Start von "Metal Gear Solid 3" Bibbern im Dschungel

Die "Metal-Gear-Solid"-Reihe ist eine der erfolgreichsten Videospielserien überhaupt. Dementsprechend wurde für den Europa-Start des dritten Teils mächtig aufgefahren: Designer-Stars, Kampfmaschinen und Gogo-Girls sollten die Fans in Entzücken versetzen. Am Ende aber waren alle in erster Linie mit der Kälte beschäftigt.

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Launch-Party: Frierendes Szenevolk
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Launch-Party: Frierendes Szenevolk

Vor dem Berliner Hotel Adlon stehen Polizisten im Kampfanzug und frieren. Sie halten ebenfalls frierende Fußgänger auf - der russische Verteidigungsminister ist zu Gast und steigt gerade in seinen Wagen. "Ach deshalb stehen da hinten diese alten Chaika-Limousinen", folgert ein Passant - und irrt. Die schweren Sowjet-Wagen aus den Fünfzigern hat der japanische Videospiel-Hersteller Konami angemietet, als VIP-Vehikel. Denn im Hotel Adlon soll ein Produkt vorgestellt werden, von dem man sich in Europa gewaltigen Umsatz erhofft: "Metal Gear Solid 3 - Snake Eater", kurz MGS 3.

"Das Spiel ist in der Zeit des kalten Krieges angesiedelt", wird bei der Pressekonferenz unter Kristalllüstern erklärt. Deshalb also die ehemals geteilte Stadt Berlin, deshalb die russischen Limousinen - und deshalb ein "Launch-Event" in der aufgelassenen amerikanischen Abhörstation auf dem Berliner Teufelsberg. Von dort aus wurde einst mit riesigen Antennen bis zum Ural gehorcht.

Hotel Adlon: Limousinen aus Russland
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Hotel Adlon: Limousinen aus Russland

Bevor aber gefeiert werden soll, wird "Snake Eater" präsentiert, und Star-Spieledesigner Hideo Kojima ist persönlich angereist, um dem Europa-Start das nötige Gewicht zu geben. Kojima, den das US-Magazin "Newsweek" schon 2002 zu den zehn einflussreichsten Menschen in der Unterhaltungsindustrie zählte, ist ein jugendlich wirkender Mann mit Strubbelhaar und Kunststoffbrille. Er sitzt in einem schwarzen Samtanzug hinter seinem Mikrophon und kommentiert auf Japanisch ein Privatvideo, mit Simultanübersetzung.

Gamedesign mit Insektenspray im Rucksack

Pressekonferenz mit Spiel-Held: "Snake" unter Kristalllüstern
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Pressekonferenz mit Spiel-Held: "Snake" unter Kristalllüstern

Er hat den Film während der Vorbereitungen für das Dschungelspiel aufgenommen, in dem ein einsamer Spezialagent schleichend, kämpfend und Schlangen verspeisend die Welt retten muss. Im Spiel robbt Held "Snake" durch einen russischen Urwald, im Video krabbelt ein Team von Entwicklern über eine urzeitlich anmutende japanische Insel, kocht Wasser ab, sprüht Insektenspray auf die Handgelenke, hält Mikrophone ins Gebüsch, um Waldgeräusche aufzuzeichnen. Pfadfinder-Gamedesign.

Dann kommt der große Knall, oder besser gesagt, er kommt nicht. Nachdem Kojima drei bis vier mal betont hat, "Snake Eater" sei der dritte und damit letzte Teil einer Trilogie, wird eine Folie mit einer riesigen Vier auf die Leinwand geworfen - aber die versammelten Journalisten, Fans und Mitarbeiter bleiben stumm.

Shuttle-Service: Busse ohne Winterreifen
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Shuttle-Service: Busse ohne Winterreifen

"You guys are not reacting!", ruft einer aus der versammelten Konami-Führungsriege, doch die rechte Aufregung will sich nicht einstellen. Das Team, das die nun eben doch geplante nächste "MGS"-Folge gestalten soll, wird vorgestellt, ohne große Resonanz. Vielleicht auch deshalb, weil Mastermind Kojima diesmal nur als Executive Producer auftritt, an der eigentlichen Gestaltung ist er nicht mehr beteiligt.

Abends werden Journalisten und Mitarbeiter dann mit Bussen zu dem aus Kriegsschutt aufgetürmten Teufelsberg gefahren - und müssen erst mal unten warten, denn es liegt Schnee in Berlin, und die Busse schaffen die Steigung nicht. Schließlich findet sich ein kleineres Fahrzeug, die inzwischen reichlich ungeduldig gewordenen Gäste - einige haben sich schon zu Fuß auf den Weg gemacht - werden nach und nach zum Horchposten hinaufgefahren. Dort bietet sich ein gruseliges Bild: Grafittibedeckte Betonmauern, Tarnnetze, riesige, kugelförmige Antennengehäuse, die so genannten Radome, schimmern in bläulichem Scheinwerferlicht.

Gogo-Girls und maskierte Hünen im Kampfanzug

Event-Statist: Hünen mit Plastikwaffen
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Event-Statist: Hünen mit Plastikwaffen

Drinnen wird es noch martialischer. Die Wände des Hochbunkers sind mit Tarnfarben bemalt, überall stehen maskierte Hünen im Kampfanzug, Plastikwaffen im Anschlag. Damit die vier Stockwerke der Militärinstallation nicht ganz so verlassen wirken, hat man bei Konami die Türsteher einiger Szeneclubs angehalten, hippe Menschen für die Veranstaltung anzuwerben. Ein paar B-Prominente sind auch da.

Das Szenevolk drängt sich ums glücklicherweise warme asiatische Buffet, hält Cocktailgläser in klammen Fingern - und friert. Die paar aufgestellten Heizlüfter haben keine Chance gegen die Kälte, die das riesige Gebäude fest im Griff hat. So bleiben die "Game Lounge" und die von zwei DJs beschallte Tanzfläche in einem der eisigen Radome weitgehend leer. Die Gäste drängen sich um die Heizlüfter und aneinander. Hauptgesprächsthemen sind die Temperatur und die Frage, was das alles wohl gekostet hat. Auch zwei Kampfkunst-Demonstrationen und eine einsame Gogo-Tänzerin können da nichts ausrichten. Nur der Alkohol hilft ein bisschen.

Tanzfläche in Abhörstation: Eisige Radome
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Tanzfläche in Abhörstation: Eisige Radome

Gegen 12 Uhr hat sich das Gebäude schon merklich geleert, der Shuttlebus ist im Dauereinsatz. Hideo Kojima ist schon längst wieder in seine Chaika-Limousine gestiegen. Ihm dürfte die Berliner Märzkälte reichlich egal sein. "Snake Eater" hat sich in den USA und Japan bislang schon zweieinalb Millionen mal verkauft, die europäische Startauflage liegt bei 1,4 Millionen.

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