Speicherplatz-Studie Digitaler Daten-Urknall

Einer IDC-Studie zufolge wird die Menschheit bis 2010 ganze 988 Milliarden Gigabyte digitale Informationen zusammentragen. Das ist eine Versechsfachung der heute weltweit digital gespeicherten Datenmenge. Hauptverursacher: der Schnappschuss mit Digicam und Handy.


Schon das für 2006 von IDC berechnete Datenvolumen sprengt jegliche Vorstellungskraft. Insgesamt 161 Exabyte, entsprechend 161 Milliarden Gigabyte, hatte die digitale Weltbevölkerung bis Ende letzten Jahres zusammengetragen. Dass, so der Auftraggeber der Studie, die auf Informations-Infrastrukturen spezialisierte EMC Corporation, entspricht in etwa dem dreieinhalbmillionenfachen der Informationsmenge, die in sämtlichen jemals geschriebenen Büchern zusammengefasst wurde.

Allein E-Mails trugen mit sechs Milliarden Gigabyte zu dieser Zahl bei. Tendenz: rasant zunehmend. Ein großes Wachstum sehen die Forscher auch für Instant-Messaging, also Chats, voraus. Zu den heute schon 1,6 Milliarden E-Mail-Postfächern (1998 waren es noch 253 Millionen) werden sich demnach bis 2010 noch 250 Millionen Messaging-Accounts gesellen.

Keine Grenze in Sicht

Befürchtungen, das weltweite Datennetz könnte unter dieser gewaltigen Belastung zusammenbrechen, will Chuck Hollis, Vice President of Technology Alliances der EMC Corporation, nicht gelten lassen. Er glaubt vielmehr, dass digitale Endgeräte wie Handys, iPods und Videorekorder über ausreichend Platz verfügen werden, um die gewünschten Daten lokal zu speichern. Mehrfaches herunterladen derselben Inhalte würde dadurch überflüssig.

"Außerdem werden wir immer besser darin, Informationen zu komprimieren und die Netzwerke auf diese Weise effizienter zu nutzen," sagte Hollis gegenüber SPIEGEL ONLINE. Zudem würden die Netzbetreiber schon jetzt in schnellere Netzwerke, die künftigen Anforderungen gewachsen sein werden, investieren. Ein Ende dieser Entwicklung sieht Hollis derzeit nicht: "Ich bin mir sicher, dass es irgendwo eine Grenze gibt, aber es ist schwer abzusehen, wo die liegen könnte."

Hollis vergleicht die aktuelle Entwicklung digitaler Daten mit der Urknall-Theorie. "In relativ kurzer Zeit haben wir eine dramatische Expansion der zur Verfügung stehenden Informationen erlebt - und die nimmt weiterhin exponentiell zu, nicht linear," sagt Hollis.

Flash-Medien kommen - aber langsam

Auf die Frage, ob man die wachsenden Speicherberge denn auch künftig auf Festplatten ablegen wird, hat Hollis keine eindeutige Antwort. Vielmehr glaubt er, dass man künftig eine Vielzahl unterschiedlicher Speichermedien verwenden wird. Vor allem für Flash-basierte Medien, wie etwa USB-Sticks, sieht er großen Bedarf, da sie handlich und schnell sind, aber wenig Strom benötigen. Eben deshalb sind sie bereits jetzt vielfach in Mobiltelefonen und MP3-Playern zu finden.

Bevor Flash-Medien in Heim-PCs als Ersatz für rotierende Festplatten eingesetzt werden können, müssten allerdings die Preise noch drastisch nachgeben, so Hollis.

Nur begrenzt haltbar

Drängender als die Frage, auf welchem Medientyp wir unsere Dateien künftig ablegen werden, ist für ihn allerdings die Problematik der Langzeit-Haltbarkeit digitaler Daten. "Vor zwanzig Jahren haben wir 5 1/4-Zoll-Floppys und Programme benutzt, die es heute nicht mehr gibt. Um jetzt an derart gespeicherte Daten heranzukommen, müsste man erheblichen Aufwand betreiben," sagt Hollis. Er sieht die Industrie in der Pflicht, sich dieses Problems anzunehmen: "Bisher gibt es noch keine guten Lösungen für dieses Problem." Bis es eine solche gibt, "müssen die Kuratoren digitaler Informationen ihre Daten regelmäßig von alten Medien auf neue und aus alten Formaten in neue überführen. Das kostet viel Zeit," beschreibt der Manager den Ist-Zustand.

Allerdings sieht er mit der zunehmenden Datenflut auch Probleme auf uns zukommen, uns in aktuellen Daten zurechtzufinden. Schließlich wolle kaum jemand Stunden über Stunden damit zubringen, beispielsweise Digitalfotos zu kategorisieren. Hollis glaubt daher, dass digitale Inhalte künftig automatisch mit Schlagworten, den sogenannten "Tags" - versehen werden müssen. Nur so könne man in der wachsenden Vielfalt digitaler Inhalte den Überblick behalten und das Gesuchte finden.

Privatsphäre in Gefahr

Dabei sind Privatleute ebenso gefragt wie Unternehmen. Denn während 2010 mehr als zwei Drittel der Datenflüsse aus privaten Quellen gespeist werden, durchfließen sie bei ihrem Weg durchs Web zumeist die Infrastrukturen öffentlicher oder kommerzieller Organisationen. Damit steigen auch die Anforderungen an Sicherheit und Zuverlässigkeit. Hier sieht Hollis freilich noch große Probleme. "Wir brauchen ein Regelwerk, das festlegt, welche Art der Informationsverarbeitung zulässig ist und welche nicht," sagt Hollis. Erschwerend komme hinzu, dass hier jede Regierung ihr eigenes Süppchen koche, obwohl "das Internet keine Grenzen kennt". Solange die missbräuchliche Nutzung von Daten nicht durch schwere Strafen geahndet wird, so fürchtet Hollis, "wird niemand von uns viel Privatsphäre und Sicherheit" im Internet finden.



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