Interview mit SPIEGEL-TV Kim Dotcom gegen Hollywood

Noch immer darf Kim Dotcom Neuseeland nicht verlassen. Die USA beschuldigen ihn der massenhaften Verbreitung von Raubkopien. Einem SPIEGEL-TV-Team gab der Internet-Multimillionär jetzt ungewöhnliche Einblicke in sein Seelenleben.

SPIEGEL TV

Aus Auckland berichtet Thilo Thielke


In dem kleinen Tonstudio in Aucklands Innenstadt wummern die Beats. "I just want to live my life", dröhnt aus der Box. Der Sänger hat es sich in einem Sessel bequem gemacht, auf seinem Bauch ruht ein Kissen, die Füße wippen im Takt, und mit den Händen spielt er Luftschlagzeug.

Kim Schmitz, der jetzt Kim Dotcom heißt, hat sichtlich seinen Spaß an der Aufnahme. Im Dezember soll das Album fertig sein. Jetzt wird geklotzt, manchmal bis spät in die Nacht. Und weil alles, was er anpackt, mega sein muss, drücken sich in Auckland, Neuseeland, derzeit amerikanische Hit-Produzenten die Klinke in die Hand. Sogar der Schlagzeuger von AC/DC gab ein Gastspiel.

Worum es in den Liedern, eine Art Trance-Musik, geht? Hauptsächlich um Dotcoms Lebensphilosophie: "I just wanna have fun: on the beach, in the sun. I just wanna feel good, all the time, like I should." Natürlich bekommen auch die Politiker ihr Fett ab. "Ist schließlich ein Anti-Establishment-Song", erklärt der Komponist und schimpft: "In der Politik wird eh nur rumgelogen." Besonders mit der amerikanischen Regierung steht er auf Kriegsfuß.

Seit im Januar 2012 ein Spezialkommando Dotcoms riesiges Anwesen in Coatesville, etwa eine halbe Autostunde von Auckland entfernt, stürmte, kämpft der Internet-Multimillionär aus Kiel um sein Ansehen, sein Vermögen und seine Freiheit. Einen Monat verbrachte Schmitz damals in Haft. Seine Luxuslimousinen wurden abtransportiert, seine Bilder abgehängt, Rotweinflaschen konfisziert. In Manila, in Hongkong, in München schlugen die Fahnder zu. Seitdem sind Dotcoms Konten eingefroren, der Reisepass wurde dem Tausendsassa entzogen. Denn die USA werfen dem Chef der abgestellten Internetplattform Megaupload vor, mit der massiven Verbreitung von Raubkopien ein Millionenvermögen angehäuft zu haben.

Das Blatt scheint sich zu seinen Gunsten zu wenden

Damals freuten sich die Anwälte der amerikanischen Filmindustrie schon auf die Auslieferung des Gründers der Internetplattform Megaupload. Doch dann beschlichen neuseeländische Richter plötzlich Zweifel, ob der Einsatz gegen den deutschen Unternehmer tatsächlich rechtens war.

Sie setzten den ehemaligen Hacker erst einmal wieder auf freien Fuß und bliesen die geplante Auslieferung ab. Seitdem darf Dotcom zwar das Land nicht verlassen. Das Blatt scheint sich allerdings langsam zu seinen Gunsten zu wenden. In Auckland und Wellington gingen sogar Demonstranten auf die Straße und forderten Gerechtigkeit für den Deutschen mit der großen Brieftasche, der seiner Wahlheimat Auckland zu Silvester 2010 ein gigantisches Feuerwerk spendierte.

Der Verdacht der Schmitz-Freunde: Neuseelands Premierminister John Key könnte es mit seiner Liebedienerei gegenüber den USA etwas übertrieben haben. Je länger sich der Dotcom-Fall hinzieht, desto deutlicher werde nämlich: "Hinter der Schmitz-Verhaftung steckt die einflussreiche amerikanische Filmindustrie, die sich nicht an US-Giganten wie YouTube oder Dropbox herantraut." So sagt es zumindest Dotcom-Anwalt Robert Amsterdam.

Der Kanadier mit Büros in London, Washington und Toronto ist ein weltweit anerkannter Spezialist für Menschenrechtsfälle. Für ihn ist der Dotcom-Fall ein Musterbeispiel staatsanwaltlicher Selbstherrlichkeit: "Der Angriff der US-Regierung auf den populären Cloud-Storage-Dienst Megupload, die dramatisierte Verhaftung von Firmengründer Kim Dotcom und die weltweite Beschlagnahme seines Vermögens stellt eines der klarsten Beispiele von staatsanwaltlicher Überreaktion in der jüngsten Geschichte dar." So heißt es in dem Amsterdam-Papier "Megaupload, die Copyright-Lobby und die Zukunft der digitalen Rechte". Selbst das Landgericht Frankfurt stellte in einem Urteil fest, der Betrieb eines Online-Speicherdienstes bedeute nicht automatisch einen Verstoß gegen das Urheberrecht, und wies damit ein Rechtshilfeersuchen des FBI zurück.

