Start-up offline: Verlage kippen commentarist.de aus dem Netz

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Kaum da, schon wieder weg: Das Start-up commentarist.de hat Links zu den Meinungsartikeln von Journalisten gesammelt und thematisch sortiert. Nachdem zwei Verlage ihre Anwälte in Stellung gebracht haben, ist die Seite erstmal offline.

commentarist.de: Im Januar gestartet, im Februar Zwangspause Zur Großansicht

commentarist.de: Im Januar gestartet, im Februar Zwangspause

Die im Januar gestartete Website commentarist.de hat am Freitag den Betrieb vorerst eingestellt. Grund sei die Androhung "massiver rechtlicher Schritte" durch zwei Verlage. Die Seite sammelt die Meinungsartikel von Journalisten großer Nachrichtenseiten, darunter auch von SPIEGEL ONLINE, und sortiert diese nach Themen. Mehr als tausend Journalisten von 16 Nachrichtenseiten waren aufgeführt.

Auf commentarist.de konnten die Überschriften und kurze Anrisse der Kommentare abgerufen werden. Zusätzlich stand eine Funktion zur Verfügung, mit der Nutzer sich die Links auf die neuesten Kommentare von bestimmten Journalisten schicken lassen konnten. Diese führten auf die Originalquelle, nicht auf die Seiten von commentarist.de.

Nun aber wehren sich zwei der Verlage gegen das Angebot: Sie sehen das Urheberrecht schon durch die Übernahme kurzer Textpassagen "massiv verletzt". Der Vorwurf: Ihre Inhalte würden ohne Bezahlung genutzt werden. Deshalb drohen sie den Betreibern mit rechtlichen Schritten. Die beschlossen daraufhin, die Seite vorerst vom Netz zu nehmen.

"Wir liefern einen Mehrwert - und wir führen den Verlagen schließlich Besucher zu", sagt Eric Hauch, einer der beiden Gründer des Angebots. "Aus unserer Besucherstatistik wissen wir: Nahezu jeden Leser, den wir haben, reichen wir an eine unserer Quellen weiter."

Das Angebot sei bis zum Freitag durchweg positiv aufgenommen worden. "Wir wurden von großen, überregionalen Zeitungen gefragt, warum sie denn mit ihren Kommentaren noch nicht bei uns aufgeführt werden", sagt Hauch. "Außerdem haben wir E-Mails von Autoren bekommen mit Hinweisen, wo sie denn noch Kommentare veröffentlicht haben."

"Google macht doch nichts anderes"

Wie es nun weitergeht, steht noch nicht fest. Zwar habe ein Anwalt den Machern der Seite durchaus Hoffnung auf Erfolg in einem Rechtsstreit gemacht. Doch ein womöglich langes, kostenintensives Verfahren kann sich die junge Firma mit ihren drei Mitarbeitern in Bukarest und Hamburg nach eigenen Angaben nicht leisten.

Die "Süddeutsche Zeitung" und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", deren Kommentare ebenfalls von commentarist.de gelistet wurden, haben in der Vergangenheit keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen Aggregatoren gemacht. Sie fechten seit 2006 vor Gericht gegen das Online-Angebot Perlentaucher, das Feuilleton-Texte von Zeitungen zusammenfasst und kommentiert. Der Fall beschäftigt höchste Instanzen: Im Dezember verwies der Bundesgerichtshof den Fall wegen Verfahrensfehlern zurück an die Vorinstanz.

Aus der Rechtsabteilung der "Süddeutschen Zeitung" hieß es am Freitag, man gehe derzeit gegen mehrere Internetangebote wegen der Übernahme von Inhalten vor, wolle aber zu konkreten Fällen keine Auskunft geben.

Bei commentarist.de liegt allerdings noch etwas anders als beim Perlentaucher: Die Seite fasst Kommentare nicht zusammen, sie sammelt bloß den Vorspann und Links auf die Originalquelle ein - nicht mehr, als auch Suchmaschinen speichern. "Google macht doch nichts anderes", sagt Eric Hauch.

Der Internetkonzern bietet mit seinem Dienst Google News sogar einen ähnlichen Zugang zu den Artikeln der Verlage. Dort werden nicht nur Meinungsartikel aufgeführt - sondern gleich alle Inhalte. Jedenfalls als Anriss.

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insgesamt 46 Beiträge
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    Seite 1    
1. Völlig korrekt!
Europa! 04.02.2011
Wenn die Verlage ihre Angebote kostenlos ins Netz stellen, ist das ihre Entscheidung. Aber das Herum-Schmarotzen aller möglicher Anbieter ist nicht akzeptabel. Journalisten sollen und müssen bezahlt werden.
2. Tja...
Dumme Fragen 04.02.2011
Von der Seite hatte ich noch nichts gehört, und jetzt ist sie weg. Dabei ist es grade für Zeitungen wie FAZ und Süddeutsche doch garnicht schlecht, wenn ich auch mal bei ihnen lande. Ich bin so schon zeitlich ziemlich überfordert, wenn ich neben SPON auch noch HA, Mopo und Zeit lese, ab und an lande ich dann durch Links noch beim Tagesspiegel. Und die Taz suche ich auf, wenn es brisante politische Themen gibt, wo ich die ganze Bandbreite der Diskussionen haben möchte. Ich bin halt auf Tageszeitungen mit Hamburg-Teil angewiesen. (Seitdem die Welt online keinen mehr explizit hat, lese ich sie z.B. auch nicht mehr.) Ich kann ja verstehen, dass Verlage Geld verdienen möchten. Sie müssen das sogar, sonst können sie keine guten Journalisten bezahlen, und die sind immerhin das A und O! Aber wenn die im Artikel genannte Seite nicht mehr anbietet als Google News, die Infos nur anders präsentiert, dann ist das ganze schon ein wenig seltsam!
3. Sort it out
publicminx 04.02.2011
Da gibts nur eine Loesung. Sie sollten die Verlage, die sich beschweren, aussortieren und damit entwerten.
4. -/-
Kaworu 04.02.2011
Die abmahnenden Parteien in diesem Streitfall haben das Internet ... [ ] verstanden [X] nicht verstanden
5. .
simie 04.02.2011
Zitat von Europa!Wenn die Verlage ihre Angebote kostenlos ins Netz stellen, ist das ihre Entscheidung. Aber das Herum-Schmarotzen aller möglicher Anbieter ist nicht akzeptabel. Journalisten sollen und müssen bezahlt werden.
Haben Sie überhaupt verstanden, woraus das Konzept von commentarist.de bestand? Wenn man Ihren Kommentar durchliest: Wahrscheinlich nicht. Commentarist.de hat nur eine Übersicht der Kommentare bereitgestellt und diese verlinkt. Nichts anderes was Google etc. seit langem machen. Oder auch bei Spiegel-Online zu finden ist - zum Beispiel die Rubrik "Heute in den Feuilletons". Ob die SZ demnächst auch den Spiegel Verlag abmahnt?
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