Start-up-Gründerstorys: "Berlin ist roh und direkt"

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Web-Entwickler aus aller Welt zieht es nach Berlin, um die Hauptstadt ist ein wahrer Start-up-Hype entstanden. Wer sind Protagonisten dieser neuen Szene, wo treffen sie sich, was erleben sie? Und was ist wirklich dran am Gründer-Mythos Berlin?

Startup-City Berlin: iPad-Cafés und "Shared-Working-Spaces" Zur Großansicht
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Startup-City Berlin: iPad-Cafés und "Shared-Working-Spaces"

Berlin - Zwischen Morgen-Macchiato und After Hour in halblegalen Hinterhof-Clubs brodelt es. Berlin ist hip, das ist nichts Neues. Jetzt aber zieht die Hauptstadt mehr und mehr Menschen an, für die eine gepflegte Club- und Kneipenszene, bezahlbare Wohnungen und verrückte Frisuren nur Randaspekte des Berliner Lebens sind. Sie versammeln sich in "Shared-Working-Spaces", an Gründer-Stammtischen und in iPad-Cafés: Viele Dutzend Internet-Start-ups zählt die Stadt Berlin, manche Insider schätzen sogar, es seien über 100. Jedenfalls mehr als in Hamburg, Köln oder München.

SPIEGEL ONLINE will dem Hype um die Gründerstadt Berlin auf den Grund gehen. In einer kleinen Serie werden hier die Geschichten junger Start-ups, die für sie wichtigen Personen und Orte vorgestellt. Denn das ist derzeit vielleicht das Spannendste an Berlin: Dass noch relativ wenige Protagonisten das Bild und Ansehen dieser Stadt beeinflussen - und jeder, der eine gute Idee und Lust auf Berlin hat, an dieser ständig voranschreitenden Entwicklung teilhaben kann.

Vielleicht hat sich das noch nicht so sehr in Deutschland herumgesprochen - der Berlin-Hype findet derzeit vor allem in den Tech-Blogs der Welt und Internetressorts internationaler Medien statt - und wird auch sicherlich von ihnen angefeuert:

  • CNN Money erklärte Anfang August 2011, Berlin sei auf dem besten Weg, "Europas heißestes Start-up-Zentrum" zu werden,
  • Wired UK rief Berlin als "Europas heißeste Start-up-Hauptstadt" aus - noch vor London und Amsterdam,
  • das wichtige Gründer-Blog TechCrunch legt seine Hand für Berlin als zukunftsträchtigstes europäisches Gründer-Biotop ins Feuer, "auch wenn London ein viel weiter entwickeltes, ausgefeiltes Gründer-Ökosystem" habe,
  • The Next Web machte gar einen eigenen, von der kreativen Freiheit und Ungestümheit Berlins geprägten Stil der an der Spree entwickelten iPad-Apps und Web-Dienste aus,
  • das Netzökonom-Blog der "FAZ" holt sich Investoren-Expertise ein, warum und ob Berlin das Silicon Valley Europas werden könnte - und wahrscheinlich wird,
  • mit Silicon Allee (eine Anspielung auf die vielen Alleen in Berlins Start-up-Vierteln) widmen sich ehemalige Unternehmer aus dem Computer-Moloch Silicon Valley den Entwicklungen dieser Stadt - nachdem sie selbst dorthin gezogen sind,
  • und zuletzt werden in den Szene-Foren der Welt längst im Dutzend Abenteuergeschichten und große Pläne ausgetauscht: Warum ich nach Berlin ziehe, um meine tolle Idee zu einer erfolgreichen Internetfirma auszubauen.

Warum aber ausgerechnet Berlin? Gründe gibt es viele: Berlin hat eine florierende kreative Szene, auch weit ab von den Themen Internet und Computer; Berlin bietet eine hohe Lebensqualität bei niedrigen Lebenshaltungskosten; Berlin ist verkehrstechnisch hervorragend an andere deutsche und internationale Städte angebunden; in Berlin sammeln sich nicht nur die Gründer, sondern auch ihre Kunden: der Berlin-Hype wird vom Berlin-Hype angefeuert - hier trifft sich die kreative Elite, eben weil man hier auf viele Gleichgesinnte stößt und sich viele, für Neuankömmlinge offene Eine-Hand-wäscht-die-andere-Netze gebildet haben und weiter wachsen.

Trotzdem muss man sich fragen: Ist der Aufschwung Berlins als Gründer-Metropole nur ein Trend oder ein Hype? SPIEGEL ONLINE hat sich bei den Start-up-Blogs umgehört:

