Spendengenerator Kaioo: Flirten für den guten Zweck

Von Thomas Schulz

Kaioo ist mehr nur als Konkurrenz für MySpace und Co.: Auf der neuen Netzwerk-Plattform bestimmen die Mitglieder, an welches wohltätige Projekt die Werbeeinnahmen fließen - die von deutschen Top-Managern gegründete Website ist gemeinnützig.

Die großen sozialen Netzwerke im Internet wie MySpace, Facebook und StudiVZ bekommen Konkurrenz von einer neuen, weltweit in vorerst sechs Sprachen startenden Community-Plattform. Der Clou des an diesem Wochenende zunächst in deutsch und englisch online gehenden Projekts namens Kaioo: Die Plattform ist gemeinnützig, alle durch Werbeeinnahmen erwirtschafteten Gewinne werden an soziale Organisationen gespendet, die von den Usern einmal im Jahr ausgewählt werden.

Kaioo: Flirten wie überall, aber mit gemeinnützigen Nebenwirkungen
Kaioo

Kaioo: Flirten wie überall, aber mit gemeinnützigen Nebenwirkungen

Idee und Umsetzung stammen vom ehemaligen Leiter Business Development von Bertelsmann, Thomas Kreye, der Anfang des Jahres beim Gütersloher Medienkonzern für seinen "Traum von einer wirklich sozialen, demokratischen und völlig unabhängigen Gemeinschaft im Internet" gekündigt hatte.

Die Anlauffinanzierung und operative Kosten des Projekts in Höhe von rund einer halben Million Euro werden für mindestens ein Jahr komplett vom Vorstandschef des Musikriesen Sony BMG, Rolf Schmidt-Holtz übernommen, der sich jedoch rein privat für das Projekt engagiert. Schmidt-Holtz betont, dass es keinerlei Verbindung zu dem von ihm geleiteten Plattenriesen gibt. Kreye und Schmidt-Holtz, der sich auch schon für andere soziale Projekte engagierte, kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit bei Bertelsmann.

Kaioo ist als gemeinnützig anerkannt

Auch künftig soll der laufende Betrieb von Kaioo durch wohlhabende Spender gesichert werden, damit die Einnahmen ohne den Abzug von Kosten gespendet werden können. Kreye etwa bezieht nur ein Bruchteil seines einstigen Bertelsmann-Gehaltes. "Es soll nicht, wie bei manchen anderen Organisationen, großer Verwaltungs- und Spesenaufwand einen Teil der Einnahmen auffressen", betont Schmidt-Holtz, der bereits "sehr positive" Gespräche mit weiteren potenziellen Förderern geführt hat.

Kaioo ist vom Finanzamt als gemeinnützige Stiftungsgesellschaft anerkannt. Allerdings ist den Kaioo-Machern bewusst, dass man sich nicht gegen die bereits existierenden sozialen Netzwerke durchsetzen könne, nur weil man Gutes anstrebe. "Wir wollen eine Plattform für alle, nicht nur für spendenwillige Gutmenschen", betont Schmidt-Holtz.

Gespendet werde quasi nebenbei, indem Nutzer Zeit auf der Plattform verbringen und dadurch Werbeeinnahmen generiert werden. Um aber dauerhaft genügend Nutzer anzuziehen, müsse Kaioo schlicht besser und einfacher zu bedienen sein, als die existierenden sozialen Netzwerke. "Wir werden sicherlich 30 Prozent mehr Funktionalitäten als etwa StudiVZ bieten", betont Kreye. Zunächst ging am Freitagabend nur eine Beta-Version mit 80 Prozent der Funktionen online, spätestens zum Jahresende sollen auch die erweiterten Features wie Video-Links und Fotos für Gruppen und Subnetzwerke funktionieren.

"Affäre starten" oder "kennen lernen"?

So gibt es zusätzlich zu den bekannten Features sozialer Netzwerke zusätzliche Funktionen wie eine Unterteilung in immer tiefer gehende Subnetzwerke von Regionen über Landkreise bis hin zu Unis oder Arbeitgeber. Beim Netzwerk Orkud hat man sich das Dating-Feature Matching-Liste abgeschaut, das die Plattform in Brasilien zur meistgenutzten des Landes machte: Wer sich für einen anderen Nutzer interessiert, kann für dessen Profil per Klick Interesse anmelden, etwa für "Affäre starten" oder auch nur "Kennen lernen". Allerdings bleibt das Interesse solange verborgen, bis der andere Nutzer genau das gleiche Interesse anmeldet: Dann werden beide "gematcht" und informiert.

Seit Anfang des Jahres bereits hatte Kreye mit seinem insgesamt dreiköpfigen Team am Aufbau der Plattform gearbeitet: "Es sollte genau so werden, wie wir uns das ideale benutzerfreundliche Netzwerk vorstellen", sagt der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Kreye. Deswegen sei es auch nie in Frage gekommen, die Detailarbeit einer Medienagentur zu übergeben. Nur der technische Teil wurde ausgegliedert, an die Agentur Freiheit.com, die dem Open-Source-Gedanken nahesteht und das Basissystem kostenlos entwickelte.

