Spektakulärer Prozess: 50 Jahre Haft für den PC-Kidnapper?

Jeanson A. ist 20 Jahre alt und hat womöglich seine besten Jahre hinter sich: Geht es nach dem Staatsanwalt, verschwindet er die nächsten 50 Jahre im Gefängnis. Sein Verbrechen: Er kaperte 400.000 Rechner und machte daraus ein "Botnet" zur Spam-Verteilung.

Virenschreiben, Cracking, Webseiten-Defacings und Attacken auf große Webseiten galten unter informierten Tech-Kids einmal als "Sport": Sie sammelten Screenshots und Protokolle ihrer Taten und konkurrierten um Spitzenpositionen auf regelrechten Top-10-Listen. Mitunter fochten sie Gang-Gefechte im "Cyberspace" aus, bei der die Zahl der aus dem Web gefegten Webseiten oder mit Viren infizierten Computer darüber entschied, wer gewonnen hatte.

Bis vor zwei, drei Jahren war zumeist, wenn über "Cybercrime" gesprochen wurde, eigentlich dieser infantile Web-Vandalismus gemeint. Das hat sich gehörig geändert.

Denn mit Trojanern und Viren und mit deren Hilfe verteiltem Werbemüll ("Spam"), mit gezielter Sabotage und Schutzgelderpressungen lässt sich richtig Kasse machen. Der Großteil der wirklich effektiven Schadprogramme, die heute in Umlauf kommen, wurden von ihren Machern mit kriminellen Intentionen auf den Weg geschickt.

Jeanson A. aus Kalifornien ist in dieser Hinsicht ein Paradebeispiel - und die US-Justiz schickt sich an, die Verhandlung über seine Computer-Vergehen zu einem Musterprozess zu machen.

"Botnet": ferngesteuerte Zombie-Rechner

Der 20-Jährige soll 400.000 Rechner mit einem Schadprogramm infiziert und zu einem sogenannten Botnet verbunden haben, das er in der Folge für diverse "Dienstleistungen" anbot. So konnte man Jeanson A.'s Botnet mieten, um darüber Spam-Mails zu verteilen oder gezielt Webseiten durch massenhafte Seitenaufrufe "abzuschießen" ("Denial of Service Attack"). Seine Dienstleistungen bot Jeanson A. unter anderem in einem IRC-Channel (Chat) an. Auch Schutzgelderpressungen, bei denen er seinen Opfern anbot, gegen Zahlung von Spam- oder DoS-Attacken abzusehen, soll Jeanson A. versucht haben. Am Donnerstag klickten in Los Angeles die Handschellen.

Jetzt soll er möglichst schnell vor Gericht kommen, und im Falle eines Schuldspruches in allen Anklagepunkten drohen ihm bis zu 50 Jahre Haft. Das Interesse der Staatsanwaltschaft, mit diesem Prozess ein abschreckendes Zeichen zu setzen, ist groß: Jeanson A. war dumm genug, sich als ein Ziel seiner Cyber-Attacken die Server des US-Marine-Zentrums Naval Air Warfare in China Lake im Bundesstaat Kalifornien auszusuchen. Solche Cracker-Attacken aber gelten in vielen US-Bundesstaaten als terroristischer Akt.

Jeanson A.'s Motive waren dabei anscheinend rein monetär: Rund 50.000 Euro soll er in den letzten Monaten mit der Vermietung seines "Botnetzes" eingenommen, sich zudem einen BMW und eine kraftvolle Computeranlage finanziert haben. Die Staatsanwaltschaft hat auch die Konfiszierung dieser Güter beantragt.

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