Speedrun Spiel auf Zeit

Die meisten Leute sind froh, wenn sie ein Videospiel durchgespielt haben. Für andere ist es der erste Schritt auf einem langen Leidensweg. Sie spielen Videospiele so lange, bis Perfektion und Geschwindigkeit zu einem Kunstwerk verschmelzen: einem Speedrun.

Von Moses Grohé


Action im Ultra-Schnelldurchlauf: Bei "Speedruns" geht es auch gegen die Uhr

Action im Ultra-Schnelldurchlauf: Bei "Speedruns" geht es auch gegen die Uhr

Besmir Sheqi hat nicht mehr viel Zeit. Bevor er im Herbst seine Ausbildung beginnt, will er das Gamecube-Spiel "Metroid Prime" auf der Schwierigkeitsstufe "Hard" komplett durchspielen und dabei alle Items einsammeln. Am Stück. In weniger als einer Stunde und 40 Minuten.

Speedrun nennt man das Durchspielen eines Videogames in möglichst kurzer Zeit. Sheqis Spezialdisziplin in "Metroid Prime" heißt "Single Segment, 100 Percent, Hard Mode". Und das bedeutet für den 20-Jährigen aus Furth bei München viel Arbeit, wie er selbst sagt.

Arbeit am Gamecube, mit einem Controller als Werkzeug. Dazu noch zwei Videorekorder zum korrekten Mitschneiden der Runs und ein DVD-Player zum Analysieren der Runs anderer Spieler.

Glossar: "Single Segment" Das Spiel wird komplett in einem Stück durchgespielt. Speichern oder pausieren ist nicht zulässig. Der Videorekorder läuft die ganze Zeit mit und dokumentiert das Geschehen.

Die lädt und brennt Sheqi beim Opa. Viel mehr steht nicht drin in seinem kleinen Jugendzimmer. Abgesehen von einem beeindruckend großen Fernseher natürlich, der den kompletten Schreibtisch in Beschlag nimmt. Ein geliehenes N64 mit "Zelda: Ocarina Of Time", Bett, Schränke, sonst nichts. Und tatsächlich nur dieses eine Spiel: "Metroid Prime". Dieser junge Mann weiß, was er will: einen perfekten Speedrun.

Speedrun des Spiels Quake, Spieler: Connor Fitzgerald

Speedrun des Spiels Quake, Spieler: Connor Fitzgerald

Die ersten Speedruns überhaupt gab es auf der vom englischen "Doom"-Spieler Simon Widlake gegründeten Website Compet-N zu sehen. Dort werden seit mehr als zehn Jahren die schnellsten Demos, Aufnahmen und Mitschnitte einzelner Level von "Doom" und "Doom 2" gesammelt.

Die erste am 18. November 1994 veröffentlichte Demo kam vom Deutschen Sven Huth, der Level 27 von "Doom 2" in 15:14 Minuten mit 100 Prozent Kills und Secrets auf "Ultraviolence" durchgespielt hatte. Heute liegt der Rekord dafür bei 4:11 Minuten. Sheqi war damals erst neun und hatte noch kein Interesse an Computerspielen.

Dabei geht es beim Egoshooter "Doom" gar nicht um Geschwindigkeit, sondern darum, überhaupt durch das Spiel zu kommen oder im Multiplayer möglichst viele Mitspieler zu treffen. Trotzdem war es prädestiniert dafür, den Beginn der Speedrun-Kultur zu markieren. Ein Grund ist der Statusbildschirm am Ende jedes Levels. Der zeigt an, wie viele Kills absolviert und wie viele Items gefunden wurden - und welche Zeit dafür benötigt wurde. Erst diese Anzeige machte die Daten vergleichbar. Noch wichtiger war allerdings das eingebaute Feature, die Spiele als Demos mitzuschneiden und diese so auf anderen Rechnern abspielen zu können. Nur dadurch wurde das Erreichte auch belegbar.

"Glossar: Multi Segment" Der Runner absolviert die Level des Spiels einzeln. Die Gesamtzeit gegenüber der Single Segment Runs ist deutlich geringer, da die Spieler mehr Risiken eingehen können.

