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Spektakuläre Aktion: Das größte Blog der Geschichte

Die British Library startet ein Mega-Projekt: Alle Briten sind aufgerufen, den morgigen Dienstag in einem Blog zu dokumentieren. Die Aktion soll künftigen Generationen einen Einblick in unseren Alltag bieten - "je profaner, desto besser".

Historiker schauten dem Volk schon immer gern aufs Maul. Die neuen Möglichkeiten des Internets ermöglichen aber neue Größenordungen. Einst zogen Kohorten sozialforschender Studenten durch die Lande, nun sollen die Massen selbst tätig werden: Hundertausende Briten in aller Welt werden in den kommenden Tagen ihr ganz persönliches Protokoll eines ganz normalen Tages im Web verewigen, hoffen die British Library und der National Trust. Damit die so zahlreichen Erlebnisberichte die Zeiten auch wirklich überdauern, sollen sie bei der British Library in einer "Zeitkapsel" archiviert werden.

Ambitioniertes britisches Internet-Projekt: "Schnappschuss des Alltagslebens"

Ambitioniertes britisches Internet-Projekt: "Schnappschuss des Alltagslebens"

"Ein Tag in der Geschichte" nennt sich das ambitionierte Projekt, es soll einen "Schnappschuss des Alltags im beginnenden 21. Jahrhundert" liefern, sagt Fiona Reynolds, Chefin des National Trust, der britischen Gesellschaft zum Schutz des historischen Erbes.

100 bis 1000 Worte sollen die Nutzer jeweils beisteuern, und neben den Surfern im Web sind natürlich auch geladene Gäste dabei: zahlreiche britische Prominente und zum Beispiel die Schüler und Lehrer an 29.000 Schulen, inklusive Lehranstalten im Ausland wie die Dubai British School.

Dabei hoffen die Organisatoren wirklich auf Schilderungen des Alltags - "je profaner, desto besser", sagte der Historiker Dan Snow der BBC. "Die Details darüber, was so viele Menschen wie möglich an einem ganz normalen, langweiligen Tag so getrieben haben, sind doch aufregend!" Natürlich nicht jetzt, sondern irgendwann einmal. "Es wäre möglich, dass künftige Historiker von den Socken sein werden, dass wir am 17. Oktober 2006 immer noch Fleisch aßen und in privaten Autos durch die Gegend fuhren", sagt David Cannadine vom Institute for Historical Research. "Wir sollten so viele banale Dinge wie möglich einschließen."

Neben der Schilderung des Alltags selbst regen die Organisatoren auch die Beschäftigung mit Geschichte im weitesten Sinne an - in all ihren Ausprägungen und mit Folgen für das ganz persönliche Leben. Fiona Reynolds fallen einige Beispiele ein: "Sei es, dass man sich durch eine historisch interessante Gegend bewegt, miteinander über die Familiengeschichte spricht, sich Wiederholungen im Fernsehen ansieht oder darüber schreibt, wie es ist, Mamis ewige Achtziger-Jahre-Hits anzuhören."

Teilnehmen kann prinzipiell jeder, obwohl die Aktion eigentlich auf britische Staatsbürger und Bürger des Commonwealth zielt. Das Verfahren ist unkompliziert: Die Blogbeiträge trägt man in eine Maske auf einer eigenen Website ein, registriert sich kurz mit Kernangaben zur Person - los geht's. Der geschilderte Tag sollte der 17. Oktober sein, der ausgesucht wurde, weil er "ein ganz gewöhnlicher Tag ohne besondere nationale Signifikanz" sei. Bisher. Wenn alles gut geht, wird sich das bis Ende des Monats ändern, denn so lange läuft die Aktion.

Dann werden Hunderttausende Briten die Frage, was sie denn am 17. Oktober 2006 so gemacht haben, sehr knapp beantworten können: "Lies es doch nach."

pat

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