Wagniskapital Ohne Deutschland in die Zukunft

Die digitale Welt wird immer amerikanischer, weil sich der Geldkreislauf auf das Silicon Valley konzentriert. Deutschland gilt den Wagniskapitalgebern als zu risikoscheu und bürokratisch. Die deutsche Wirtschaft droht abgehängt zu werden.

Eine Kolumne von , San Francisco

Wagniskapitalgeber Ben Horowitz: "Deutschland ist so risikoscheu, es ist lächerlich"
REUTERS

Wagniskapitalgeber Ben Horowitz: "Deutschland ist so risikoscheu, es ist lächerlich"


An dieser Stelle berichtet SPIEGEL-Korrespondent Thomas Schulz in einer wöchentlichen Kolumne aus dem Silicon Valley und blickt hinter die Kulissen der digitalen Revolution, die rund um die Welt Gesellschaft und Wirtschaft verändert.

Zum Autor
  • Sarah Girner
    Thomas Schulz ist USA-Korrespondent des SPIEGEL, zunächst vier Jahre in New York, jetzt in San Francisco. Fulbright-Stipendiat, Forschungssemester in Harvard. Erlebte Aufstieg und Fall der New Economy bei einem Frankfurter Internet-Start-up. Seit 2001 beim SPIEGEL. Ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik, Reporter des Jahres.
Im Englischen gibt es einen wunderbaren Begriff für Menschen, die großen Einfluss haben: "Rainmaker", die Regenmacher. Im Silicon Valley gibt es außergewöhnlich viele solcher Rainmaker. Es sind die Wagniskapitalgeber. Sie lassen buchstäblich das Geld regnen über den Köpfen der Start-up-Gründer und Nachwuchsunternehmer. Jedes Jahr verteilen sie Milliarden Dollar und haben damit wesentlichen Einfluss darauf, welche neue Technologie, App oder Internetsensation wir wenig später zu sehen bekommen.

Die wichtigsten Rainmaker sind derzeit Marc Andreessen und Ben Horowitz. Sie gehören zu den Pionieren des Internets, gemeinsam zogen sie unter anderem den Webbrowser Netscape hoch und wurden damit reich. Seitdem sie vor einigen Jahren unter die Venture-Kapitalisten gegangen sind, haben sie viele der wichtigsten Silicon-Valley-Phänome mitfinanziert und deren globalen Erfolg ermöglicht. Darunter Facebook, Twitter, Airbnb, Skype und Pinterest. Ben Horowitz hat sich dabei den Spitznamen "CEO-Flüsterer" erworben. Facebook-Chef Mark Zuckerberg nennt ihn den "Management-Guru für alle jungen Unternehmer im Silicon Valley".

Manchmal rappt Horowitz seinen Rat an Jungunternehmer und formuliert seine Management-Tipps mit Hilfe von Songtexten bekannter HipHop-Künstler. Wenn Gründer mehr Mut beweisen sollen, bedient er sich etwa bei Ice Cube und rät: "If you are scared motherfucker, go to church." Die Lobby von Andreessen Horowitz in einem eleganten Flachbau am Rande von Menlo Park ist dekoriert mit Originalaufnahmen von Atombombentests. Das alles wirkt manchmal etwas brachial. Aber trifft man Horowitz in seinem Büro, erlebt man einen sehr freundlichen Mann in Pulli, Jeans und Turnschuhen, der während des ganzen Gesprächs nicht einmal die Stimme hebt.

Horowitz hat ein Buch darüber geschrieben, wie man ein Start-up zum Erfolg führt. Es heißt "The Hard Thing about Hard Things" und ist in kürzester Zeit zum Standardwerk für Unternehmensgründer im Silicon Valley geworden.

Es ist quasi eine Anleitung, was zu tun ist, um erst fünf Millionen Dollar Anschubfinanzierung zu bekommen und damit ein Unternehmen zu basteln, das 500 Millionen wert ist.

Wer allerdings versucht, in Berlin oder Frankfurt am Main ein Start-up hochzuziehen, kann alle Ratschläge und Regeln punktgenau befolgen und hat trotzdem nur geringe Chancen mit Millionen überschüttet zu werden.

Hervorragende Informatiker und Ingenieure gibt es reichlich

Für Wagniskapitalgeber sei Deutschland "sehr schwierig", sagt Horowitz. Das klingt zunächst noch diplomatisch. Doch dann fügt er hinzu: "Deutschland ist so risikoscheu, es ist lächerlich", sagt Horowitz. Er rollt mit den Augen.

Am Personal liege es nicht, betont Horowitz. Hervorragende Informatiker und Ingenieure gebe es reichlich. "Jeder kann sehen, was für außergewöhnliche Produkte Deutschland hervorgebracht hat", sagt Horowitz. In der Vergangenheit zumindest.

Dann spricht er lange und ausführlich über Regulierung und Arbeitsmarktgesetze in Deutschland. Dass es drei Monate dauere, ein Unternehmen zu gründen. Dass, wenn es nicht gut läuft, kaum eine andere Möglichkeit bleibe, als "gleich ganz zuzumachen", weil nicht schnell und einfach Personal abgebaut werden könne. Dass es an Unternehmergeist mangele. Er spricht von "dieser Art von Kultur", langsam und vorsichtig, die im Widerspruch stehe "zur dynamischen Welt der Software".

