtzeit Auskunft über den Zustand der angebauten Pflanzen und berechnen daraus Handlungsempfehlungen.
  • Soeben hat die DHL erfolgreich ein Experiment mit Drohnen zur Paketauslieferung beendet.
  • Die "Financial Times" hat herausgefunden, dass Arbeiter ersetzende Schweißroboter nicht nur immer leistungsfähiger werden, sondern sich auch immer schneller rentieren (in der chinesischen Autoindustrie zum Beispiel im Schnitt schon nach rund anderthalb Jahren).

Flexibilisierung und Verflüssigung der Arbeitswelt

Fünf Beispiele, die nicht zufällig Lkw-Fahrer, Bauarbeiter, Bauern, Paketboten und Metallarbeiter betreffen, die frühere Kernklientel der Sozialdemokratie. In ihrem Buch "Arbeitsfrei" haben Constanze Kurz und Frank Rieger 2013 ein wiederkehrendes Muster der Technologisierung der Arbeitswelt beschrieben: Arbeit splittet sich weiter auf in hochqualifizierte Jobs und Arbeiten, die auch ungelernte Arbeiter übernehmen können. Kurz gesagt, programmieren die einen derart intelligente, vernetzte Maschinen, dass die anderen sie auch ohne Ausbildung bedienen können. Diese Entwicklung wird durch den beginnenden, digitalen Plattform-Kapitalismus beschleunigt, aber sie ist schon länger im Gang.

Das heißt auch, dass die Arbeitswelt außerhalb der hochgebildeten Sphären immer weniger Raum gibt, um auf die eigenen Fähigkeiten mit Stolz und Erfüllung zu schauen. Das, was die SPD "Gute Arbeit" nennt und was eben nicht nur mit der Bezahlung zusammenhängt, geht durch den Fortschritt automatisch weiter zurück. Und mit ihr diejenigen, die sich über ihre Arbeit definieren - ohne zu den höher gebildeten Schichten zu gehören.

Aber auch in gebildeteren sozialen Schichten manifestiert sich - auf andere Weise - eine Ablösung von der Arbeit als zentralem Faktor der persönlichen Identifikation. Wer ständig nur befristete Verträge bekommt, wäre ja auch bescheuert, sein Selbstwertgefühl allein auf seiner Erwerbsarbeit aufzubauen. Die beinahe zwingende Folge ist eine immer geringere emotionale Bindung an die Arbeit und damit zum Kern des sozialdemokratischen Gesellschaftsverständnisses.

Gleichzeitig ist eine Flexibilisierung und Verflüssigung der Arbeitswelt im Gang, die in Deutschland überskeptisch betrachtet wird. In ganz Europa wird das Home Office immer intensiver genutzt, in den Niederlanden wurde 2015 sogar ein gesetzliches Recht auf Home Office eingeführt. In Deutschland ist das Home Office auf niedrigem Niveau sogar rückläufig - als mehr oder weniger einzigem Land in der EU. Das hängt direkt mit der Ersatzreligion Arbeit zusammen und mit dem, was man Präsenzkultur nennt: Angestellte sollen gefälligst vor Ort und damit physisch kontrollierbar sein. Gottesdiensten kann man ja auch nicht von zu Hause aus beiwohnen.

Die Krise der Arbeit als Chance sehen

Ein dramatischer, völlig unterskandalisierter Aspekt der Krise der Arbeit ist die beschämende Situation von Selbstständigen, speziell Solo-Selbstständigen. Während für abhängig Beschäftigte die Rente mit 63 eingeführt wird, ist ein wachsendes Heer von Selbstständigen gar nicht in der Lage, eine menschenwürdige Alterssicherung aufzubauen. All die Kreativ- und Kulturarbeiter, auf deren interessante Projekte man so stolz ist - sie werden verlässlich in der Altersarmut landen.

Über ihre Steuern haben sie zwar ordentlich zur Rente der früher Festangestellten beigetragen, inzwischen besteht Rente zu einem Viertel aus Steuermitteln. Trotzdem werden Selbstständige im Alter doppelt bestraft werden. Nicht nur, dass sie keinerlei Rente bekommen und von der Grundsicherung werden überleben müssen - unter Garantie werden sie auch beschimpft werden, weil sie sich ach so sorglos nicht selbst um die Altersvorsorge gekümmert haben. Zur realistischen Einschätzung der Lage: Von den 2,3 Millionen Solo-Selbstständigen in Deutschland verdienen 400.000 weniger als fünf Euro die Stunde.

In den Ohren der Gesellschaft, der Parteien, der Angestelltenwelt aber hört sich "selbstständig" immer noch eher nach Arzt, Apotheker oder Anwalt an und damit nach Geld. Muss man sich nicht so drum kümmern. Nicht gerade wenige Gewerkschafter betrachten Selbstständige sogar als feindlich, weil diese sich kaum in die eigenen Machtstrukturen einfügen lassen.

