Start-up-Story: Wahwah.fm macht Smartphones zur Radiostation

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Ein kleines Start-up in Berlin-Neukölln verbindet die Möglichkeiten des Radios mit denen des Internets. Bei Wahwah.fm bestimmen nicht Algorithmen, sondern Menschen, welche Musik wir hören: Der Dienst macht die Hörer selbst zur Radiostation.

Start-up-Storys: Wahwah macht Smartphones zu Radiostationen Fotos

"Der erste Walkman hatte zwei Kopfhörer-Ausgänge. Niemand hatte bei Sony gedacht, dass jemand alleine Musik hören möchte." Philipp Eibach sitzt im Hinterzimmer eines ehemaligen Neuköllner Ladenlokals, das er zum charmant schlichten Start-up-Hauptquartier umgebaut hat, und spricht über die Zukunft des Radios.

Eibach, dreißig Jahre alt, den Kopf kahlgeschoren, will mit seinem Musikdienst Wahwah.fm die Möglichkeiten des Radios mit denen des Internets kombinieren. Die Walkman-Anekdote gilt ihm als Inspiration: Mit Wahwah.fm hört man Musik gemeinsam, nicht einsam.

Die Wahwah.fm-Idee: Von Mensch zu Mensch statt kalter Algorithmen

"Im Grunde kann man mit Wahwah.fm unterwegs zusammen Musik hören", erklärt Eibach. "Ich spiele meine Musik, und meine Freunde oder auch Fremde können live mithören. Egal, wo sie gerade sind." Das ist das Twitter-Prinzip für Musik.

"Die Qualität, die früher ein DJ ausgestrahlt hat, kann kein Algorithmus leisten", sagt Eibach. "Ein DJ kann überraschen, das hat Radio früher menschlich und frisch gemacht." Im Radio wurden Songs nicht nur aneinandergereiht, sondern mit ihnen wurden auch Geschichten erzählt. So will es Eibach auch beim Internetradio wieder haben.

Die Technik dahinter ist einfach: Die Wahwah.fm-App scannt das lokale Musikarchiv, aus dem das Mitglied Playlists zusammenstellen kann. Andere Wahwah.fm-Mitglieder können diese Playlist abonnieren; die jeweiligen Songs werden nach und nach von kommerziellen Musik-Servern an die Wahwah.fm-Kunden gestreamt. Dass diese Server einmal ein Stück nicht kennen, ist unwahrscheinlich. Durch Verträge mit mehreren Anbietern hat Wahwah.fm Zugriff auf ein Repertoire von circa 12 Millionen Titeln.

Wenn Wahwah.fm im Januar die Testphase hinter sich lässt und die kostenlose App veröffentlicht, wird der Dienst zunächst nur grundlegende Funktionen beherrschen: Auf einer Landkarte sehen die Mitglieder, wer in ihrer Nähe gerade eine Wahwah.fm-Station betreibt; schalten sie sich in so eine Station ein, können sie die gerade gespielten Songs kommentieren und mit dem Sender und anderen Empfängern direkt in Kontakt treten.

Demnächst soll Wahwah.fm nicht nur Smartphones, sondern auch Orte zu einer Radiostation machen. Philipp Eibach verspricht sich davon viele neue Möglichkeiten des Radiohörens, die erst noch von den Mitgliedern erforscht werden müssen.

"Vielleicht", schwärmt der sonst eher ruhige Firmengründer, "richtet jemand ja auf der Zugspitze einen Sender ein - der dann so lange von dort oben sendet, bis ein anderes Wahwah.fm-Mitglied den Platz für sich beansprucht."

Musikverlage sollen um ihre Zentralen, Bands bei ihren Konzerten eine virtuelle Zone errichten, in der Fans unveröffentlichtes Material hören können. Kneipen könnten einen Lokalsender einrichten. Eibach: "So könnte man dann ein Café entdecken, das gute Musik spielt."

Nach der App-Veröffentlichung im Januar soll Wahwah.fm vor allem schnell noch persönlicher werden, zum Beispiel mit Ansagetexten. "Wir wollen das herkömmliche Prinzip von Radio aufbrechen und mobil machen", erklärt Eibach. (So einen ähnlichen Ansatz probierte vor Jahren schon das Hamburger Start-up 1000 Mikes.)