"Ich wurde jahrelang abgehört"

Dass man, wenn man der Logik der US-Staatsanwälte folgt, auch die Post schließen könne, weil sie Erpresserbriefe transportiert, sehen auch immer mehr neuseeländische Richter so. Zunächst stellten sie fest, dass der Durchsuchungsbefehl illegal war und Material unrechtmäßig in die Vereinigten Staaten gelangt war. Dann musste sich Premier John Key öffentlich entschuldigen, weil der Geheimdienst Dotcom widerrechtlich abgehört hatte. Später musste die neuseeländische Polizei widerrechtlich beschlagnahmte Festplatten zurückgeben.

Im Interview mit SPIEGEL TV erklärte Kim Dotcom jetzt: "In meinem Fall wurde sogar das Abhörprogramm Prism eingesetzt. Das Programm wurde mit meinen E-Mail-Adressen und Telefonnummern gespeist. Jahrelang wurde meine Kommunikation abgehört." Er werde behandelt wie ein Terrorist.

In der Tat mussten Hollywoods Staatsanwälte ziemlich tricksen, um die Neuseeländer in den drastischen Einsatz zu treiben. Weil Copyright-Fälle normalerweise zivilrechtlich verfolgt werden und für ein solches Verfahren keine Auslieferung vorgesehen ist, erklärten sie Megaupload kurzerhand zur kriminellen Vereinigung, die nie ein anderes Ziel verfolgt habe, als die amerikanische Filmindustrie zu schädigen.

Anwalt: Amerikaner haben leichtes Opfer gesucht

"Da stehen einem die Haare zu Berge", sagte Dotcom-Anwalt Amsterdam SPIEGEL ONLINE. Nach Ansicht des kanadischen Strafverteidigers haben die Amerikaner ein leichtes Opfer gesucht und in Dotcom auch gefunden: "Das ist ein Deutscher mit einem schrägen Lebenswandel. Außerdem hat er eine Vergangenheit als Hacker." Auf die Art und Weise hätte man zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen geglaubt: "So wird etwas für die US-Filmlobby getan, und man muss sich nicht mit der einheimischen Internetwirtschaft anlegen, die von der Aktion auch noch profitiert."

Wenn er nicht gerade im Studio sitzt und Musik macht, kurvt Dotcom mit einem seiner frisierten Golfcarts auf seinem hügeligen Anwesen herum. Die kleinen Flitzer, immerhin, sind ihm geblieben. "Ach, ist es schön hier", schwärmt der Hallodri, der sich früher gerne auf teuren Segelyachten mit Bikini-Girls umgab, "hier möchte ich mit meiner Familie alt werden." Er sei ein neuer Mensch geworden, älter, reifer - Familienvater mit Frau und fünf Kindern. Nach Deutschland ziehe es ihn nicht gerade zurück. Und von der deutschen Botschaft hat sich, seit er in Neuseeland um seine Reputation kämpft, auch noch niemand gemeldet.


SPIEGEL TV Magazin, Sonntag, 11.8.2013, 22.05 - 23 Uhr, RTL

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insgesamt 85 Beiträge
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neu_ab 11.08.2013
1. Herrscher Kim Dot Com droht den Westen "in ein Flammenmeer" zu verwandeln
Ach nee, das war der andere Kim... Ich kann diese Größenwahnsinnigen kaum noch auseinanderhalten.
benutzerfrage 11.08.2013
2. Kim Dotcom ist wichtiger denn jeh
Man kann von ihm halten was man will, aber eines ist klar: Er ist Opfer des Lobbyismus in den USA. Nicht nur von Hollywood, sondern auch von Apple und Google, die keine 2 Wochen nachdem Megaupload dicht war ihre Cloud-Systeme vorgestellt haben, die teurer sind ber im Grunde weniger leisten.
wernerthurner 11.08.2013
3. Rechtsstaat
Immerhin sind die neuseeländischen Behörden und Gerichte bezüglich der totalitären Methoden der US "Strafverfolger" aufgewacht und haben den Mann nicht ausgeliefert. Wohldem der sich ausserhalb der USA vo r einem solchen "Rechtsstaat" retten kann. Snowden z.B. nach Russland. Andere wie z.B. Manning oder Barett Brown Free Barrett Brown | Supporting the defense of Barrett Brown: imprisoned American journalist and activist, founder of Project PM. (http://freebarrettbrown.org/) , hatten dieses Glück nicht.
ajanzen 11.08.2013
4. immerhin
macht dieser Mops Spaß und schafft was unsere Bundesmerkel nicht schafft. Die Kollegen aus den USA in die Schranken zu weisen...
Sabi 11.08.2013
5. Seele
Ich glaube seine Seele, wenn er eine hat, besteht nur aus $$$ Zeichen !
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