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20 Jahre SPIEGEL ONLINE: Wie wir wurden, was wir sind

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Aus drei Leuten wurden 200, aus einer wöchentlichen Aktualisierung wurde eine minutenaktuelle. SPIEGEL ONLINE feiert an diesem Samstag 20. Geburtstag.

Konferenz im Newsroom: Immer wieder alles anders Zur Großansicht
Jörg Müller/Agentur Focus/DER SPIEGEL

Konferenz im Newsroom: Immer wieder alles anders

Dass dieser Text an dieser Stelle erscheint, war lange Zeit nicht nur unwahrscheinlich, sondern beinahe undenkbar. Dass es anders gekommen ist, dass er nun erscheint, liegt am Weltgeschehen und an mutigen Menschen, die an das Projekt SPIEGEL ONLINE geglaubt haben. Zu einem Zeitpunkt, als das nicht nur kühn, sondern beinahe wahnsinnig war. Und es liegt an Aldi.

SPIEGEL ONLINE wird an diesem Samstag 20 Jahre alt. Die Seite ist erwachsen geworden, professioneller, anspruchsvoller. Doch SPIEGEL ONLINE wird immer ein Projekt bleiben, das nie fertig ist, sondern immer im Wandel. Das liegt am Redaktionsschluss: Es gibt keinen. Rund 150 Redakteure berichten 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr über das Weltgeschehen. Und es liegt am Wesen des Journalismus, der sich stetig verändert und sich seine Medien aussuchen kann. Waren Papier, TV und Radio lange Zeit die einzigen Medien, sind das heute auch Laptops, Smartphones, Tablets, bald wohl auch Uhren und Brillen.

Die Geschichte von SPIEGEL ONLINE ist zugleich die Geschichte dieses Wandels des Journalismus und seines jüngsten Mediums, das Internet, das von einem Netzwerk für wenige Nerds zu einem omnipräsenten Massenmedium geworden ist.

Wer verstehen will, wie SPIEGEL ONLINE heute funktioniert, muss im SPIEGEL-Gebäude in der Hamburger Hafencity in den 13. Stock fahren, ganz nach oben, Großraumbüro. 80 Redakteure arbeiten hier, Schreibtisch an Schreibtisch, Ressort neben Ressort, im Zentrum steht der Newsdesk. Von hier aus steuern acht Chefs vom Dienst die Seite, entscheiden über Aufmacher, Überschriften, Bildauswahl, nehmen Texte ab, treffen Absprachen mit den Ressortleitern und den Korrespondenten in Moskau, Neu Delhi, London, Paris, Brüssel, Istanbul, Washington, New York.

Im 20. Jahr nach seiner Gründung hat SPIEGEL ONLINE den Schlaf abgeschafft. Die Redaktion in der Hamburger Ericusspitze ist nun mindestens bis Mitternacht besetzt, danach übernimmt eine Kollegin in Australien.

Wer verstehen will, wie aus drei Kollegen insgesamt rund 200 wurden, muss zurückschauen in eine Zeit, in der CompuServe als zukunftsweisende Technologie galt, PCs einen halben Meter tiefe Röhrenmonitore hatten und Mensch und Internet getrennt waren durch ein Modem. Bunt blinkend, in hohen Tönen fiepend und tief surrend. Die Melodie, mit der sich die meist beigefarbene Kiste ins Netz ächzte, war wohlvertraut, eine immergleiche Abfolge unangenehm tönender Sequenzen. Das Internet war mit Aufwand verbunden, es wohnte in der Telefonbuchse, hinter Kabeln und allerlei Technik. Es war nicht, wie heute dank Smartphones und Tablets, immer an, immer da, immer verfügbar.

Der Beginn: Das Netz beschäftigt sich mit sich selbst

SPIEGEL ONLINE startet am 25. Oktober 1994. Der SPIEGEL ist das weltweit erste Nachrichtenmagazin im Netz, mit einem Tag Vorsprung vor dem US-amerikanischen "Time". "Online-Journalismus: Der SPIEGEL steigt ein" titelt das Branchenblatt "Bildschirmtext Magazin" und zeigt auf dem Titel den damaligen Geschäftsführer Fried von Bismarck mit SPIEGEL-Ausgaben unter dem Arm.

