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Start-up-Storys: Readmill vernetzt Bücherleser

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Lesen ist kultivierte Einsamkeit - aber nicht, wenn es nach den beiden Schweden David Kjelkerud und Henrik Berggren geht: Ihre Readmill-Software soll Bücherwürmer miteinander vernetzen und das Bücherlesen sozial machen.

Caterina Fake

Berlin - Über dem Billardtisch in Wohnzimmer Nummer 1 liegt eine Holzplatte, in Wohnzimmer Nummer 2 stapeln sich Kisten, und wie die Kaffeemaschine in der Küche zum Hinterhof funktioniert, hat David Kjelkerud auch noch nicht herausfinden können. Ist ja auch gar keine Zeit dafür: Kjelkerud ist im Start-up-Fieber. Zusammen mit seinem Kompagnon Henrik Berggren zog er vor knapp zwei Monaten von Stockholm nach Berlin, um von hier aus das Bücherlesen ins Netzzeitalter zu katapultieren.

Kjelkerud und Berggren setzen die letzten Stücke von Readmill zusammen, einem intelligenten Lesezeichen für digitale Bücher. In ihrer Bürogemeinschaft in Berlin Mitte - zusammen mit dem Start-up Amen in einer ehemaligen Nobelabsteige eines reichen Verlegers - herrscht Entwicklungsfieber, unterbrochen von Tech-Konferenzen, Geldgeberpräsentationen und der Suche nach neuen Kooperationspartnern aus der E-Buch-Industrie. Die Veröffentlichung steht bald bevor. Dann soll sich zeigen, ob Readmill den E-Buch-Markt ein wenig umkrempeln kann.

Oder ob das doch jemand anderes tut, etwa die Social-Reading-Plattform LovelyBooks, die auch das Lesen ins Netz hieven und die Leser zueinander bringen will. Readmill aber will noch weiter gehen.

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Lesezirkel 2.0: Readmill vernetzt Bücherleser
Henrik Berggren und David Kjelkerud sind beide Leseratten und haben doch ein gespaltenes Verhältnis zum geschrieben Wort. Kjelkerud empfindet Bücher "als irgendwie kalt und unsozial." Wer liest, liest alleine; wer mit anderen über ein Buch sprechen will, muss zuerst das Buch zuschlagen. Und für Berggren hat sich daran selbst durch digitale Bücher und ans Internet angeschlossene Lesegeräte kaum etwas geändert: "Es gibt viele E-Buch-Dienste, aber keiner davon ist wirklich sozial." Was fehlt, sind gute Ideen, wie Bücher und Leser miteinander vernetzt werden können.

Mit Readmill wollen sie genau so eine Idee gefunden haben. Ihr Internetdienst ist ein intelligentes Lesezeichen für E-Buch-Lesegeräte. Es schaut dem Leser bei der Lektüre über die Schultern, protokolliert den Lesefortschritt und zeigt Hervorhebungen und Anmerkungen anderer Leser zu einem jeweiligen Textabschnitt an. Readmill-Mitglieder führen dazu ein quasi-öffentliches Literaturverzeichnis ihrer Bücher, weisen ihre Freunde auf interessante Passagen hin und diskutieren mit ihnen Sinn und Unsinn der Texte.

Last.fm für Bücher

Musikfans kennen das Prinzip von Last.fm, das Hörgewohnheiten analysiert, daraus Hör- und Konzertempfehlungen entwickelt und Musikfans gleichen Geschmacks zusammenbringt.

Und wie Last.fm ist Readmill auch eher eine Software, die dreigleisig fährt: einmal als Hintergrund-Prozess in Lese-Apps, einmal als Web-Dienst mit Aufbereitung der Lesegewohnheiten, einmal als Lese-App fürs iPad selbst, in die Readmill-Mitglieder ihre (nicht kopiergeschützten) E-Bücher importieren können.

Und wie Last.fm wird Readmill erst richtig interessant, wenn möglichst viele andere E-Buch-Leseprogramme und -Geräte den Readmill-Zentralserver mit Leserdaten füttern. Bis zum Jahresende, erklärt Berggren im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, wolle man so viele E-Buch-Leseprogramme unterstützen, dass Readmill theoretisch mit 80 Prozent aller E-Bücher kombiniert werden könnte.

Das ist durchaus möglich: Es gibt derzeit nur wenige E-Buch-Lesegeräte und -Programme. Und Verlage und Lesegerätehersteller dürften sich über Programme wie Readmill freuen, glaubt Kjelkerud: "Letztlich geht es bei Readmill ja darum, Bücher zu entdecken." Von der Buchempfehlung zum Buchkauf aus der Readmill-App ist es kein weiter Weg, Partnerschaften mit Verlagen liegen auf der Hand. Zumal es nicht nur um E-Bücher geht.

Um auch Papierbücher mit Hilfe von Readmill vernetzen zu können, haben sie die Android-App ReadTracker veröffentlicht, mit der man seinen Lesefortschritt Papierseite für Seite protokollieren kann.

