Spock.com-Panne Im Körper des Feindes

Die Personen-Suchmaschine Spock.com durchpflügt das Web, führt dabei aber oftmals dämlich zusammen, was nicht zusammen gehört. So fand sich nun der Politologe und SPIEGEL-ONLINE-Autor Franz Walter per Algorithmus zum Nazi-Verbrecher ernannt. Der Fall offenbart ein gefährliches Grundproblem.

Von


Als bei Franz Walter neulich das Telefon klingelte, muss er sich so gefühlt haben, als sei er Teil des John-Woo-Films "Im Körper des Feindes". In diesem werden die Gesichter eines FBI-Agenten und eines Terroristen durch einen chirurgischen Eingriff vertauscht. Walter widerfuhr gewissermaßen dasselbe - wenn auch virtuell. Am Telefon war ein Mitarbeiter der "Badischen Zeitung". Dieser wies den Parteienforscher und SPIEGEL-ONLINE-Autoren darauf hin, dass sein Konterfei in der Online-Suchmaschine Spock.com im Profil eines toten Naziführers zu sehen ist. Walter sah nach - und tatsächlich: Im Profil des NS-Rassenideologen Walter Gross prangte sein Bild.

Über dem Bild standen Schlagwörter wie "NSDAP", "Antisemit", "Endlösung". Unter dem Bild stand der Verantwortliche für diese höchst unangenehme Vertauschung: der Suchbot von Spock.com. Und ein Link zu der Bilddatei, die der Bot im Netz fand und irrtümlich in das Profil des Naziführers einspeiste.

Wer auf diesen Link klickt, erfährt, wie aus Franz Walter der Nazi-Verbrecher Walter Gross werden konnte: Die Datei, die der Bot sich grabschte, trägt den Namen: "walter_gross.jpg". Der Zusatz "gross" steht für "Großansicht des Fotos".

Die Verwechselung beruht also auf einer, zumindest für den Suchalgorithmus von Spock.com, missverständlichen Bildbeschriftung - und darauf, dass der Suchbot keine Gesichter erkennt, sondern lediglich die Dateinamen von Bildern auswertet. Diese Methode der Informationsbeschaffung ist zwangsläufig viel ungenauer als die biometrischen Scans vergleichbarer Gesichtersuchmaschinen wie Polar Rose.

"Natürlich macht die Suchmaschine noch Fehler", verteidigt Spock-Mitbegründer Jay Bhatti sein Projekt. Insgesamt arbeitet die sogenannte "Menschensuchmaschine" seiner Ansicht nach jedoch schon sehr zuverlässig. "Die von Spock bereitgestellten Personendaten sind zu mindestens 80 Prozent korrekt."

Der Suchbot arbeitet laut Bhatti wie folgt: Zunächst identifizierten verschiedene Algorithmen, ob die vom Bot angesurften Seiten personenzentriert sind. Nur wenn dies eindeutig der Fall sei, extrahiere der Bot verschiedene Daten wie den Namen, das Alter oder den Wohnort - und ordne diese Angaben sodann dem Profil einer bestimmten Person zu.

Alfred Jodocus Quack erfand laut Spock das Walkie Talkie

Allein: So reibungslos wie Bhatti behauptet, funktioniert die Maschine offenbar doch nicht. Mit dem deutschen Wort "gross", das viele Webseiten-Betreiber nutzen, um die Großversion eines Bildes zu markieren, tut sich die Maschine konsequent schwer. In den Profilen von Menschen, die "Gross" mit Nachnamen heißen, finden sich haufenweise Skurrilitäten. Franz Walter hat viele Leidensgenossen.

So wird auf Spock.com ein Mitglied der Catholic Health Association zum Baseballstar Kevin Gross erklärt. Oder eine Schaufensterpuppe mit Biberkappe zum Flugzeug-Pionier Robert Ellsworth Gross. Das Großbild eines Motorrads namens "Hans" wird zum Kriminaljuristen Hans Grosz, und die Comicfigur Alfred Jodocus Quack erfand nach Spock-Logik das Walkie Talkie - nur weil irgendwo in den Tiefen des Internets Bilder des Zeichentrick-Erpels kursieren, die irgendwer so benannte wie dessen rechtmäßiger Erfinder heißt: Alfred J. Gross.

Von anderen Adjektiven, die häufig in Bildbeschreibungen auftauchen, dürften ähnliche Ergebnisse zu erwarten sein - auch in anderen Sprachen.