Vor allem bei Geschäftsideen für das Internet, das so schnell und häufig die Richtung wechsle, könnten drei Monate eine Ewigkeit sein.

Schließlich sagt er: "Es ist fast unmöglich, bei solchen Voraussetzungen gegen eine extrem risikotolerante Welt wie das Silicon Valley zu bestehen." Er schätze die deutschen Fachleute zwar sehr. "Aber für uns ergibt es mehr Sinn, den deutschen Ingenieur abzuwerben und ins Silicon Valley zu verpflanzen."

Unternehmerisches Scheitern wird hierzulande stigmatisiert

Das Problem ist, dass Horowitz alles andere als eine radikale Position vertritt. So denken die meisten Geldgeber im Valley. Und auch die in New York. Und die Sparkasse in Hamburg, Hannover oder Wuppertal sowieso. Deutsche Technologie-Unternehmensgründer haben es im globalen Vergleich viel schwerer, ausreichend Finanzierung zu finden.

Das ist ungerecht. Denn es liegt nicht daran, dass es die Deutschen nicht können. Tolle Start-ups, motivierte Gründer und hervorragende Programmierer gibt es reichlich.

Es ist ein Teufelskreis: Ohne ausreichende und langfristige Finanzierung ist die Chance zu scheitern weit höher. Das senkt die Risikobereitschaft. Denn unternehmerisches Scheitern wird hierzulande noch immer stigmatisiert.

Deswegen sind in den vergangenen Jahren nicht Tausende Technologie-Start-ups entstanden, wie man es in einem Land der Erfinder und Ingenieure eigentlich erwarten würde. SAP ist noch immer das einzige deutsche Software-Unternehmen von Weltrang. Kein globales Phänomen des digitalen Zeitalters kommt aus Deutschland.

Es besteht kein Zweifel, dass die Amerikaner uns im Moment abgehängt haben. Was aber, wenn sie noch weiter davonlaufen? Wenn die neue IT-Dominanz beginnt, sich durchzuschlagen auf andere Industrien? Das scheint unausweichlich, denn die Digitalisierung überrollt längst alle Wirtschaftsbereiche.

Schon aus volkswirtschaftlichem Interesse darf Deutschland deswegen nicht den Anschluss verlieren. Aber es geht noch um mehr, um die Frage, wie wir in der digitalen Welt leben wollen.

Denn alle Erfahrung lehrt: Wer das Spiel dominiert, bestimmt auch die Regeln.

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insgesamt 152 Beiträge
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zufriedener_single 10.05.2014
1. Ach? Und der Fachkräftemangel?
Deutschland lebt seit Jahrzehnten von der Substanz. Nun ist die Substanz allmälich aufgebraucht und es wird rapide bergab gehen.
raly 10.05.2014
2. ...
Zitat von sysopREUTERSDie digitale Welt wird immer amerikanischer, weil sich der Geldkreislauf auf das Silicon Valley konzentriert. Deutschland gilt den Wagniskapitalgebern als zu risikoscheu und bürokratisch. Die deutsche Wirtschaft droht abgehängt zu werden. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/startups-wagniskapital-deutschland-scheut-das-risiko-a-968637.html
So ist es, ganz genau so ist es! Wir duerfen einfach nicht vergessen, dass das investment banking eine deutsche Erfindung ist, das es Deutschland im 19. jahrhundert ermoeglichte unglaublich schnell wirtschaftlich zu wachsen... Sowas braeuchten wir nun wieder! Risikofreudige Anleger, die den Mumm haben auch mal Richtig Geld zu verdienen, die das auch wirklich wollen!!
appendnix 10.05.2014
3. Danke für diesen kurzen wie klaren Artikel!
Das sollen mal all jene lesen, die bei 60% Sozialausgaben noch mehr Sozialausgababen fordern. Ich mein dabei nicht die beratungsresisten numerischen Nullen vom Schlage Nahles, Kippling, Riexinger und Gabriel, da ist sowieso Hopfen und Malz verloren.
hierundjetzt59 10.05.2014
4.
Zitat von sysopREUTERSDie digitale Welt wird immer amerikanischer, weil sich der Geldkreislauf auf das Silicon Valley konzentriert. Deutschland gilt den Wagniskapitalgebern als zu risikoscheu und bürokratisch. Die deutsche Wirtschaft droht abgehängt zu werden. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/startups-wagniskapital-deutschland-scheut-das-risiko-a-968637.html
Wagniskapital ? "Zocker fürchten Deutschland" wäre die bessere Überschrift. gruss
schutsch 10.05.2014
5. Gurlitt & Co
Dass der Kunstsammler seine Milliardenteuren Bilder der Schweiz schenkte, ist ein deutliches Zeichen dafür, daß es mit Deutschland vorbei ist. Die langen Kohl und Merkel-Zeiten haben einen enormen Reformstau hinterlassen. Wenn man in Deutschland forscht und arbeitet lauern permanenet arglistig Behörden auf ein, die, wenn sie in Erscheinung treten, einen wie einen Schwerverbrecher behandeln: Finanzamt, Zoll, Jugendamt... Die Schulpflicht ist wie ein indirekter Mord an unseren Kindern. Die Angst vor Entrechtung nimmt einen die Lust Familie zu gründen. Wenn man doch welche bekommt, wird man gezwungen sie in den "Schulen" verwahrlosen zu lassen...
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