Die Leute hinter Readmill

Die Verwirklichung ihres Traums vom sozialen Buch begann für Henrik Berggren und David Kjelkerud damit, erst einmal ihr eigenes Leben umzukrempeln. Im März 2011 zogen die beiden Schweden von Stockholm nach Berlin. Das war eine Herausforderung und eine Chance, befreit von sozialen Verpflichtungen sich ganz auf das Projekt konzentrieren zu können: "Ich war es leid, die Kneipeneinladungen meiner Freunde immer ausschlagen zu müssen," erklärt Kjelkerud und Berggren schiebt hinterher: "Mit so einem Umzug machst du dir auch selbst klar, dass das jetzt eine ernste Sache ist, dass wir da jetzt durch müssen."

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1. LirumlarumLöffelstiel
glchao 02.11.2011
Zitat von sysopLesen ist kultivierte Einsamkeit - aber nicht, wenn es nach den beiden Schweden David Kjelkerud und Henrik Berggren geht: Ihre Readmill-Software soll Bücherwürmer miteinander vernetzen und das Bücherlesen sozial machen. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,795282,00.html
Und ich dachte immer, Lesen sei eine Form der Interaktion zwischen Autor und Leser. So kann man sich irren. Als nächstes dann bitte eine App MovieTracker, damit ich immer genau weiß, was ich gerade glotze, und mit vielen anderen vernetzt werde, die das Gleiche glotzen. So was brauche ich unbedingt, ansonsten wüsste ich gar nichts mit Büchern oder Filmen anzufangen und würde die einfach asozial in mich reinziehen. Das ist mir erst jetzt so richtig klargeworden. Und erst die weiteren Möglichkeiten: denkt man das Konzept konsequent weiter, wäre da nicht auch eine App für Toilettenartikel wichtig? Schliesslich, wer wollte dies bestreiten, ist auch der Stuhlgang eine Art kultivierter Einsamkeit. Tauschen wir uns also darüber aus, wer wieviel Papier für welchen Haufen verwendet.
2. ...
Camarillo Brillo, 02.11.2011
Zitat von glchaoUnd ich dachte immer, Lesen sei eine Form der Interaktion zwischen Autor und Leser. So kann man sich irren. Als nächstes dann bitte eine App MovieTracker, damit ich immer genau weiß, was ich gerade glotze, und mit vielen anderen vernetzt werde, die das Gleiche glotzen. So was brauche ich unbedingt, ansonsten wüsste ich gar nichts mit Büchern oder Filmen anzufangen und würde die einfach asozial in mich reinziehen. Das ist mir erst jetzt so richtig klargeworden. Und erst die weiteren Möglichkeiten: denkt man das Konzept konsequent weiter, wäre da nicht auch eine App für Toilettenartikel wichtig? Schliesslich, wer wollte dies bestreiten, ist auch der Stuhlgang eine Art kultivierter Einsamkeit. Tauschen wir uns also darüber aus, wer wieviel Papier für welchen Haufen verwendet.
Danke ... :-) ... !!
3. Man muss nicht immer alles wissen
de_omnibus_dubitandum 02.11.2011
Die Grundidee sich über das Gelesene in Büchern auch außerhalb von Buchclubs zu unterhalten finde ich sehr begrüßenswert, andererseits ist lesen wie bereits schon angesprochen eine private Interaktion zwischen Leser und Autor und gerade diese Interaktion ist eigentlich das spannende am Lesen. Nur zu wissen was der einzelne gelesen hat ist nicht wirklich hilfreich. Welche Meinung er dazu hat und wie das Gelesen subjektiv auf ihn wirkt lässt sich damit nur schwerlich erfassen. Gehirnscanns sind da noch nicht integriert. Schon, dass das der nächste logische Schritt wäre, stimmt mich ziemlich nachdenklich. Meine Befürchtung ist, dass dann eher wieder um Selbstdarstellung als um Erkenntnis oder auch nur die eigene Unterhaltung geht. Vielleicht kann man einen ganz neuen Markt an Lektürehilfe schaffen, hauptsache es sieht keiner, dass man die auch gerade liest.
4. Lesen soll sozial werden...
sappelkopp 02.11.2011
...bin ich als herkömmlicher Leser also asozial? Mittlerweile nennt sich ja alles im Netz "sozial" und scheint damit per se gut zu sein. Was für ein Unfug! Aber mal ernsthaft, mich interessiert eigentlich sehr selten, was jemand zu einem Buch sagt, und das wird sich in Zukunft nicht ändern. Wenn ich sehe, welche Belanglosigkeiten in anderen "sozialen" Netzwerken ausgetauscht werden... Als Leser interessiert mich in erster Linie der Autor und sein Buch, aber nicht was Max Maus zu irgendeinem Kapitel meint.
5. Wenn ich ein "Buch" lese
felisconcolor 02.11.2011
dann mache ich das aus dem Grund mal wieder nur Zeit für mich zu haben. Abschalten, entschleunigen, nennt man sowas. Aber nun ja wers mag solls machen. Ich möcht es nicht.
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