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SPD-Wahlkampf im Web: Die Roten sind jetzt blau

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Wahlen werden heute im Internet gewonnen, das weiß man spätestens seit Barack Obama. Deshalb nennt SPD-Chef Franz Müntefering den neuen Auftritt seiner Partei im Netz auch das "Herzstück" der Strategien fürs Superwahljahr. SPIEGEL ONLINE hat den Web-Wahlkampf getestet.

Viel früher als andere erspürten die Berater des damaligen japanischen Premierministers Junichiro Koizumi bereits im Sommer 2001, wie sich ein Politiker in der Welt des 21. Jahrhunderts präsentieren sollte: Online und zur Interaktion bereit. Dass Koizumi als angeblich erster Spitzenpolitiker ein eigenes Blog führte und auch noch fast täglich zu befüttern schien sowie seiner Wählerschaft mit twitterhaften Wasserstandsmeldungen das Gefühl gab, informiert zu sein, setzte Maßstäbe.

Dass Koizumi selbst, wie sich nach wenigen Wochen herausstellte, über die Inhalte seines Blogs weit weniger gut informiert war als seine Leser, leider ebenfalls: In einem aus seiner Perspektive lustigen, für seine Berater eher peinlichen Interview gestand der ach so moderne, interaktive Staatenlenker, dass er noch nicht einmal die Lenkung einer Computermaus beherrschte. Dumm gelaufen.

Blog "Löwenherz" war ein Produkt der Partei-PR-Strategen, so wie später diverse Blogs anderer Politiker. Auch in Deutschland behandelten und behandeln die Parteien das Web meist nicht anders als andere Instrumentarien, ihre Ansichten an den Wähler zu bringen. Eine Web-Seite ist für sie so eine Art klickbares Flugblatt. Noch ist aus der Perspektive der Politik ein Auftritt in einer nächtlichen TV-Polit-Plauderrunde, die aber Millionen potentieller, an seniler Bettflucht leidender Wähler erreicht, mehr wert als eine coole Facebook-Seite. Fernsehen kennen sie, die Parteistrategen, das Internet meist noch immer nicht: Gerade die Entscheider surfen nicht, sie lassen surfen.

Doch die Dinge ändern sich. Auch in der SPD-Zentrale sitzen clevere Köpfe, die sich Gedanken darüber gemacht haben, wie sich per Web die taumelnde alte Volkspartei in den Wahlkämpfen des kommenden Jahres stützen ließe. Nach wie vor sind die Werte, die die Meinungs- und Wahlforscher in Sachen SPD erheben, ziemlich katastrophal.

In solchen Situationen tönen Polit-Strategen gern, man müsse sich neu erfinden. Im Web zeigen die Roten seit Donnerstag, 13.00 Uhr, wie das aussehen könnte: Blau.

Schichtdessert mit krassen Farbabsätzen

Fünf Minuten vor eins konnte man beim Besuch auf SPD.de noch glauben, man habe sich zur Linken verirrt: Rot war die vorherrschende Farbe. Seitdem präsentiert sich die Seite wie ein Schichtdessert mit krassen Farbabsätzen: Bis zu fünf Varianten bläulicher Färbungen in verschiedenen Intensitäten segmentieren die Seiten, die Texte stehen auf weißem Hintergrund, Navigationselemente prangen prominent am oberen Seitenrand und in Kästen zur Rechten. Wo immer möglich, gibt es Videos oder Bilder.

Ist das gut? Wie man's nimmt: Auch, wenn es einem ästhetisch nicht zusagt, ist es durchaus funktional. Fast jede Seite reduziert das Gezeigte auf das notwendige Minimum. Bleiwüsten gibt es keine. Themen werden nicht parallel präsentiert, sondern optional: Die Partei setzt darauf, dass der Besucher auch den Willen zum Stöbern mitbringt. Wer das nicht will, mag sich für die klassischer strukturierte alternative Startseite entscheiden - keiner muss also mitmachen, wenn er nicht will.

Aber das ist ja immer so im Internet. Für die SPD ist Mitmachen aber auch der Kernbegriff hinter dem neuen Web-Auftritt. In der Pressemitteilung zum Stapellauf klingt das so: "Mit dem neuen Seitendesign entwickelt sich spd.de zum Vorreiter nutzerfreundlicher Politikangebote im Internet. Die SPD integriert hier die bestehenden Kommunikationskanäle und Anwendungen des Web 2.0 und legt gleichzeitig den Grundstein für die dynamische Erweiterung der Startseite um neue Formate im 'Social Web'."

Ab jetzt wird konsequent gesiezt

Zu Deutsch: Die neue Seite verpackt und ordnet die bisherigen Angebote neu und ist so gestaltet, dass man sie im Laufe der Zeit um weitere Funktionen erweitern kann.

Das stimmt. Mehr aber auch nicht.

Denn tatsächlich verfügt die Seite inhaltlich über nichts, was nicht vorher auch schon da war. Der Ton ist allerdings anders: Dass mehr redaktionelle Sorgfalt in der Seite steckt, zeigt sich schon darin, dass nun konsequent gesiezt wird: Vorher gab es mal ein Du, mal ein Sie, je nachdem, wo man gerade war. Ein Hinweis auf die erhoffte größere Breitenreichweite: Untereinander duzen sich die Genossen schließlich.

Wirklich interaktiv wird es erst im "Social Network" meineSPD, in dem die Partei die Willigen bündelt. Dort findet man dann auch Möglichkeiten zur Interaktion, die über das als "Service" bezeichnete Angebot hinausgehen, auf eigene Kosten Flugblätter auszudrucken. Hier kann man Profile anlegen, Bloggen, sich austauschen - allerdings nur als registriertes Mitglied. Vollen Zugang zu allen Features erhält zudem nur derjenige, der sich als Parteimitglied ausweisen kann.

Kann es das also sein? Ist das deutscher Web-Wahlkampf 2009?

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