Titelheld von Bismarck Zur Großansicht

Titelheld von Bismarck

Mit einer Nachrichtenseite hat SPIEGEL ONLINE zu Beginn wenig zu tun, es ist vielmehr ein Verbreitungsweg für SPIEGEL-Geschichten. Die Heft-Redakteure Uly Foerster und Gerhard Meißner stellen zehn bis 15 Geschichten pro Woche aus dem Print-SPIEGEL ins Netz. Die Internetseite ist schlicht und grau gehalten, sie hat den Charme eines Telekollegs. Schon samstags erscheinen die SPIEGEL-Texte auf diese Weise im Netz. Die Nutzerschaft ist klein, der Enthusiasmus der Macher groß: Rund zwei Monate nach dem Start wird der SPIEGEL im Netz interaktiv, versucht sich die Möglichkeiten des neuen Mediums zu erschließen.

Kurz vor Weihnachten findet der erste Chat statt, mit Kurt Biedenkopf, dem damaligen Ministerpräsidenten von Sachsen. 1995 wird der Auftritt überarbeitet, die Homepage in leuchtendem SPIEGEL-Rot gestaltet und mit eigens verfassten Beiträgen bestückt. Diese beschäftigen sich nicht mit dem Weltgeschehen, sondern dem Internet. Netzphilosophische Abhandlungen prägen SPIEGEL ONLINE in den ersten Jahren.

SPIEGEL ONLINE nach dem Relaunch 1996: "Schneller wissen, was los ist" Zur Großansicht

SPIEGEL ONLINE nach dem Relaunch 1996: "Schneller wissen, was los ist"

Unter heftigem Protest der Nutzer, die damals tatsächlich noch eine kleine Gemeinde sind, werden auf der Seite die ersten Werbebanner platziert. Ende der Neunzigerjahre findet SPIEGEL ONLINE dann zu sich, zu den Nachrichten. "Schneller wissen, was los ist" ist 1997 nicht nur der erste Slogan, sondern Funktionsbeschreibung und Selbsterkenntnis zugleich.

Als Lady Diana am 31. August 1997 in Paris tödlich verunglückt, erreicht die Website pro Tag mehr als 100.000 Klicks - ein neuer Rekord. Zum Vergleich: Im September 2014 waren es rund 32 Millionen Klicks am Tag, das 320-fache. Ende der Neunzigerjahre arbeiten 18 Journalisten unter Chefredakteur Dieter Degler für SPIEGEL ONLINE, die Seite schickt als erstes Online-Medium einen eigenen politischen Korrespondenten nach Berlin.

Das Internet wird massentauglich

Von nun an sind zwei Entwicklungen untrennbar miteinander verknüpft: Innerhalb der Redaktion arbeiten immer mehr Redakteure an einem zunehmend nachrichtlich ausgerichteten Programm; zugleich wird das Internet massentauglich, weil es immer einfacher und vor allem günstiger verfügbar ist. 1999 bietet Aldi im Weihnachtsgeschäft einen PC mit integriertem Modem und AOL-Probeabo an. Der Discounter leistet damit Entwicklungshilfe. 225.000 Rechner werden pro Tag verkauft, bei SPIEGEL ONLINE steigen die Nutzer-Zahlen in den Wochen vor Heiligabend um 20 Prozent.

Werbung für Aldi-PC: Internet für alle Zur Großansicht

Werbung für Aldi-PC: Internet für alle

Die Euphorie ist groß, vielleicht zu groß. Die Börse lockt, 2000 wird die SPIEGELnet AG gegründet, absurde Zahlen machen die Runde, von mehr als einer Milliarde D-Mark ist die Rede. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, scheint alles möglich. Dieter Degler wechselt ins Management, Mathias Müller von Blumencron, Büroleiter des Hefts in New York, rückt als Chefredakteur nach. Die Dotcom-Blase platzt, mit ihr der Börsengang von SPIEGEL ONLINE. Aus der SPIEGELnet AG wird die SPIEGELnet GmbH, aus Euphorie wird Ehrgeiz. Die Blase platzt, nicht aber das Projekt, nicht das Vorhaben, SPIEGEL-Journalismus auch im Netz zu betreiben.

Die Jahrtausendwende bedeutet eine Zäsur. Während sich andere Verlage aus dem Internet zurückziehen, als hätten sie sich auf einer heißen Herdplatte die Hand verbrannt, agieren die Gesellschafter und die Geschäftsführung des SPIEGEL und der SPIEGELnet umsichtig. Sie glauben an SPIEGEL ONLINE, investieren in die Idee und die Seite. Die Redaktion wird kontinuierlich ausgebaut. Dieses Vertrauen zahlt sich aus, bis heute. Seit 2005 macht die Seite Gewinn.

