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Spionageskandal: Griechenlands Premier wurde abgehört

Was in Griechenland in Politik und Gesellschaft Rang und Namen hat, wurde seit Olympia 2004 abgehört - einschließlich des Premierministers und hohen Militärs. Auch arabische Geschäftsleute und ein Al-Dschasira-Reporter wurden angezapft. Wer dahinter steckt, ist noch unklar.

Irgendwann im März 2005 begannen sich die Techniker bei Vodafone Griechenland über eine Häufung von Beschwerden zu wundern: Kunden klagten da über eingeschränkte Nutzungsmöglichkeiten ihrer Handys. Die Suche nach dem Fehler im System war erfolgreich: Auf den Servern des Mobilfunkanbieters fanden die Firmenexperten eine Schnüffelsoftware, die die Telefonate bestimmter Vodafone-Kunden splitteten und zu einer Reihe von Prepaid-Handys routeten, die sich scheinbar irgendwo in einem Viertel von Athen befanden, in dem auch die US-Botschaft liegt. Kein Zweifel, da hörte jemand mit.

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Griechenland: 100 Handys angezapft

Und zwar nicht willkürlich, sondern sehr zielgerichtet. Rund 100 Mobiltelefone wurden offenbar über ein Jahr lang abgehört, beginnend mit den Olympischen Spielen 2004. Ziel der Observation, erklärte am Donnerstag der griechische Regierungssprecher Theodoros Roussopoulos, seien Top-Mitglieder der Regierung, hochrangige Militärs und Polizeibeamte gewesen. Zu den prominentesten Opfern der Abhöraktion gehörten die griechischen Verteidigungs-, Innen-, Außen- und Justizminister, Premierminister Costas Caramanlis und seine Frau Natasha.

Auf einer Pressekonferenz veröffentlichte die Regierung eine Liste von 46 Personen, die zu den Ausspionierten gehörten. Angezapft wurden demnach auch griechische Journalisten, ein Reporter des TV-Senders al-Dschasira, Geschäftsleute aus arabischen Ländern und Pakistan sowie griechische Aktivisten aus dem linken Spektrum.

Die Sicherheit des Landes, sagte Sprecher Roussopoulos, sei zu keinem Fall gefährdet gewesen. Der Premierminister nutze "mehr als ein Handy". Giorgos Voulgarakis, der für die Sicherheitsbehörden zuständige Minister, ergänzte: "Hätte es die Überprüfung durch Vodafone nicht gegeben, wäre die Abhöraktion wahrscheinlich noch über März 2005 hinaus fortgeführt worden. Damals wurde sie entdeckt."

Mysteriöser Selbstmord eines Vodafone-Mitarbeiters

Wie die griechische Zeitung "Elefterotypia" berichtet, wurden in einer Wohnung nahe der amerikanischen Botschaft 14 Handys entdeckt, mit denen die Telefonate angeblich abgehört wurden.

Die Zeitung berichtet zudem über den mysteriösen Selbstmord eines Vodafone-Managers. Der für Sicherheit verantwortliche Mann brachte sich demnach wenige Tage vor dem Tag um, an dem Vodafone im März 2005 die griechische Regierung über die Entdeckung der Spyware informierte. Die Staatsanwaltschaft untersuche nun den Selbstmord, schreibt "Elefterotypia".

Wer hinter der technisch ausgefuchsten, professionellen Abhöraktion steckt, ist noch unbekannt. "Viele vermuten, dass es die CIA war", sagte Pantelis Valasopoulos, Deutschland-Korrespondent von "Elefterotypia", der sich gerade in Griechenland aufhält. Die USA hatten im Vorfeld von Olympia immer wieder vor der Terrorgefahr gewarnt.

Es könne aber auch der Geheimdienst eines anderen Landes dahinter stecken, erklärte Valasopoulos im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "In der Regierung befürchtet man, dass Mitschnitte privater Gespräche bald auf dem Schwarzmarkt angeboten werden."

Vertreter der führenden Oppositionspartei Pasok bemängelten die Informationspolitik der Regierung. Obwohl diese seit fast einem Jahr von der Bespitzelung gewusst habe, habe sie es versäumt, die Betroffenen zu benachrichtigen.

pat, hda, AP

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