Start-up in Berlin: Hauptstadt des Wagniskapitals

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Berlin ist einer der heißesten Tech-Standorte der Welt. Das finden nicht nur Entwickler und Start-up-Gründer, sondern auch Wagniskapitalgeber: Sie pumpen von überall her Geld in die deutsche Hauptstadt.

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Berlin: "Seit 2009 ist es wirklich verrückt"

Berlin - Das Büro im zweiten Stock eines Vorkriegsgebäudes in der Berliner Torstraße ist offen und einladend, wenn auch ein bisschen laut. In einer Ecke steht eine Zuschauertribüne mit Blick auf eine große freie Fläche, so dass der Raum wirkt wie ein kleines Nachbarschaftstheater.

Weit gefehlt. Das Büro, das gerade vom Röhren eines Industriesaugers widerhallt, mit dem ein Bauarbeiter die letzten Spuren der Renovierung beseitigt, ist das Berliner Hauptquartier des Wagniskapitalgebers Earlybird Capital. Und noch bevor die Räume richtig bezugsfertig sind, sind sie auch schon zu klein. Das Unternehmen, das in Tech-Start-ups in Deutschland und anderswo investiert, wollte im März eigentlich nur ein Büro in Berlin gründen - um dann schon im Herbst zu entscheiden, dass fast die ganze Firma hierher umzieht.

Damit steht es nicht allein. Zwar ist es kein Geheimnis, dass die Berliner Tech-Szene derzeit zu den heißesten auf dem Planeten zählt, doch die Stadt hat gerade erst begonnen, die Finanzierungsszene zu entwickeln, die nötig ist, um auf Jahre hinaus eine erfolgreiche Basis für Start-ups zu sein. Die Investoren kommen von überall her: Von Kalifornien aus fließt ebenso Geld nach Berlin wie aus New York. Atomico, der in London ansässige Fonds von Skype-Mitgründer Niklas Zennström, hat erst Mitte November eine Investition in Höhe von 3,1 Millionen Euro in das Berliner Start-up 6Wunderkinder verkündet.

"Seit 2009 ist es wirklich verrückt", sagt Roger Bendisch, Chef der IBB Beteiligungesellschaft, einem mit staatlicher Unterstützung agierendem Kapitalgeber der Berliner Tech-Szene. "Die Dinge sind in Bewegung und wir arbeiten mit immer mehr internationalen Investoren zusammen. Jeder will hier sein und investieren."

"Eine andere Art von Schläue"

Die Statistik gibt ihm recht. Die Zahl der Investoren, die in Berlin aktiv sind, ist in den vergangenen zwei Jahren ständig gewachsen, die Gesamtsumme des verfügbaren Kapitals in die Höhe geschossen. Während Wagniskapital- oder Venture-Capital-Fonds 2009 48 Millionen Euro in Berliner Hightech-Firmen investierten, waren es allein in den ersten drei Quartalen des Jahres 2011 136 Millionen, die unter insgesamt 81 Unternehmen verteilt wurden, wie Statistiken des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften zeigen. Die meisten der Firmen, die Geld bekamen, waren Internet-Start-ups.

Zudem versammelt sich in der Stadt eine wachsende Zahl sogenannter Angel Investors - nicht-institutionelle Kapitalgeber - die oft selbst aus der Tech-Szene stammen.

"Ich finde das Auftauchen von Angel Investors wirklich ermutigend", sagt Ciarán O'Leary von Earlybird. "Es ist ein sehr gutes Zeichen, dass man hier erfolgreiche Unternehmer findet, die selbst anfangen, andere zu unterstützen, die gute Ideen haben. Venture Kapital muss schlaues Geld sein, aber das Geld der Angels hat eine andere Art von Schläue."

Solche Begeisterung lässt manchen natürlich schaudern. Immerhin war das Silicon Valley nicht das einzige Opfer, als im Jahr 2000 die Dotcom-Blase platzte. In den Jahren vor dem Kollaps hatte Berlin im Tech-Sektor ein ordentliches Wachstum erlebt und war voller Wagniskapital. "Dann kam der Crash und der Absturz war gnadenlos", sagt Bendisch. Von den 30 aktiven Wagniskapitalfonds Anfang 2000 waren nach dem Dotcom-Crash nur noch fünf übrig.