Der 11. September 2001 verändert die Bedeutung des Online-Journalismus. Als Büromedium ist SPIEGEL ONLINE für viele die erste Informationsquelle, und es bleibt an jenem Tag erreichbar. Die Redaktion verzichtet auf sämtliche Bilder, um die Server nicht unnötig zu belasten. Und sie arbeitet erstmals rund um die Uhr. Wolfgang Büchner und Rüdiger Ditz, damals Geschäftsführende Redakteure, wechseln sich knapp zwei Wochen lang ab: Einer beginnt um 3 Uhr nachts und bleibt bis 15 Uhr, der andere übernimmt am Nachmittag und bleibt bis nachts. Es ist eine Ausnahmesituation, an Dienstzeiten denkt in der Redaktion niemand. Allein am 11. September gewinnt SPIEGEL ONLINE 20 Prozent neue Nutzer hinzu, die meisten davon werden zu regelmäßigen Usern.

Der Nutzer rückt in den Mittelpunkt

Knapp zehn Jahre nach seinem Entstehen wird SPIEGEL ONLINE vom Nischen- zum Massenmedium. Das Meinungsforschungsinstitut Allensbach zählt im Jahr 2003 einen Zuwachs an Nutzern von 47 Prozent. 1,5 Millionen Menschen besuchen SPIEGEL ONLINE jede Woche. Der wirtschaftliche Erfolg ermöglicht einen Ausbau der Redaktion und die Einführung neuer Ressorts. 2006 entsteht das Ressort Multimedia, das in Zusammenarbeit mit SPIEGEL TV das Video-Angebot auf der Seite deutlich erweitert und neue Erzählformen wie Audioslideshows etabliert. Ermöglicht wird die Nutzung durch zunehmend schnelle Internetverbindungen für immer mehr Haushalte. Das Netz verändert sich, die Interaktion mit dem Nutzer rückt in den Vordergrund. Wer früher nur empfangen konnte, kann jetzt auch senden. SPIEGEL ONLINE arbeitet enger mit der Print-Redaktion zusammen, insbesondere bei Nachrichten-Großlagen.

Doch SPIEGEL ONLINE bietet längst mehr als nur Nachrichten. Die Katastrophe von Fukushima und der Arabische Frühling im Jahr 2011 verändern den Journalismus und seine Nutzung erneut. Soziale Medien machen jeden Einzelnen zum Berichterstatter, wenn auch nicht zum Journalisten. Es gibt eine enorme Vielfalt von Informationen, die Geschwindigkeit der Berichterstattung nimmt zu - und mit ihr die Bedeutung von Verlässlichkeit und Orientierung. Das Tempo ist der Reiz des Online-Journalismus. Und eine seiner Tücken. Geschwindigkeit ist ein Wert, aber nicht der einzige. Die Berichterstattung braucht Momente der Reflexion und der Einordnung.

Das Informationsbedürfnis der Menschen ist groß, im März 2011 stellt SPIEGEL ONLINE einen neuen Reichweitenrekord auf: mehr als 1,2 Milliarden Klicks und rund 190 Millionen Besuche auf der Seite.

Das Internet ist allgegenwärtig

Mensch, was bist du groß geworden, würden die Tanten, die Backenkneifer, wohl anerkennend zu SPIEGEL ONLINE sagen. Aber fertig ist die Seite nicht. Auf die digitale Revolution folgt die mobile. Das Internet ist nicht nur zu Hause schnell verfügbar, es ist überall. Im Wohnzimmer, in der U-Bahn, auf dem Schulhof, im Wartezimmer, auf Handys, Tablets, Wearables. Professioneller Online-Journalismus bedeutet, Programm zu machen. Dem Nutzer zu jeder Zeit und in jeder Situation die gewünschten Informationen im angemessenen Format anzubieten. SPIEGEL ONLINE ist nicht länger allein ein Büromedium.

Es ist für viele Nutzer die Seite, der nach dem Klingeln des Weckers der erste Blick gilt, und der letzte, bevor sie sich am Abend wieder hinlegen. Unser Blick richtet sich auf den User. Darauf, wie, wann und wo er SPIEGEL ONLINE liest - und wie er direkt oder über die sozialen Medien mit SPIEGEL ONLINE interagiert.

Dass dieser Text an dieser Stelle erscheint, war lange Zeit unwahrscheinlich. Es ist den Visionären in Verlag und Redaktion, dem Weltgeschehen und ein wenig auch Aldi zu verdanken, dass es doch so gekommen ist.

Zur Autorin
Barbara Hans ist Stellvertretende Chefredakteurin von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Barbara_Hans@spiegel.de

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