"Schweinchen Dick"-Sprecher angeblich Nationalsozialist

"Spock" hat aber noch eine weitere Schwäche: Verschiedene Menschen mit verschiedenen Gesichtern, die denselben Namen tragen, kann sie auch nicht so recht auseinanderhalten. Auch hier arbeitet die textbasierte Suche zu unpräzise; auch hier hat Franz Walter Leidensgenossen, zwei um genau zu sein.

Diese finden sich ebenfalls im Profil des Kriegsverbrechers Walter Gross. Beide Bilder zeigen Menschen, die zufällig auch Walter Gross heißen, aber mitnichten Nazi-Verbrecher sind: Der eine ist Schauspieler und sprach unter anderem die Synchronstimme von "Schweinchen Dick"; der andere ist Schweizer, Lyriker und wird gemeinhin eher dem linksintellektuellen Lager zugeordnet.

Das Perfide an all diesen Verwechselungen hat zwei Seiten, beide sind wenig attraktiv: Die, deren Bilder irrtümlich zugeordnet werden, wissen unter Umständen gar nicht, dass es auf Spock.com ein Profil von ihnen gibt, trotzdem werden sie gewissermaßen maschinell verleumdet. Diejenigen, die die Maschine nutzen, werden hingegen desinformiert - sie gehen beispielsweise davon aus, ein Göttinger Politologe sei ein Nazi-Verbrecher - "Ah, den kenne ich!"-Effekte beim Fernsehkonsum nicht ausgeschlossen. In einer Zeit, in der Webseiten von immer mehr Menschen als verlässliche Informationsquellen empfunden werden, ist das ein Weckruf.

Verwechslungsopfer Franz Walter nimmt die Sache mit Humor: Bei der maschinellen Verwechselung handle es sich um eine "unglückliche Zusammenführung eines Parteienforschers und eines nationalsozialistischen Schweins". Egal sei ihm der ikonografische Schnitzer aber keineswegs. Er habe die Betreiber der Menschensuchmaschine bereits aufgefordert, das Bild zu löschen.

Mehrere tausend Fehlermeldungen pro Tag

Laut Spock-Mitbegründer Bhatti dürfte dies nur "einige Stunden" dauern. "Man kann in Spock auf jedes einzelne Bild klicken und es bei Bedarf als fehlerhaft markieren und den Grund der Fehlermeldung angeben. Die Anfrage wird per E-Mail an unsere Störstelle weitergeleitet."

Zwei Mitarbeiter kümmern sich laut Bhatti ausschließlich darum, die eingehenden Fehlermeldungen zu überprüfen, jeder bearbeite mehrere hundert Fehlermeldungen pro Stunde. Falsch zugeordnete Bilder und Informationen würden zudem nicht einfach entfernt. "Es werden permanent Fehlertypen identifiziert und Lösungen erarbeitet, wie sich diese in Zukunft vermeiden lassen", sagt Bhatti.

Klingt gut, funktioniert womöglich auch, aber wenn, dann offensichtlich sehr langsam: Mehr als zwei Tage nach Entdeckung der falschen Bildzuordnung und der Rückfrage bei Spock.com bekam man das Konterfei von Franz Walter dort noch immer als Naziführer serviert (Stand: Freitag, 31. August, 9.45 Uhr).

Für Bhatti sind das alles Kinderkrankheiten. Bei der Verbesserung des Suchalgorithmen vertraue man vor allem auf die viel zitierte Schwarm-Intelligenz. "Spock ist eine ständig dazulernende Plattform. Jeder Nutzer hilft, die Präzision der Maschine zu verbessern. Mit jeder Fehlermeldung wird Spock schlauer." Wenn auch, siehe oben, mitunter nur sehr langsam.

Die typische Web-2.0-Philosophie also. Allerdings hat diese zwei Haken: Erstens behauptet Spock noch immer, Franz Walter sei Walter Gross. Zweitens erscheint es nicht sehr wahrscheinlich, dass zwei Mitarbeiter alle Fehlinformationen über hundert Millionen Menschen korrigieren. So viele Profile hat Spock derzeit nach Angaben der Hersteller. Täglich kämen "ein paar Millionen" hinzu.

Es dürften also noch weitaus mehr Menschen feststellen, dass Spock sie gefunden hat - und bei der Suche nach sich selbst im Körper des Feindes aufwachen.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.