Das gesamte Sozialsystem ist auf der Festanstellung samt Eckrentner aufgebaut und deshalb nur darauf zugeschnitten. In einer Zeit, in der durchschnittliche Erwerbsbiografien zersplittern, zerfasern, auseinanderdriften. Mal mit Wonne, mal aus schierer Not, oft vermischt sich beides. Und zwar nicht nur für Selbstständige, sondern quer durch eine ganze, digital geprägte Generation, die mit den merkwürdigen, weil starren Arbeitsethiken ihrer Eltern immer weniger anfangen kann. Auch deshalb, weil die Formel Ausbildung mal Fleiß gleich wirtschaftlicher Erfolg nicht mehr stimmt. Das alte gesellschaftliche Versprechen hinter der Arbeit, Erfüllung und Existenzsicherung, ist defekt. Vielleicht lässt es sich nicht mehr reparieren, sondern nur neu und anders aufbauen.

Arbeit, das war im 20. Jahrhundert ein fast monolithischer Komplex, eingrenzbar, durchregulierbar, das Fundament der Arbeitsgesellschaft, Pendlerpauschale, Tarifverträge, Ehegattensplitting. Eine digitale Postarbeitsgesellschaft zieht auf vielfältige Weise herauf. Eine Gesellschaft, die Arbeit zwar nicht abschafft, aber so stark verändert, dass sie einen Teil ihrer gesellschaftlichen Funktionen verliert. Zum Beispiel die als politischer Kitt und sozialer Anknüpfungspunkt für eine Partei, deren Kern die Arbeit selbst war und ist.

Die Krise der Arbeit kann und muss eigentlich als Chance der Arbeit gesehen werden. Aber dazu bräuchte man halt auch Parteien, die sich dieser Veränderung positiv stellen, anstatt das 20. Jahrhundert weiterführen zu wollen, weil sie sich keine andere Welt vorstellen können. Oder wollen.

tl;dr

Die Krise der SPD lässt sich auch als Folge der viel größeren Krise der Arbeit betrachten.

Anmerkung des Autors: Ich war niemals Mitglied in irgendeiner Partei, habe mich aber immer mit den üblichen Schmerzen rot-grün, bzw. linksliberaldemokratisch verortet und zeitweise bei den entsprechenden Parteien an Gesprächskreisen teilgenommen.

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insgesamt 211 Beiträge
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Seite 1
cisco_buttler 11.05.2016
1. Die SPD soll die Partei der Arbeit sein ?
Die SPD ist seit Schröder eine Sozialdemontage Partei. Deutschland hat dank der SPD den größten Niedriglohnsektor in ganz Europa.
Mister Stone 11.05.2016
2. Wohlstand es Landes?
Arbeit ist in Deutschland eine Ersatzreligion. Das hat zweifellos Vorteile, der Wohlstand des Landes ist darauf aufgebaut. Welche und wessen "zweifellosen Vorteile" meint der Autor? Die Arbeiter erwirtschaften diesen Wohlstand mit ihrer Arbeitskraft, aber sie profitieren nicht davon. Gerade weil die Arbeiter nicht an diesem Wohlstand teilhaben dürfen, entsteht das, was als "Wohlstand des Landes" bezeichnet wird. Es fällt mir schwer, dieses System als "Chance" zu begreifen. Ich frage "wessen Chance"?
aus_dem_off 11.05.2016
3. Interesante Gedankengänge
aber Arbeit ist keine Ersatzrelegion sondern eine Notwendigkeit, um über dem Existenzminimum zu leben. Und da gibt es viele, auch die Ein Mann Unternehmen, die am und knapp drüber leben....alles potentielle SPD Wähler......aber die SPD ist nicht mehr die Partei des kleinen Mannes...das ist das Problem.
McNetic 11.05.2016
4. Kausalität?
"Daimler stellte im Mai 2015 in Nevada den "Inspiration Truck" vor, einen selbstfahrenden LKW. Die ungeheure soziale Auswirkung einer solchen Technologie wird an einer Zahl deutlich: Im Jahr 2004 war in 38 von 50 US-Bundesstaaten LKW-Fahrer der häufigste Beruf , 2014 waren es noch 29 Staaten." Ursache kommt 2015, Wirkung ist 2004-2014 sichtbar.. cool, Daimler hat nicht nur einen selbstfahrenden LKW sondern auch eine Zeitmaschine erfunden, Respekt! :D
michelinmännchen 11.05.2016
5. Heimarbeit
ist eine tolle Sache dann, wenn das soziale Gefüge funktioniert. Bereits zur Jahrtausendwende gab es schwedische Untersuchungen zu dem Thema, die ein erhöhtes Maß an Depressionen und schlechterer Leistung der Heimarbeiter auswies. Daraufhin gab es Empfehlungen, maximal 3 von 5 Tagen zuhause zu arbeiten. Denn: die soziale Komponente, Kollegen, Menschen, Austausch etc. zu verlieren, ist hart für viele, die zuhause arbeiten.
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