Im Moment jedenfalls sind die Investoren überzeugt, dass eine Wiederholung nicht auf dem Programm steht. Europäische Start-ups, sagen die Investoren, sind derzeit einfach günstiger zu haben als ihre Widerparte in den USA und Großbritannien. Glaubt man Matthias Ummenhofer vom European Investment Fund (EIF), einer Gruppe, die mit EU-Geldern die Wagniskapitalaktivität in Europa stimulieren soll, liegen die Bewertungen für Unternehmen in Europa 50 Prozent unter Bewertungen für Unternehmen in den USA. "Die Preise in Berlin sind lächerlich niedrig", sagt er.

Im Crash verbrannt

Maximilian Claussen, Earlybird-Teilhaber, teilt diese Ansicht. "Was man hier gerade sieht, ist mit Sicherheit keine Blase", sagt er und verweist auf die Möglichkeiten, hier mit einem "Exit", also mit dem Rückzug des eingesetzten Kapitals samt erzieltem Wertzuwachs, richtig Geld zu verdienen. "In Europa ergibt ein Exit mit 200 bis 400 Millionen Euro eine fantastische Rendite. Mit den Preisen, die in den USA zurzeit gelten, braucht man Exits im Umfang mehrerer Milliarden."

Doch der Zusammenbruch des Jahres 2000 spielt noch immer eine überdimensionale Rolle in der Finanzierungsszene Berlins. Viele Fonds, die sich nun auf die deutsche Hauptstadt konzentrieren, stammen aus dem Ausland. Sogar die wachsende Zahl aus Deutschland stammender Fonds bekommt viel Geld von auswärts. Deutsche Investoren, die vor einem Jahrzehnt bluten mussten, spielen nur eine kleine Rolle.

Die Gründe für das Zögern der Deutschen sind nicht schwer zu finden, sagen Fondsmanager. In der Tech-Welt ist Deutschland den USA lange Zeit hinterhergehinkt. Der Goldrausch der späten Neunziger war die erste Erfahrung, die viele deutsche Investoren in diesem Bereich machten. Just in dem Moment, als sie begonnen hatten, zu investieren und sich auf den Geldregen zu freuen, platzte die Blase.

"Die Wagniskapitalbranche hier war eine Totgeburt"

"Die Investoren hier haben eine sehr schlechte erste Erfahrung mit dem Geschäft gemacht. Die Wagniskapitalbranche hier war so etwas wie eine Totgeburt", sagt O'Leary von Earlybird, der aus Deutschland stammt, auch wenn sein Name das nicht vermuten lässt. "Die Fonds, die überlebt haben, sind jetzt noch von der Dotcom-Blase angeschlagen."

Zahlen, die der European Investment Fund (EIF) gesammelt hat, scheinen diese Einschätzung zu untermauern. Einer EIF-Studie vom September zufolge machte Wagniskapital weniger als 0,04 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. In den USA lag der Wert im gleichen Jahr bei 0,13 Prozent des BIP, mehr als dreimal so hoch. O'Leary sagt, 80 Prozent der Investitionen in dem 130-Millionen-Fonds, den er und seine Kollegen derzeit verwalten, komme von außerhalb Deutschlands.

Europa investiert viel weniger als die USA

Die Besorgnis mit Blick auf Start-up-Finanzierung ist kein rein deutsches Phänomen. Im europäischen Durchschnitt macht Wagniskapital im Verhältnis zum BIP nur etwa die Hälfte des Wertes in den USA aus. Zudem hätten viele der Fonds nicht erfolgreich genug agiert, sagt Ummenhofer.

Warum das so ist, darüber wird kräftig debattiert. Europäer sind in der Regel konservativer als Amerikaner, wenn es um potentiell riskante Investitionen geht, sagt man. Aber das hängt auch mit der Tatsache zusammen, dass die europäische Tech-Szene noch immer im Reifungsprozess begriffen ist. In den USA sind dem EIF-Papier zufolge viele Fondsmanager selbst erfolgreiche Tech-Unternehmer, die eigene Wagniskapitalunternehmen gegründet haben, während in Europa Fondsmanager typischerweise aus der Finanzbranche kommen.

"In Europa haben die Leute keine längerfristige Erfahrung mit dieser Art von Investment", sagt Ummenhofer.

