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Station Rose: Daten-Dandys "playing now"

Von F. E. Rakuschan

Das in Frankfurt arbeitende Künstlerduo Station Rose gehört seit Jahren zur Multimedia-Avantgarde. Live-Webcasts, Welttournee und neue CD bieten Anlass für ein längst fälliges Porträt von SPIEGEL ONLINE.

"Wien bleibt Mekka für Zukunftsforscher", titelte "Der Standard" in einem Bericht über die kürzlich in Wien abgehaltene Veranstaltung scope 1. Vor 500 Konferenzteilnehmer sprachen 25 Experten für Neue Medien über Wissensdesign. Mit konkreten Vorschlägen demonstrierten sie, wie die Informationswolken im Internet mit moderner, vereinfachter Technologie besser strukturiert verfügbar gemacht werden können. Bemerkenswert dazu ist, dass viele der Referenten ursprünglich Komponisten, Drehbuchautoren, Designer und Ähnliches sind.

Einer der Vortragenden war Ted Nelson, der sich unter dem Titel "The Structure and Boundaries of Information" an die Zuhörerschaft wandte. Nelson, der derzeit an der Keio University in Fujisawa lehrt, gilt als Vater von Hypermedia. Dieser Begriff bezeichnet, knapp gefasst, jene Anwendungen der elektronischen Verarbeitung, Speicherung und des Austauschs von Daten, die die unterschiedlichen Medien Text, Bild und Ton verbinden. Hypermedia markiert zugleich auch die Abkehr vom Einweg-Sender-Empfänger-Modell der Massenmedien durch die Möglichkeiten des individuellen Gebrauchs, wie es Bertolt Brecht schon 1932 beim Medium Radio gefordert hatte. Diese Möglichkeiten können heute von den digitalen Kommunikations-Netzwerken auch technisch eingelöst werden. Nelson hat nicht nur 1965 den Begriff Hypertext erfunden, sondern Hypermedia früher als alle andere erforscht, weitergedacht und mit seinem System "Xanadu" praktisch erprobt. Kein Wunder also, dass Nelsons Visionen mit seinem erstmals 1974 erschienenen Buch "Computer Lib - Dream Machines" einer ganzen Generation zum Kultbuch wurde und für jetzt mindestens schon fünf Generationen von Medienkünstlern als Leitidee gilt.

Auch das Duo Elisa Rose (Visualisierung) und Gary Danner (Musik, Komposition) borgten sich den Begriff Hypermedia von Nelson, als sie am 11. März. 1988 in einem ehemaligen Geschäftslokal an einer verkehrsreichen Straße in Wien ihre "Station Rose" eröffneten. Noch Jahre vor einer tatsächlich elektronischen Vernetzung erklärten sie ihre Unternehmung zu einer "multimedialen Kunststation". Damit betraten sie keineswegs absolutes Neuland. Immerhin wurden in Wien seit Ende der siebziger Jahre sogenannte telematische Projekte initiiert. Der Anstoß dazu kam von dem in Wien lebenden aus Kanada gebürtigen Robert Adrian X, der sich schon Jahre davor an Telekommunikationsprojekten beteiligt hatte. Zusammen mit dem Soundskulpteur Hank Bull realisierte Adrian X ab 1979 die sogenannten "Wiencouver" - Projekte, wobei in telematischer Weise Wien mit Vancouver verbunden wurde.

Station Rose kann aber für sich in Anspruch nehmen, zu einer Zeit, als sich die Medienkunst tendenziell apollinischer Langeweile zuneigte, diesem Diskursstrang im Crossover von Kunst, Pop und Neuro-mantik eine quasi Frischzellenkur verpasst zu haben. Spätestens seit Fluxus, wo mit synästhetischer Vehemenz im Rückgriff auf die klassischen Avantgarden der Moderne die Verbindung von Kunst und Leben eingeklagt wurde, leistet Pop adäquat die Versöhnung der Kunst mit der permissiven Massendemokratie. Situiert man Station Rose (STR) zwischen den anderen damaligen Wiener Kunst-Frischzellen, das waren ZYX (Walter Eberl und Inge Graf) und Monoton (Konrad Becker und Eugenia Rochas), so lässt sich sagen, dass Elisa Rose und Gary Danner als erste im Wiener Kunstfeld zum Daten-Dandyismus abgehoben haben. Nach der Amsterdamer Agentur Bilwet nimmt der "Daten-Dandy" den Platz des vormaligen Cyberpunks ein.

Nachhaltig wie ihr mehrmonatiger Aufenthalt in Kairo von Ende 1988 bis Mitte 1989 prägte die Veranstaltung "Cyberthon - a 24 hour adventure in Virtual Reality" 1990 in San Francisco das Schaffen von STR. Hier trafen sie erstmals persönlich auf die cybernautischen Wortführer wie John Perry Barlow, William Gibson, Terence McKenna und Howard Rheingold. Mit Timothy Leary waren sie erstmals persönlich auf der Ars Electronica '90 in Linz zusammengetroffen. Ein Wiedersehen gab es beim legendären "Acid test of the 90ies" in San Francisco, zu dem man STR als einzigen europäischen Beitrag eingeladen hatte. Seitdem waren Rose und Danner Timothy Leary bis zu seinem Tode in Freundschaft verbunden.

