Spracherkennung: Vorsicht, Ihr Computer hört Ihre Angst

Sie verstehen Spracheingaben - als Nächstes lernen Computer, anhand unserer Stimme unsere Gefühlslage zu erkennen. Erste Systeme sind bereits in Callcentern im Einsatz. Forscher hoffen, in Audioaufzeichnungen einmal sogar Hinweise auf Lügen zu entdecken.

Lügendetektor: Stimmaufzeichnungen können Lügner entlarven Zur Großansicht
Corbis

Lügendetektor: Stimmaufzeichnungen können Lügner entlarven

Der Supercomputer, der in dem Kinofilm "2001: Odyssee im Weltraum" die Besatzung eines Raumschiffs bis auf eine Person auslöscht, kennt seinen letzten verbliebenen Nutzer erstaunlich gut. Nicht nur, dass HAL 9000 versteht, was der Mensch ihm sagt, der Rechner kann auch dessen emotionalen Zustand deuten. Das mit dem Verstehen von Anweisungen und Fragen klappt schon recht gut, wie Apples Spracherkennung "Siri" im aktuellen iPhone zeigt. Nun arbeiten Informatiker und Sprachexperten daran, dass auch der einfühlsame Rechner keine Science-Fiction bleibt.

Erste Systeme sind bereits im Einsatz, in Callcentern sollen sie Kunden aufspüren, bei denen sich ein Verkaufsgespräch lohnt. Wie das funktioniert, erklärt Bin Yang, Professor am Institut für Signalverarbeitung und Systemtheorie an der Universität Stuttgart: "Wenn jemand traurig ist, spricht er meistens langsam und nicht so laut. Wenn jemand wütend, glücklich oder überrascht ist, hingegen lauter und schneller." Aus solchen Merkmalen wird ein digitales Sprachprofil berechnet. "Wir setzen ein mathematisches Verfahren zur Mustererkennung ein, so wie es auch bei Spracherkennung, einem Fingerabdruck oder Iris-Scan gemacht wird."

Lügendetektoren auf Sprachbasis gibt es nicht

Dieses Muster wird dann mit einer Datenbank verglichen, in der menschliche Bewertungen als Referenz gespeichert sind. Das heißt, dass das System beigebracht bekommt, welche Merkmale auf was für eine Emotion schließen lassen. "Der erste, aufwendige Schritt ist also der Aufbau dieser Datenbank. Menschen müssen möglichst viele Sprachmuster bewerten", sagt Yang.

Wenn Computer also unsere Emotionen aus unserer Stimme ablesen - können sie uns dann auch beim Lügen ertappen? "Aus den Emotionen in der Stimme darauf zu schließen, ob jemand lügt, ist dann ein anderes Paar Schuhe." Yang ist vorsichtig, einen direkten Zusammenhang sieht er bisher nicht.

Julia Hirschberg, IT-Professorin an der Columbia University, will genau diesen Zusammenhang herstellen. Sie arbeitet an Algorithmen, die anhand einer Sprachaufzeichnung erkennen sollen, ob ein Mensch gerade lügt oder die Wahrheit sagt. Dutzende Merkmale wie Lautstärke, Geschwindigkeit, Wortpausen und nervöses Lachen geben Hinweise auf eine Täuschung, erklärte sie der "New York Times". In einem ersten Testversuch, bei dem Testpersonen zu Interviews eingeladen wurden und bewusst täuschen sollten, habe der Computer in 70 Prozent der Fälle Lügen erkannt - Menschen entdeckten nur 57 Prozent der Täuschungen.

Unter bestimmten Umständen scheint die Software also schon brauchbare Hinweise auf Lügner zu geben. Ein funktionierender Lügendetektor nur auf Sprachbasis wäre eine kleine Revolution, seit den siebziger Jahren fahnden forensische Psychologen nach verräterischen Signalen - bisher ohne Ergebnis. Zwar geben sich manche Lügner unfreiwillig durch viele "'Ähms" zu erkennen, andere hingegen lassen sich buchstäblich nichts anmerken. Auch Lügendetektoren, die unter anderem Puls und Hautwiderstand messen, kommen laut Studien in fast der Hälfte der Fälle zu falschen Ergebnissen.

Als Beweise, etwa vor Gericht, taugen solche Ergebnisse kaum. Hirschberg sieht sich und ihre Kollegen trotzdem auf einem guten Weg, zumindest besser zu verstehen, wie sich Emotionen in unserer Sprache widerspiegeln. Die vage Aussicht auf eine Software, die Hinweise auf eine Täuschung geben kann, beflügelt offenbar auch Geldgeber: Wie die "New York Times" berichtet, haben Hirschberg und ihre Kollegen von der US-Luftwaffe knapp 1,5 Millionen Dollar Forschungsgelder erhalten. Dafür sollen sie nicht nur in englischen Sprachaufnahmen Emotionen verstehen, sondern auch auf Arabisch und Chinesisch.

Richtig unangenehm dürfte es dann werden, wenn Computer das Wissen um den emotionalen Zustand seiner Nutzer gezielt einsetzen, um diesen zu manipulieren. Auch das ist eine Fähigkeit von HAL 9000.

ore

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
herbert_schwakowiak 07.12.2011
Zitat von sysopSie verstehen Spracheingaben - als nächstes lernen Computer, anhand unserer Stimme unsere Gefühlslage zu erkennen. Erste Systeme sind bereits in Call Centern*im Einsatz. Forscher hoffen, in Audioaufzeichnungen einmal sogar Hinweise auf Lügen zu entdecken. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,801997,00.html
Man könnte ja eine App programmieren, die das eigene Gerede in eine emotionslose Computerstimme umsetzt. Aber ich schätze mal, dass dann ganz schnell die 'Verschleierung der Identität in der Telekommunikation' illegal wird...
2. Und diese Informationen ...
MKasp 07.12.2011
Zitat von sysopSie verstehen Spracheingaben - als nächstes lernen Computer, anhand unserer Stimme unsere Gefühlslage zu erkennen. Erste Systeme sind bereits in Call Centern*im Einsatz. Forscher hoffen, in Audioaufzeichnungen einmal sogar Hinweise auf Lügen zu entdecken. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,801997,00.html
... liefern wir Apple und Google (per Android) permanent, wenn wir deren Sprachsuchfunktionen nutzen. Mich friert.
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