Spiele-Altersfreigaben Mit Kinder-Spitzeln gegen laxe Händler

Die Polizeibehörden in England haben damit begonnen, mit Kinder-Lockvögeln PC-Spielehändler auf die Probe zu stellen. Die Kids kaufen Spiele mit Altersfreigaben über 16 oder 18 Jahre. Im Austausch zum Kassenbon gibt's eine Anzeige.


"Manhunt" im Regal: Noch ist der Verkauf in Großbritannien nicht verboten. Die meisten großen Ketten nahmen den Titel freiwillig aus dem Programm
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"Manhunt" im Regal: Noch ist der Verkauf in Großbritannien nicht verboten. Die meisten großen Ketten nahmen den Titel freiwillig aus dem Programm

Die Stimmung ist nicht gut unter Großbritanniens Spielehändlern und -produzenten. Wieder einmal ist die Branche in Verruf geraten, nachdem Ende Juli der Mord an Stefan P. (14) unter großer öffentlicher Anteilnahme verhandelt wurde. Stefan wurde im Februar 2004 vom nur drei Jahre älteren Warren L. mit einem Hammer erschlagen. Familienangehörige des Ermordeten behaupteten, das sei in Nachahmung einer Tötungshandlung im Spiel "Manhunt" ("Menschenjagd") geschehen.

Obwohl im Laufe des Prozesses keine Verbindung zwischen Spiel und Mord nachgewiesen wurde, entfernten die meisten Spielehändler das umstrittene Produkt aus ihren Auslagen. Die selten zimperliche britische Regenbogenpresse heizt seitdem die Stimmung weiter an. "Murder by PlayStation" titelte die "Daily Mail" und die Nachricht ging um die Welt.

Auch in den USA ist das Spiel heftig umstritten: Dort spricht der Anwalt John W. Thompson öffentlich davon, den Game-Publisher Rockstar mit einer Kampagne gegen deren Gewaltspiele "vernichten" zu wollen. Thompson gilt als vehementer Hardliner gegen Obszönitäten in Film, Musik und Spiel, seine Drohung aber ist nicht ohne Gewicht: nebenbei ist der Mann stellvertretender Mehrheitsfraktionsführer im US-Abgeordnetenhaus.

In Deutschland verboten

In Deutschland ließ das Amtsgericht München bereits mit Beschluss vom 19. Juli den Vertrieb von "Manhunt" verbieten und die bereits ausgelieferten Spiele für PC, XBox und Playstation wieder einziehen. Die Verfügung folgte einer Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien im März 2004, die in Handlung und Ausgestaltung des Spieles einen Straftatbestand erkannte.

Spielauftrag in "Manhunt": "Mit maximaler Brutalität" Menschen töten

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Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf, das Münchner Gericht urteilte, das Spiel gefährde "die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit". Aus mehreren Gründen verstoße es gegen § 131 Abs. 1, da es Gewalttätigkeiten verharmlose oder verherrliche.

Auch wenn der Zusammenhang mit dem Mord in England also nicht nachgewiesen werden konnte (es gab im Gegenteil Indizien dagegen), gilt "Manhunt" in zahlreichen Staaten der westlichen Welt als abschreckendes Beispiel eines extrem gewalttätigen und morallosen Videospiels.

Mit all dem, sagt die Polizei in Northumberland, habe ihre Aktion aber nichts zu tun. Es sei ein purer zeitlicher Zufall, dass die Fahndungsaktion mit Jugendlichen gerade jetzt durchgeführt würde. Mit jugendlichen Lockvögeln habe man schon wiederholt gearbeitet, bisher jedoch nur bei der Überprüfung von Videohändlern und -verleihern.

Flankiert wird die verschärfte Überprüfung der Händler durch Stellungnahmen von Behördensprechern. Mick King, Leiter der Wettbewerbsaufsicht in Northumberland, rief die Eltern dazu auf, mehr auf Altersrestriktionen bei Medien zu achten. King: "Einige der gewalthaltigeren Spiele auf dem Markt handeln von wiederholten Mord-Streifzügen, versetzen den Spieler in die Rolle eines Auftragkillers oder fordern ihn dazu auf, Passanten zu überfahren." Da bedürfe es der Aufmerksamkeit und Mitarbeit der Eltern, dass berechtigte Alterseinschränkungen auch befolgt würden.

Die Händler mahnte King, ihre Pflicht, beim Verkauf die Altersfreigaben zu beachten, zu befolgen. "Sie riskieren es, angeklagt zu werden, wenn sie Spiele, die erst ab 18 Jahre freigegeben sind, an Kinder verkaufen. Diese Spiele sind klar gekennzeichnet, da gibt es keine Entschuldigung."

Der freiwillige Verzicht der meisten britischen Handelsketten, "Manhunt" zu verkaufen, führte Anfang August zu einem regelrechten Run auf das Spiel. Nach Aussagen von Händlern habe die Diskussion um das Gewaltspiel den vorher verhaltenen Verkauf enorm gesteigert. Ähnliche Effekte kennt man in Deutschland nach Indizierungen: Gewaltspiele, die nicht mehr beworben werden und nur auf Nachfrage verkauft werden dürfen, finden regelmäßig reißenden Absatz. Fans von Gewaltspielen gilt die Indizierung als eine Art "Qualitätssiegel".



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