Stalingrad Digital Selbst die Hufe wurden ausgekocht

Sechs Jahrzehnte nach Stalingrad taucht noch immer verschollen geglaubte Feldpost auf. Die deutschen und russischen Soldatenbriefe enthalten trotz Zensur verblüffende Wahrheiten über die größte Schlacht und das größte Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Einige der Dokumente aus der Hölle von Stalingrad sind mittlerweile im Web verfügbar - unverzichtbares Material für eine neue Militärgeschichtsschreibung "von unten".

Von Jochen Bölsche


Deutsche Gefangene bei Stalingrad: Das größte Schlachten des Zweiten Weltkriegs
AP

Deutsche Gefangene bei Stalingrad: Das größte Schlachten des Zweiten Weltkriegs

Seit der mörderischen Schlacht an der Wolga, die 1942/43 die Wende im Weltkrieg einleitete, waren gerade zwei Jahrzehnte vergangen, als der deutsche Journalist Erich Kuby enttäuscht aus Wolgograd zurückkehrte: Der Rechercheur hatte 1963 in der völlig zerstörten und gerade wiederaufgebauten Stadt, dem vormaligen Stalingrad, "keine Spur mehr" von Hitlers Sechster Armee gefunden, deren mehr als 200.000 Mann in der Schneesteppe an der Wolga und in Stalinschen Zwangsarbeitslagern ausgelöscht worden waren - bis auf gerade mal 6000 Überlebende.

Authentische Aufzeichnungen gefallener Augenzeugen galten lange Zeit als Mangelware, ihre Notizen und Tagebücher großenteils als verbrannt, verschollen oder verschlossen in russischen Archiven - bis zum Sommer 1987. Damals, ein Vierteljahrhundert nach Kuby, reiste der deutsche Historiker und Germanist Jens Ebert nach Wolgograd. In einem staubigen Winkel des Kriegsmuseums gelang dem Berliner ein überraschender Fund: In roh gezimmerten Holzkisten lagen stapelweise vergessene, nie katalogisierte deutsche Soldatenbriefe und -tagebücher, die dem russischen Militär in die Hände gefallen waren.

Fahren Sie mit der Maus über die Datumsfelder,
um die Frontverläufe an den jeweiligen Tagen einzublenden

Grafik: DER SPIEGEL / Animation: SPIEGEL ONLINE / Anna Korolewicz

Seit dem Ende des Sowjetreichs ist kaum ein Jahr vergangen, in dem nicht neue Dokumente dieser Art aufgetaucht sind. Aber nicht nur dank der "Öffnung der Grenzen zum Osten" steht der Wissenschaft mittlerweile "umfangreiches Material" zur Verfügung, wie die Hamburger Kulturgeschichtlerin Gunda von Kriegsheim urteilt: Der "zeitliche Abstand" erleichtere es nun vielen Hinterbliebenen, ihre Schubladen zu öffnen und Soldatenbriefe aus Stalingrad für Forschungs- und Veröffentlichungszwecke zur Verfügung zu stellen.

Manch ein Zeitgenosse publiziert, wie der Hamburger Familienforscher Ekkehard Lauritzen, die Feldpostbriefe gefallener Verwandter sogar auf seiner Homepage. So ist dort zu lesen, wie der 21-jährige Soldat Ekkehard Johler 1942 vor Stalingrad Weihnachten feierte - mit "drei Pferdefrikadellen", "Engelshaar aus Silberpapier von Zigarettenschachteln" und in nicht gerade festlicher Stimmung: "Scheiße. Verzeihung, dieses Wort fliegt einem wohl tausend Mal am Tag heraus." Immerhin, schreibt Johler sarkastisch, gebe es "keinen Wassermangel": "Es liegt ja genug Schnee vor der Tür."

Polit-Eklat um Senta Berger

Eine wahre Materialflut bescherte ein Aufruf von Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher den Forschern: Angehörige von Stalingrad-Gefallenen stellten dem Deutschlandfunk voriges Jahr fast 1000 bislang unbekannte Briefe zur Verfügung; der Sender veröffentlichte Auszüge in einer Radioserie sowie im Internet. Wissenschaftler Ebert, der die Post sichtete und zurzeit eine Buchveröffentlichung darüber vorbereitet, ist sicher, dass sich "aufgrund der großen Anzahl von Briefen", die mittlerweile vorliegen, "ein historisch gesicherter Blick auf die Ereignisse 1942/43 rekonstruieren" lasse.

Auch Ebert-Kollegen sehen in Feldpostbriefen zunehmend eine Quellengattung, die unverzichtbar für eine neuartige Kriegsgeschichtsschreibung "von unten" ist. Sie lenke, meint der Historiker Aribert Reimann, "den Blick von den meinungsmultiplizierenden Eliten auf diejenigen, die den Krieg in den Schützengräben zu führen hatten".

Lange Zeit allerdings hatten Wissenschaftler die Soldatenbriefe nur mit äußerstem Misstrauen betrachtet. So erschien schon bald nach Kriegsende ein Band "Letzte Briefe aus Stalingrad", der wahrscheinlich von einem einstigen Goebbels-Propagandamann kompiliert worden war. Bis heute, argwöhnt Ebert, sei ungeklärt, ob die anonymen Texte "auf authentischem Material beruhen oder ob es sich nicht vielmehr um Manipulationen oder gar Fälschungen handelt".

Zu einem politischen Eklat kam es voriges Jahr, als die Schauspielerin Senta Berger zum Volkstrauertag im Bundestag Auszüge aus dem umstrittenen Werk rezitieren sollte: Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) sicherte sein Erscheinen erst zu, nachdem der Veranstalter, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, auf eine Verlesung der obskuren Briefe verzichtet hatte.

Als trübe Quelle galt die Feldpost lange Zeit aber auch deshalb, weil die Briefkommunikation im Krieg strenger militärischer Zensur unterlag. Zudem verteilten Vorgesetzte bisweilen Musterbriefe zum Abschreiben und forderten, so Kriegsheim, die Soldaten auf, "die Empfänger der Briefe nicht zu beunruhigen".

Wer sich pessimistisch über die Lage, respektvoll über den Feind oder respektlos über die Regierung äußerte, riskierte sein Leben - ganz gleich, ob er für Hitler oder für Stalin kämpfte.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.