Die Menschen hinter Wahwah.fm: vom Designer zum Radiomenschen

Philipp Eibach könnte ewig von seinem noch ganz jungen Unternehmen schwärmen - aber er spart mit großen Entwürfen und Start-up-Floskeln. Eibach, "von Haus aus Designer", spricht ruhig und überlegt, hält sich auch mit Selbstkritik nicht zurück. "Ob wir Probleme hatten? Oh, ja!"

Die technische Entwicklung war ein Problem für sich, Eibach und sein Team mussten nach der heißen Startphase einsehen, dass ihr ursprünglicher Ansatz nicht funktionierte. "Wegschmeißen und von vorne anfangen!" Regelmäßig hatte Eibach Momente des Zweifels. "Das war eine Achterbahnfahrt, es gab kein Normal-Null."

Der Weg von der Idee zum Produkt war so steinig wie der Eibachs vom Designer zum Unternehmensführer: "Schwer zu sagen, ob ich das auf mich genommen hätte, hätte ich vorher gewusst, was auf mich zukommen würde."

Die größte Prüfung für die Idee aber war die Langsamkeit der Branche, die trotz Wohlwollen gegenüber dem Projekt nicht schnell genug auf so ein neues Modell reagieren kann. Die "Skepsis und Sorgen der deutschen Verwertungsgesellschaften" bremsten die Entwicklung anfänglich zusätzlich aus.

"Zum Glück sind wir früh auf die zugegangen und haben gesagt: Helft uns, wir wollen nichts Illegales tun." Weil es bei Wahwah.fm kein Vor- und Zurückspulen, kein Überspringen oder Wiederholen gibt, fiel den Verwertungsgesellschaften die Einordnung leicht: "Für die ist Wahwah.fm wie viele kleine Radios."

Nicht revolutionieren, sondern machen

Die größten Probleme hat Wahwah.fm hinter sich. Jetzt fehlt es nur noch an Mitgliedern, die fleißig Radiostation spielen. "Ab wie vielen Mitgliedern Wahwah.fm richtig sinnvoll ist, kann ich schwer abschätzen." Wahwah.fm ist ein Live-Programm - und braucht dazu viele Nutzer, die über den Tag verteilt ihre Musik senden.

Kein Wort von großer digitaler Revolution, wie man das sonst bei Start-ups oft hört. Ein Ladenlokal statt Loft, Neukölln statt Mitte - dass der gebürtige Rheinland-Pfälzer ausgerechnet den angeblichen Problemkiez im Süden Berlins als Heimstatt wählte, ist kein Zufall. "Ich mag den Bezug zur Straße", erklärt Eibach die Vorteile des Erdgeschossbüros. "Neukölln ist enorm spannend, ein Bezirk im Umbruch."

Der ideale Ort also, um Musik aus dem Internet wieder um den Faktor Mensch zu bereichern.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Internet? Nein. iPhone!
Schraube 25.12.2011
Zitat von sysopEin kleines Start-up in Berlin Neukölln will die Möglichkeiten des Radios mit denen des Internets verschmelzen. Bei Wahwah.fm sollen nicht Algorithmen, sondern Menschen bestimmen, welche Musik wir hören: Der Dienst macht Musikhörer zur Radiostation. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,801993,00.html
Da sollen nicht Radios mit dem Internet verschmelzen, sonder mit dem iPhone. Nicht mal einen Nur-Hör-Client gibt es als normale HTML-Version. Naja, dem Unternehmen wünsche ich trotzdem gutes Gelingen. Es sind ja schon andere mit Programmen für's iPhone Millionär geworden.
2. Chance
Lassehoffe 25.12.2011
Zitat von SchraubeDa sollen nicht Radios mit dem Internet verschmelzen, sonder mit dem iPhone. Nicht mal einen Nur-Hör-Client gibt es als normale HTML-Version. Naja, dem Unternehmen wünsche ich trotzdem gutes Gelingen. Es sind ja schon andere mit Programmen für's iPhone Millionär geworden.
Ja und? Finde ich gut, wenn jemand mit seiner Arbeit Geld verdienen kann. Apple bietet hier eine unvergleichbare Chance für geschäftstüchtige Programmierer.
3.
wooz 26.12.2011
Zitat von LassehoffeJa und? Finde ich gut, wenn jemand mit seiner Arbeit Geld verdienen kann. Apple bietet hier eine unvergleichbare Chance für geschäftstüchtige Programmierer.
Nein, nein, das darf nicht sein!! Da packt mich sonst gleich der Neid. Schizophrenerweise, obwohl ich es eigentlich eh besser könnte als diese Apple-Fanboys. /ironie
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