"Im Idealfall jährlich zig Millionen an Spenden"

Ab rund 200.000 regelmäßigen Nutzern weltweit könne die Plattform allein durch Werbung genügend verdienen, um profitabel zu sein. Zum Vergleich: Allein Facebook hat bereits 50 Millionen Nutzer. "Im Idealfall schaffen wir eine Maschine, die jedes Jahr zig Millionen an Spenden garantiert."

Der weltweite Werbemarkt für soziale Netzwerke liegt dieses Jahr bei rund eine Milliarden Dollar. "Wir wollen aber dafür sorgen, dass die von den Nutzern generierten Einnahmen nicht in den Taschen großer Konzerne verschwinden", sagt Kreye. MySpace gehört dem konservativen Medienzar Rupert Murdoch, Facebook ist gerade eine Allianz mit Microsoft eingegangen, StudiVZ gehört dem Holtzbrinck-Verlag.

Kreye und sein Förderer Schmidt-Holtz setzen darauf, dass ihr nicht-kommerzielles Projekt in der Netzkultur gut ankommt und Kaioo schnell eine kritische Masse erreicht. Im Internet haben sich immer wieder nicht-kommerzielle Angebote auch gegen schon längst etablierte Konzern-Produkte durchgesetzt, etwa der Internet-Browser Firefox, der in Deutschland trotz der Macht von Microsoft bereits einen Marktanteil von mindestens 25 Prozent hat. Kaioo setze auf die alten Grundwerte des Netzes und darauf, dass der reine Kommerz nicht im Vordergrund stehe.

So würde Kaioo auch nie in Versuchung kommen, Nutzerdaten weiterzugeben oder auszuwerten, weil man schlicht nicht unter dem Renditedruck wie andere Netzwerke stehe. "Wir glauben fest daran, dass dieses Projekt Erfolg hat", sagt Schmidt-Holtz. "Wenn nicht, dann sind wir eben mit einer wunderschönen Idee gescheitert, die es aber in jedem Fall wert war."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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1. Wo ist der Witz bei der Sache?
Koronbock 17.11.2007
Hm, alles schön und gut, aber wo ist der Witz an der Sache? Ist Kaioo eine "ethische Spenden-Einsammel-Maschine", ein Ort zum Kontakt machen (da gibt es ja bereits hunderte im Netz und das sind nur die größten). Es wird auch kaum erklärt, was der Benefit für die Nutzer sein soll, außer dass Spenden "demokratisch" einem "guten Zweck" zugeführt werden sollen. Also das Angebot müsste noch GEHÖRIG verbessert, wenn es denn irgend einen Pfiff bzw. etwas Besonderes haben soll.
2. Da da da
thomasgpunkt 17.11.2007
Nette Sache, mal sehen was daraus wird.
3. Verantwortung und Moral
Mark Stein 18.11.2007
Zitat von sysopKaioo ist mehr nur als Konkurrenz für MySpace und Co.: Auf der neuen Netzwerk-Plattform bestimmen die Mitglieder, an welches wohltätige Projekt die Werbeeinnahmen fließen - die von deutschen Top-Managern gegründete Website ist gemeinnützig. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,517871,00.html
Kaioo scheint interessant zu werden, da es sich durch klares Design auszeichnet. Es bleibt zu hoffen, dass die Gemeinnützigkeit nicht nur ein Werbegag ist ... die ersten Geschäftsberichte werden es zeigen, wenn sie den zumindest den Mitgliedern veröffentlicht werden. In großen gemeinnützigen Gesellschaften lässt sich sehr wohl das große Geld verdienen ... und die Steuereinnahmen gehen zunächst einmal verloren. In den USA bilden s.g. Non-Profit Organisationen bereits eine "Schatten-Regierung" die mit den zur verfügungstehenden Spenden-Milliarden das gesellschaftliche Leben nicht ganz unerheblich beeinflussen ... und dies nicht immer unter demokratischen Spielregeln - meist bestimmt der Gründer mehr oder weniger alleine die Marschrichtung. Die demokratische Ansatz bei Kaioo ist interessant - die Praxis wird zeigen, wie diese an sich gute Idee umgesetzt werden kann und evt. zum Vorbild wird. Der Versuchung zu widerstehen, Millionen-Mitglieder zum persönlichen Profit zu benutzen oder politische Macht auszuüben, erfordert m.E. einen hohen Grad an moralischer Qualifikation, die ich z.Zt. dem überwiegenden Anteil der Spitzenmanager abspreche.
4. Super endlich.
Schweizer 18.11.2007
Super endlich. So was sollte es mehr geben.
5. "Affäre starten" :-))
BerndTaunusstein 18.11.2007
Liebe Mitbürger, fürderhin werden also Affären online gestartet. Und zwar erst dann, wenn beide "Partner" einverstanden sind. Hätte man auch früher drauf kommen können. Dann hätte sich Siemens, die CDU, einige Geheimdienste und viele andere ne Menge Ärger erspart. Schenkelklopfende Grüße
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