Das allerdings muss nicht so bleiben. Obwohl viele in der Branche immer noch der Meinung sind, europäisches Wagniskapital hinke US-amerikanischem weit hinterher, könnte sich das bald ändern.

"Ich glaube, dass man in den kommenden zwei, drei Jahren eine ganze Reihe großer Exits sehen wird", sagt O'Leary. "Die Manager deutscher Pensionsfonds werden verstehen, dass Aktien keine sichere Anlage sind und Staatsanleihen auch nicht - aber dass Wagniskapital eine große Chance bietet. Ich glaube, wir werden eine Wahrnehmungsveränderung erleben."

Zudem könnte die Geldmenge, die von ausländischen Fonds und Investoren nach Deutschland gepumpt wird, das deutsche Zögern und Europas wechselhafte Erfolgsgeschichte schlicht irrelevant machen. "Solange Berlin starke Möglichkeiten bieten kann, werden die Leute bereit sein, herzufliegen und Deals zu machen", sagt Jimmy Fussing Nielsen von der Kopenhagener Firma Sunstone Capital. "Ich glaube nicht, dass man notwendigerweise in Berlin zu Hause sein muss."

Übersetzung: Christian Stöcker

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1. In ein Paar Jahren
kupidon 11.12.2011
könne sich viele Berliner eine neue Wohnung am Stadtrand suchen, wenn die Mieten wieterhin in dem Tempo wachsen. Ansonsten, schön für die jungen Menschen, die neue Ideen verwirklichen.
2.
notty 11.12.2011
Zitat von kupidonkönne sich viele Berliner eine neue Wohnung am Stadtrand suchen, wenn die Mieten wieterhin in dem Tempo wachsen. Ansonsten, schön für die jungen Menschen, die neue Ideen verwirklichen.
Hoffentlich erfinden die nicht sowas wie den Transrapid, MP3 etc. Deutschland mag im Erfinden nicht schlecht sein, vom Vermarkten haben sie nicht soviel Ahnung... Mich wundert, dass die Investoren ausgerechnet nach Deutschland kommen, in ein Land, das zumindest latent technikfeindlich ist.... Massnahmen in Bezug auf Atomkraft, Durchleitung von erneuerbaren Energieen, S21....etc. und die Phalanx der fast berufsmaessigen Bedenkentraeger, sind wohl kein optimales Umfeld.
3.
Blakov 11.12.2011
---Zitat--- Ich glaube, dass man in den kommenden zwei, drei Jahren eine ganze Reihe großer Exits sehen wird ---Zitatende--- Ich glaube eher, dass man in den kommenden zwei, drei Jahren eine ganze Reihe großer "Exitusse" sehen wird... Ich bitte Euch, 3 Millionen für eine firma, die eine todo-listenfirma ausgibt. Ölmp.
4. Ist es wo anders besser
Wolf96 11.12.2011
Zitat von nottyHoffentlich erfinden die nicht sowas wie den Transrapid, MP3 etc. Deutschland mag im Erfinden nicht schlecht sein, vom Vermarkten haben sie nicht soviel Ahnung... Mich wundert, dass die Investoren ausgerechnet nach Deutschland kommen, in ein Land, das zumindest latent technikfeindlich ist.... Massnahmen in Bezug auf Atomkraft, Durchleitung von erneuerbaren Energieen, S21....etc. und die Phalanx der fast berufsmaessigen Bedenkentraeger, sind wohl kein optimales Umfeld.
Glauben Sie das es wo anders besser ist. Ich leben in Malaysia und ich kann ihnen sagen das die Leute hier noch noch einmal irgend ein Interesse haben. Wir suchen Leute die sich für die Arbeit begeistern können finden aber nichts und Technik offen sind die auch nicht wenn es um doie Entwicklung geht. Einen MP3 Player, Apple IPhone, IPad schleppt hier jeder rum. Ich denke man soll nicht alles so schlecht machen was in Deutschland passiert.
5. Frag doch mal wo das Geld herkommt!
wabux 11.12.2011
Zitat von nottyMich wundert, dass die Investoren ausgerechnet nach Deutschland kommen,
Frag doch mal wo das Geld herkommt! Könnte sein, das die Gelder eben nicht von privaten Anleger kommen, sondern vom Staat. Könnte auch sein das es die Massen von Fördergeldern sind, die unser konservativer Staat den Unternehmen schenkt.
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