Spektakulärer Deal BBC sendet via YouTube

Es ist ein Megadeal der Internet-TV-Branche. Überraschend haben Google, YouTube und die BBC heute eine weit gefasste Kooperation bekannt gegeben. Ausgewählte BBC-Programme sind ab sofort über YouTube erhältlich.

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Gegen 12.45 Uhr vermehrte sich binnen weniger Minuten schlagartig das Angebot an professionell produzierten Inhalten bei YouTube. Bereits seit dem Morgen hatte man dort zwei neue Partnerkanäle quasi in Wartestellung gesehen: BBC und BBC Worldwide. Mit Beginn einer internationalen Pressekonferenz ließen die Unternehmen dann die Katze aus dem Sack. Ab sofort kommen Fans von BBC-Comedys, Natur-Dokus oder Informationssendungen auch bei YouTube auf ihre Kosten.

YouTube-typisch beschränkt sich das Angebot auf vielfältige, aber kurze Formate. Nicht die vollständige Comedy-Sendung ist also abrufbar, sondern der Clip oder Sketch aus der Sendung: YouTube bleibt damit dem Häppchen treu, und die BBC ihren eigenen Plänen. Viele der teils exklusiven Inhalte sind durchaus dazu gedacht, werblich für die eigenen Angebote zu wirken, wie David Moody von der BBC erklärt: Es gehe nicht zuletzt darum, den Internet-Unternehmungen der BBC neue Nutzergruppen zuzuführen.

Kernstück dieser Pläne ist der sogenannte iPlayer der BBC, über den das öffentlich-rechtliche Sendenetz Video-on-demand-Dienste in einem P2P-ähnlichen Verfahren plant. "Dabei bleibt es auch", so Moody gegenüber SPIEGEL ONLINE, "vorbehaltlich der Zustimmung der Aufsichtsgremien."

Denn ähnlich wie ARD und ZDF in Deutschland steht auch die BBC in Großbritannien scharf in der Kritik, mit ihren Online-Unternehmungen die Geschäfte privater Konkurrenten zu beeinträchtigen. Der angeblich äußerst erfolgreiche Betatest des iPlayer zog vor wenigen Wochen den Widerspruch der britischen Rundfunkaufsicht Ofcom auf sich. Die BBC besserte nach und plant nun die Aufnahme von Programmausstrahlungen und VoD-Diensten im Laufe des Jahres. Für Ashley Highfield, den New-Media-Chef der BBC, ist klar, dass die Konsumenten nicht länger ein gesetztes Programm, sondern ein Abruf-Angebot wünschen, dass sie in einem gegebenen Zeitfenster nutzen können.

Vorstufe zum weltweiten BBC-on-demand

Auch für solche Dienste soll nun das BBC-Angebot bei YouTube werben, denn über kurz oder lang will die BBC ihre vollen Inhalte in hoher iPlayer-Qualität auch international anbieten - möglicherweise werbefinanziert oder gegen Bezahlung.

Wie es beim YouTube-BBC-Deal ums Geld bestellt ist, bleibt dagegen unklar. Ob und wer da was an wen zahlt, das wollen die frisch gebackenen Partner nicht verraten. Das riecht nach einem Eine-Hand-wäscht-die-andere und Splitting der Erlöse, zumal gerade die BBC betont, dass der Deal "nicht exklusiv" sei. Zumindest das BBC-Worldwide-Programm wird "in begrenztem Umfang" Werbung enthalten, sagt Moody.

Für die alte Tante, die sich wie kein anderer Sender in Europa gerade durch ihre Online-Engagements enorm verjüngte, ist YouTube vor allem eine Werbeplattform. Es gehe darum, auf neuen Wegen das Publikum zu erreichen und die geplanten kommerziellen Services von BBC Worldwide auch wirklich weltweit bekannt zu machen.

Für YouTube/Google hingegen hat der Deal schon fast etwas Erlösendes. Man kann nicht sagen, dass YouTube seit der Fusion mit Google sonderlich glücklich war im Umgang mit Medienpartnern. Wenn die weltgrößte Videoseite in den letzten Monaten Schlagzeilen machte, in denen auch der Name eines großen Filmstudios oder Fernsehsenders vorkam, dann meistens, weil ihm Klagen drohten: Zunehmend aggressiv reagieren die großen Player der TV- und Filmwelt auf die Verletzung ihrer Copyrights bei YouTube. So lauteten die Standard-Schlagzeilen in letzter Zeit entweder "YouTube muss Videos entfernen" oder aber "YouTube muss Filter installieren".

YouTube im Wandel?

Denn spätestens seit mit Google ein finanzkräftiges Unternehmen hinter YouTube steht, pochen die Rechteinhaber auf ihr Recht. Da stellt sich die Frage, wie man das Angebot über die Beiträge der vergleichsweise wenigen Kreativen oder die zahlreichen Videobeichten und -tagebücher hinaus attraktiv gestaltet. Denn heute ist YouTube eine Macht, ein informeller Sender mit einer potentiellen Reichweite, von der TV-Netzwerke nur träumen können.

Die Antwort darauf scheint klar: Durch die Lizenzierung attraktiver Inhalte. Mit den großen Playern ist YouTube in dem Feld zuletzt nicht viel gelungen. Lobend berichtete die "New York Times" dagegen am Donnerstag darüber, wie gezielt Google/YouTube gerade kleine aber kreative Deals zimmert. So soll in Kürze ein mit der amerikanischen NBA vereinbarter Basketball-Channel online gehen, der Fußballclub Chelsea will Fan-Fernsehen verbreiten, das Sundance-Festival zeigt, dass es nicht nur Hollywood gibt. Rund 200 neue Partner, sagt YouTube, kämen derzeit im Quartal dazu, schon jetzt seien es über 1000.

Das ist deshalb dringend nötig, weil YouTube auf der Grundidee "Broadcast yourself" fußt. Das verstehen viele seiner Nutzer als Aufforderung, selbst etwas zu produzieren und zu veröffentlichen; nicht minder viele aber als "Sende es doch selbst" - und zwar egal, wo es herkommt: Da wird eifrig mitgeschnitten, aufgenommen, gerippt, kopiert und veröffentlicht. Weder Musikvideos, Konzerte mit Aufnahmeverbot noch TV-Mitschnitte oder originale oder verfälschte Ausschnitte aus Filmen sind somit sicher.

Um so wichtiger sind im nun ständig nach Rechteverletzungen durchpflügten YouTube-Angebot die offiziellen Partnerschaften mit Produzenten medialer Inhalte - und das Dickschiff BBC kommt da nur recht. Den Charakter der Seite, meint Chris Maxcy, Koordinator der Medienpartnerschaften bei YouTube, werde das nicht verändern. Es gebe viele Wege, auf denen Nutzer sich innerhalb von YouTube bewegen, und es werde auch gelingen, den BBC-Kanälen ein Publikum zuzuführen.

Für die muss sich die Sache schließlich auch lohnen. Mit monatlich angeblich rund 2,5 Milliarden Seitenaufrufen gehört die BBC zu den größten Online-Playern der Welt. So ein Partner kommt kaum als Bittsteller an Bord.

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