Und Beweise sind wichtig. Noch immer erinnert sich der Amerikaner Nolan Pflug, der heute das "Speed Demos Archive" betreibt, daran, wie sehr er sich ärgerte, als das Bild seiner 0:56er-Zeit für "Super Metroid" vom "Nintendo Power"-Magazin, das einen Wettbewerb um die schnellste Zeit ausgerufen hatte, aus irgendwelchen Gründen nicht akzeptiert wurde.

Auf die Idee, das Spiel auf Zeit zu spielen, war er nicht erst durch den Contest gekommen, sondern weil am Ende des Spiels ein Timer eingeblendet wurde. "Außerdem bekam das beste Ende - Samus Aran im Bikini - nur zu sehen, wer das Spiel in unter drei Stunden schaffte. Das war ein Anreiz, keine Frage", erinnert er sich. Auch das war 1994.

Speedrun von "Metal Gear Solid 2 - Tanker Episode", Spieler: Adnan Kauser

Speedrun von "Metal Gear Solid 2 - Tanker Episode", Spieler: Adnan Kauser

Drei Jahre später, 1997, machte Pflug zusammen mit Matthias Belz und Yonatan Donner mit dem Film "Quake Done Quick" Furore. In nur 19:49 Minuten sieht man sie dort durch das komplette Spiel jagen, ein Zusammenschnitt der in Bestzeit absolvierten einzelnen Level. Später verbesserten sie ihre eigene Zeit für "Quake Done Quicker" auf 16:35.

Nebenbei legten sie noch den Grundstein für die Machinima-Bewegung, indem sie die Möglichkeit nutzten, Kamerawinkel und -fahrten in den Demos nachträglich zu ändern, und ihre fertigen Filme mit launischen Tonspuren unterlegten. Wie viele Stunden Pflug dafür insgesamt Quake gespielt hat, kann er heute nur schätzen: "500 Stunden sind sicher noch zu wenig."

"Glossar: 100%" In dieser Unterkategorie geht es nicht nur allein um die schnellste Zeit, sondern zusätzlich auch darum, alle Items im Spiel einzusammeln. Durch die dadurch notwendigen Umwege liegen die Zeiten über denen von so genannten any%-Runs.

Um "Quake Done Quick" entwickelte sich schnell eine richtige Community. Zu dem 2000 erschienenen "Quake Done Quick With A Vengeance" steuerten Spieler aus der ganzen Welt Verbesserungsvorschläge, Tricks und Runs einzelner Level bei, aus denen der Film zusammengeschnitten wurde. Die Zeit am Ende: 12:23 Minuten. "Wir wollten das Spiel so perfekt durchspielen, dass der Zuschauer den Mund nicht mehr zubekommt", erklärt Ingmar Pörner aus Leipzig die Motivation. Er hat ebenfalls an dem Film mitgewirkt hat und mag nicht mal schätzen, wie oft er "Quake" gespielt hat: "Sagen wir einfach: zu oft."

Sheqi war inzwischen 15 und spielte täglich Fußball, aber immer noch keine Videospiele. Und trotzdem war es Nolan Pflug, der ihn dazu brachte, sich dem Spiel "Metroid Prime" so leidenschaftlich und intensiv hinzugeben, dass er praktisch jeden, mindestens aber vier bis fünf Tage in der Woche, bis zu zehn Stunden an der Konsole sitzt und jeden Winkel des Spiels auswendig kennt.

"Das ist ganz normal", erinnert sich Ingmar Pörner an seine eigene aktive Zeit als Speedrunner: "Diese Typen kennen jeden Aspekt jeder einzelnen Map, jeden Trigger, jedes Monster, jedes Item und wissen alles über die Physik des Games."

Wie schlafwandlerisch die Runner durch die Level hetzen, lässt sich besonders schön bei Speedruns des N64-Spiels "Goldeneye 007" beobachten. Die besten Spieler gucken weite Teile ihrer Runs auf den Boden. Das sieht nicht nur schweinecool aus, sondern spart Zeit. Bis zu einer Sekunde pro 75 Sekunden, weil der Timer des Spiels nicht mit der Framerate synchronisiert ist. Klar, wenn der Grafikchip weniger berechnen muss, kann er den Charakter fixer durch die Level schicken - die Uhr läuft aber immer gleichschnell ab.



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