Bald nach ihrem Umzug von Wien nach Frankfurt am Main im Jahre 1991 begann STR sich praktisch mit dem Internet auseinanderzusetzen. Das Duo schloss sich der virtuellen Gemeinschaft WELL (Whole Earth 'Lectronic Link) an, erste Adresse für Cybernauten mit Sitz in Sausalito in Kalifornien. Und 1992 war STR bereits ein fixer Bestandteil der Frankfurter Musikevent-Szene mit regelmäßigen Multi/Hypermedia-Clubbings, etwa im legendären Hip-Club XS. Nach und neben der Produktion von Maxi-Singles, LPs und Audio-CDs kamen auch CD-ROM-Produktionen hinzu. 1995 eröffneten sie ihren WWW-Homepage-Bauplatz. Hypermedia beziehungsweise Mediamatik bestimmten nun vollends ihre künstlerische Praxis. Für ihre Homepage erhielten sie bei der Ars Electronica '95 zwar nur einen Anerkennungspreis, von WELL wurden sie jedoch auf Platz 1 der Favourites-Liste geführt. Seit 1996 fungierte STR als "Hosts of the Frankfurt Conference" und als WWW-Jammers bei Howard Rheingolds "Electric Minds". Der Vertragsunterzeichnung mit Sony Music Germany folgten 1997 die Veröffentlichungen der CD extra "Phosphoric Brain Massage" und der Maxi-Single "Tree" unter dem Major-Label. Das zeitgleich produzierte Video "Tree" war 1998 im deutschen Musiksendekanal VIVA zu sehen.

Ungeachtet des "anything goes" reklamiert STR in bester Kunsttradition gewisse Erstansprüche. Seit 1992 haben die beiden ihr Performancemodell "Public Brain Session", erstmals in der Nacht vom 9. zum 10. März 1990 in einem Wiener Szenelokal vorgestellt, mittels Computer und Modemanschluss in den sogenannten elektronischen Raum ausgeweitet. MIDI-taugliche Geräte wie Keybords und Mischpulte ermöglichten es, die Performance in einem Verbund zentral über einen Computer zu steuern. Während des Performanceablaufs konnte online auf Postings anderer Netzbewohner zugegriffen werden, diese mit eigenen Bildern und Tönen gemixt und der Aufführungsort über Soundanlage und Beamer in ein multimediales Environment verwandelt werden. "Echtzeit-Multimedia Sequencing: Sound and Visuals LIVE" wurde auf den STR-Flyers versprochen. Zudem "E-Mail ONLINE Parties mit THE WELL/Californien, 300 BPM und Theta Frequenzen." In diesem Setting bleibt der Blickkontakt der Performer nicht auf das anwesende Publikum beschränkt, sondern ist via CU-SeeMe und Video-Conferencing auch mit anderen Personen mit entsprechender Schnittstelle möglich, die sich online an dem Clubbing beteiligen können. Station Rose ist die Unternehmung, die "Multimedia-Online-Clubbings" dieser Art (zumindest in Europa) erstmals veranstaltet hat.

Jetzt ist Station Rose mit ihrer "playing now world tour" wieder in der haptischen 3D-Welt unterwegs. Mit im Gepäck ihre neue CD "playing now", St. Tropez Techno meets Drum & Bass für Erwachsene (so die Eigendefinition), und die Vinylscheibe "live@home" mit akustischen Mitschnitten der seit Januar 1999 stattfindenden Live-Webcasts von STR. Am 2. Oktober sind sie im Rahmen des Earth Dance Festivals vor zirka 1000 Personen aufgetreten. Am 8. des Monats waren sie in der Wiener Galerie Trabant zu Gast, nur wenige Gehminuten von ihrem einstigen Stationslokal entfernt. Am 12. 10. folgte ein Auftritt in der U60311-Bar in Frankfurt. Weitere Acts in Berlin, Luzern, San Francisco und Los Angeles sind fixiert.

Unter http://www.stationrose.com gibt es den genauen Datenplan der Tour, dort finden auch Live-Webcast-Acts statt, die auch als Mitschnitte abgerufen werden können. Auf ihrer Homepage http://www.well.com/user/gunafa gibts Infos, und über Electric Minds kann man sich auch via Chat mit dem Duo unterhalten. Ende letzten Jahres erschien im Wiener Verlag edition selene (selene@t0.or.at) das Buch "station rose: 1st decade", welches das Schaffen von STR in den Jahren von 1988 bis 1998 beschreibt.

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