  • Für Martin Weigert vom Szene-Blog Netzwertig.com spricht vieles für eine dauerhafte Entwicklung - auch wenn die deutsche Bürokratie und die mangelnden Englisch-Kenntnisse bei den Behörden noch ein Hindernis für viele Gründer sein könnten. In Schweden etwa ginge das Gründen ganz einfach über eine Online-Anmeldung und innerhalb weniger Tage.
  • Alexander Hüsing von Deutsche-Start-ups.de "fehlt es noch an internationalen Start-ups wie Wooga, Amen oder Soundcloud, damit Berlin dauerhaft als wichtiger Standort wahrgenommen wird." Den Hype um Berlin findet er aber gerechtfertigt: "Vor einem Jahr haben Menschen aus London auf Berlin herabgeschaut. Inzwischen wollen viele selbst nach Berlin."
  • Für Schuyler Deerman von Siliconallee.com ist Berlin ein toller Ort für Start-ups: "Berlin hat keine Zukunft, Berlin hat eine Gegenwart." Deerman beschreibt Berlin als "roh und direkt", wegen ihrer "tiefgreifenden kulturellen Wurzeln" könne es Berlin mit jeder anderen Weltstadt aufnehmen - "Und nimm noch all die jungen, frischen Immigranten dazu und du hast ein Rezept um großartige Dinge zu unternehmen." Mit zwei wichtigen Einschränkungen: das komplizierte Steuersystem und der Mangel an Investorengeldern - "aber das sind Hindernisse, keine Barrieren."

Weigert, Hüsing und Deerman sind sich einig: Berlin bleibt attraktiv für Neuzugänge. Dadurch, dass die Mieten so niedrig, dass Wohn- und Arbeitsraum so vielfältig und verfügbar sind und die Stadt noch immer keine eingefahrenen, rigiden Strukturen hat, haben es Neuankömmlinge besonders einfach, ihren Platz zu finden und sich auf das zu konzentrieren, was sie am besten können: Kreativ sein und Kontakte knüpfen. Andersherum können Start-ups aus einer großen Zahl fähiger potentieller Mitarbeiter schöpfen, die bereit sind, für weit geringere Löhne als etwa in London, zu arbeiten - und ihr eigenes Sozialkapital, ihr Netzwerk einzubringen.

Kurzum: Berlin macht es Start-ups, Kreativen und Entwicklern besonders leicht. Nicht in London, nicht in Amsterdam, nicht in Kopenhagen kann man so einfach für ein paar Monate, für ein paar Jahre etwas aufbauen - und sei es nur ein spannendes Leben zwischen Morgen-Macchiato und After-Hour-Party in einem Berliner Hinterhof.

In den kommenden Tagen und Wochen lesen Sie hier bei SPIEGEL ONLINE, wer die neuen Gründer sind, was sie antreibt - und natürlich, mit welchen Ideen sie die Welt verändern wollen.

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insgesamt 86 Beiträge
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1. na dann...
Chris110 01.11.2011
vielleicht steht Berlin dann irgendwann einmal auf der Geber-Seite, statt immer nur auf der Nehmer-Seite. Kann aber noch einige Zeit und viele Neugründungen lang dauern.
2. Einmal mehr überbewertet !
hasimen 01.11.2011
Und es bleibt dabei, nur "ein spannendes Leben zwischen Morgen-Macchiato und After-Hour-Party in einem Berliner Hinterhof." Realistische ergebnisorientierte Arbeit braucht man im 3.ten Jahrtausen nicht mit solchen Standortargumenten vor Ort ausführen. Aus zahlreichen bekannten Gründen werden die Schlüsselbranchen sich nicht in Berlin prostituieren - nur wegen des tollen Nachtlebens. Ich kann nun wirklich nicht nachvollziehen wer da in welcher Ebene recherchiert hat; oder war es doch wieder nur ein Thekendeal ... nichts aber auch garnichts macht Berlin technologisch zum IT-Mittelpunkt der Republik. Garnichts ! Die sg. StartUps verbrennen nur die Steuergelder derer die schon Schritte weiter sind. Also - reduziert den Artikel auf das realistische Mittelmass dem der Inhalt nahekommt.
3. Eine-Hand-wäscht-die-andere-Netze
Mehrleser 01.11.2011
Und mal wieder berichtet jemand aus dem Berliner IMM-Prekariat, wahrscheinlich als irgendein "Freier" selbst Teil dieser Szene, also die übliche Selbstreferenz aus dem iBiotop der alimentierten Bundeshauptstadt.
4. Möchtegern-Metropole Berlin
Jo B. 01.11.2011
Seit über 20 Jahren wird den Leuten in schöner Regelmäßigkeit erzählt, Berlin stünde kurz vor dem Durchbruch. Bis jetzt ist jedoch nichts dergleichen passiert, Berlin ist nach wie vor der Hungerleider unter den deutschen Großstädten, der anderen auf der Tasche liegt und von heute auf morgen bankrott wäre, drehten die anderen den Geldhahn zu. Auch der Autor dieses Artikels sollte wissen, dass Geld nicht herbeigeschrieben werden kann, sondern, dass es einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung bedarf, von der in Berlin immer noch nichts zu sehen ist. Wenn Sie hier schon die Medienstadt und TV-Hauptstadt Köln am Anfang ansprechen: sie ist ein schönes Beispiel für eine erfolgreiche Medienpolitik, oder anders: Während in Köln Geld mit den Medien verdient wird, wird in Berlin nur geschwätzt.
5. Berlin, Berlin ...
Kalle Bond 01.11.2011
Bekannt ist, das Berliner ein gesundes Selbstbewusstsein haben! So weit, so gut. Mir ist beim Studium der Arbeitslosenzahlen der letzten Jahre aufgefallen, dass Berlin mit an der Spitze steht. Wird jetzt wirklich mal Zeit für den beschworenen Aufbruch.
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